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Rückblick: documenta 2 in Kassel (1959) – Die Ausstellung als gesellschaftliches Ereignis

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Von: Bettina Fraschke

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Zeitzeugen zu Arnold Bode
Ein Fahnenwald: Werbung mit dem dII-Logo für die documenta 1959 vor dem Fridericianum. © Wenderoth Verlag

Bei der documenta 2 in Kassel finden erstmals amerikanische Künstler Würdigung. Im Mittelpunkt steht 1959 das Abstrakte. Die Orangerie wird als Anziehungspunkt inszeniert.

Kassel – Vor Beginn der documenta fifteen am 18. Juni 2022 blicken wir in einer Serie auf die bisherigen 14 Ausstellungen zurück. Heute: Die zweite documenta in Kassel im Jahr 1959.

Für documenta-Chefplaner Werner Haftmann stand Ende der 1950er-Jahre eins unverrückbar fest: „Die Kunst ist abstrakt geworden.“ Das war seine zentrale Grundlage zur Konzeption der zweiten documenta. Im Einleitungstext des Katalogs bilanzierte er: „Eines ist sogleich festzustellen, dass die ganze große Domäne der Auseinandersetzung mit den optischen Erscheinungsbildern der Gegenstandswelt nur noch schwache Impulse herzugeben vermag.“ Zugleich wendet er sich grundsätzlich ab vom Sozialistischen Realismus der DDR und Ostblockstaaten, den er als „politisch reglementierte Kunstübung“ wertet. Qualität entstehe nur „unbehindert von außerkünstlerischen Forderungen in Freiheit“.

So nannte er in seiner Eröffnungsansprache Freiheit und Liebe die „sittlichen Grundimpulse der modernen Kunst“, wie unsere Zeitung damals berichtete. Die zweite documenta sollte nach seinen Worten ein Ort der „gemeinsamen Gewissenserforschung“ sein.

Zahlen zur documenta 2

Die documenta II fand vom 11. Juli bis 11. Oktober 1959 statt. Laut Website der documenta nahmen 339 Künstler mit 1770 Werken an ihr teil, es kamen 134.000 Besucher zu den drei Spielorten Museum Fridericianum (Malerei), Orangerie (Plastik) und Palais Bellevue (Grafik). Budget: 991.000 D-Mark.

documenta II: Weltkunstausstellung lenkte Blick erstmals in Richtung USA

Nach Erfolg, viel Beachtung in der Fachwelt und einhelligem Lob für die erste documenta stellte sich für das Team um Haftmann und Arnold Bode die Frage, wie es weitergehen kann und soll. Geplant war ein vierjähriger Rhythmus. Eine Verstetigung der Strukturen durch die Gründung der documenta GmbH war dazu ebenso nötig wie – ganz akut – die inhaltliche Konzeption einer neuen Ausstellungsausgabe.

So begann die Tradition, einen Überblick über die Gegenwartskunst anzustreben. Hier lenkte man den Blick erstmals weg aus Europa in Richtung USA. Ausgewählt von Porter McCray, Kurator des New Yorker Museum of Modern Art, wurden US-Künstler ins Fridericianum eingeladen. Vielfach waren es sehr großformatige Werke, die das heimische Publikum mit dem abstrakten Expressionismus etwa eines Jackson Pollock vertraut machten. Dazu wurden Pioniere der klassischen Moderne gezeigt, etwa Kandinsky. Dass die „Amerikaner“ so viel Raum bekamen, auf Kosten anderer Künstler, die ins Obergeschoss des Fridericianums verbannt wurden, stieß aber auch auf Kritik.

Karlswiese als „Kraftzentrum“ der documenta 2 in Kassel: Die Schau wird zum Anziehungspunkt

Sein Händchen für spektakuläre Gestaltung bewies Arnold Bode nach 1955 mit der wegweisenden Inszenierung der Ruine des Fridericianums als Spielort bei der zweiten Ausstellungs-Ausgabe erneut. Wieder nahm Bode sich eine städtische Ruine vor: die Orangerie. Sie wurde zum eindrucksvollen Hintergrund für die Präsentation der großen Skulpturen. Zusammen mit weiß gekalkten Backsteinmauern bot sie einen imposanten Rahmen für Werke von Henry Moore, Pablo Picasso und anderen. Eine „torsohafte Monumental-Skulptur“ nannte Kunstkritiker Dirk Schwarze die künstlerische Präsentation des Gebäudes.

Sommernachtstraum vor der Ruine der Orangerie
Sommernachtstraum vor der Ruine der Orangerie: Der Skulpturengarten gehörte zu den Höhepunkten der documenta II. (Archivfoto) © Werner Lengemann

Auf der Karlswiese entstand somit das Kraftzentrum der documenta II. Der Ort, wo Kunstflair spürbar wurde, wo sich internationale Gäste am Brunnen trafen, in dem passend Picassos „Badende“ inszeniert wurden. Man lagerte lässig auf Liegesesseln um die Kunst herum und es entstand, wesentlich stärker als bei der ersten documenta, jene Magnetwirkung der Schau, die bis heute zieht „Die documenta spielte sich wie ein großes Fest ab“, bilanzierte Erhard Göpel in der „Süddeutschen Zeitung“. Die besondere Art der Kunstinszenierung und -auswahl erzeugt (bis heute) die Anziehungskraft fürs kunstnahe wie fürs kunstfernere Publikum.

In der „Zeit“ schrieb Carl-Georg Heise über die Eröffnung und die Wechselwirkung zur Kunst: „Neben schlichten Bohème-Gewändern die elegantesten Modelle aus Paris und New York. Hier ist alles beieinander, was diesem Festival der bildenden Künste das Gepräge gibt, das Positive und das Bedenkliche. Man wird es wiederfinden an den Wänden der Ausstellungsräume.“ In der FAZ hielt zudem Albert Schulze Vellinghausen folgende Beobachtung für erwähnenswert: „Die Kasseler Bürgerschaft, sie interessiert sich.“ (Bettina Fraschke)

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