documenta 13: Wo Hunde und Steine reden

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Griechische Antike: Dieses Tafelbild von documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mit einem Zeitstrahl entstand in einem Workshop an der Kunstakademie Münster. Sie schätzt besonders das skeptische Denken des Philosophen Sextus Empiricus.

Kassel. Was wohl die Miet-Lkw transportieren, die ständig vor dem Fridericianum parken? 50 Tage dauert es, bis die Geheimnisse der documenta 13 gelüftet werden. Spekulieren darf man schon jetzt. Thesen zu möglichen Merkmalen der nächsten documenta.

documenta-Besucher müssen gut zu Fuß sein. Zwar reihen sich einige Ausstellungsorte aneinander wie Fridericianum, documenta-Halle und Ottoneum. Aber um alle verstreuten Standorte vom Weinberg zum Kulturbahnhof und bis in alle Winkel der Karlsaue abzulaufen, werden die Glieder schmerzen. Wie Behinderte diese documenta der langen Wege bewältigen, wird eine Herausforderung.

Wissenschaft steht im Zentrum. documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev begreift Erkenntnisse von Biologen, Physikern und Philosophen als Teil ihrer Ausstellung. Letztlich erweitert sie so den Kunstbegriff, und sie definiert die Rolle der documenta neu. Ob sich Forschung und Kunst befruchten, wie das praktisch aussieht?

Die Sprache der documenta ist nicht die des Publikums. Wenn Christov-Bakargiev Denker von Sextus Empiricus bis Adorno und Lacan zitiert, wenn sie von „dystopischen Räumen“ und „nichtlogozentrischen“ Weltbildern spricht, erreicht sie viele der erwarteten Hunderttausende nicht. Eine Kunstschau mit schwer verdaulicher Theorie wäre für viele Besucher eine Enttäuschung. Aber vielleicht wird alles anders: Theoriegebirge jetzt, ab 9. Juni eine den Besuchern zugewandte, lebendige, eingängige und populäre Kunst.

Das Vermittlungsprogramm geht Risiken ein. Gerade wegen des Theorieballasts sind die Führungen entscheidend. Die dafür eigens ausgebildeten „weltgewandten Begleiter“ vom Abiturienten bis zum Rentner entstammen allen möglichen Berufsgruppen. Sie sollen mit den Gästen in einen Dialog treten. Wer 11 Euro für zwei Stunden Rundgang bezahlt, wird aber vermutlich in erster Linie Antworten erwarten: handfeste Erklärungen. Was alle „Companions“ eint: ein persönlicher Kassel-Bezug.

Kassel ist Christov-Bakargiev wichtig. Zwar kokettiert sie, die documenta könne in Kabul oder sonstwo stattfinden, aber sie legt gezielt Fährten in die Kasseler Geschichte (auch mit der Einbeziehung der Gedenkstätte Breitenau) und dockt die documenta am Ursprung an - schon mit dem Motto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ und Werbepostkarten, die Aufnahmen von 1955 zeigen. Indem die Karlsaue umfangreich bespielt wird, knüpft sie an die Bundesgartenschau an, in deren Beiprogramm die erste documenta stattfand. Viele Kunstwerke entstehen für Kassel, beziehen sich auf Kassel. „CCB“ nimmt die documenta-Stadt ernst. Auch, indem Künstler länger präsent sein werden. Angekündigt ist ein umfangreiches 100-Tage-Programm.

Eine andere Welt ist möglich. Zumindest in der Vorstellung des documenta-Teams. Es ist eine Welt, in der der Gedanke der Nachhaltigkeit betont, vor negativen Folgen ungehemmten wirtschaftlichen Wachstums gewarnt und Coca-Cola als weltumspannendes, kapitalistisches Symbol von den Imbissständen verbannt wird.

In der bei der Präsentation des Sponsors VW verteilten Pressemappe lag das Notizbuch der indischen „Umweltaktivistin und Ökofeministin“ Vandana Shiva. Ökologie wird ein großes Thema. Man mag naiv finden, dass die Künstlergruppe AND AND AND (die in den USA Anhörungen zum Wirken des Monsanto-Konzerns gestartet hat) Kasseler Initiativen versammelt hat, die Brachflächen in Gartenland verwandeln, und dass dort vom gemeinsamen herbstlichen Pflaumenmus-Kochen geschwärmt wurde. So wird unser Wirtschaftssystem nicht revolutioniert. Aber die documenta nimmt ein verbreitetes, auch in der Occupy-Bewegung artikuliertes Unbehagen über den Zustand der Finanz- und Wirtschafts-Weltordnung auf. Wo, wenn nicht auf der documenta, sollten diese Themen verhandelt werden?

Auch Hunde sprechen. Und sogar Steine. Mitunter wird es bei Christov-Bakargiev allerdings arg esoterisch. Die documenta „teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen“, so formuliert sie. Der Hundekalender, den sie zusammengestellt hat, war mehr als ein Spleen. Auch dass der Meteorit „El Chaco“ aus Argentinien nach Kassel transportiert werden sollte, ist beispielhaft. Der Felsblock hätte viel ausgesagt über Themen wie Kolonialismus und Forschungsfieber.

Die documenta ist kein Olympia der Kunst. Sie wird keine „Leistungsschau“ der teuersten Künstler. Zwar sind Turner-Preisträgerinnen wie Susan Philipsz und Tacita Dean und documenta-„Veteranen“ wie William Kentridge dabei. „CCB“ gibt aber vor allem jungen, vielversprechenden Künstlern aus Peripherien eine Plattform, nicht vertrauten, großen Namen Europas und der USA.

Die Konkurrenz wächst. Die documenta hat es schwerer, sich zu behaupten. Manifesta (2012 in Genk, Belgien), Berlin-Biennale, „Made in Germany“ in Hannover - für zeitgenössische Kunst gibt es keinen Kasseler Alleinvertretungsanspruch. Vom globalisierten Kunstmarkt zu schweigen. Das bedeutet auch: So viel Gegenwartskunst war nie. Davon wiederum profitiert auch die documenta.

In der Freitagsausgabe der HNA nennen wir sämtliche Künstler, mit deren documenta-Teilnahme gerechnet werden kann. Das sind nach jetzigem Kenntnisstand bereits über 50 Namen.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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