Was ist geglückt, was ist schiefgegangen?

documenta in Athen geht zu Ende: In Sachen Kunst ein klares Remis

Die documenta ging im Athener Stadtraum oft unter: Plakate von Hans Haacke (links, in Kassel hängen sie unter anderem am historischen Portikus von Sinn Leffers am Friedrichsplatz) und Sanja Ivekovic sehen inmitten der omnipräsenten Athener Graffiti etwas verloren aus.

Kassel/Athen. Nach 100 Tagen schließt die documenta am morgigen Sonntag an ihrem Standort in Athen. In Kassel läuft die Ausstellung noch bis zum 17. September. Wir ziehen Bilanz. 

Das war Top

• Die documenta hat an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Medien haben sich auf Adam Szymczyks frühe Athen-Entscheidung gestürzt, die Ausstellung hatte ein kontroverses Thema, das ihr beizeiten umfassende Medienresonanz verschaffte. Die Neugier auf die Präsenz in der griechischen Hauptstadt war groß. Fachbesucher - Journalisten, Galeristen, Sammler, Kuratoren aus aller Welt - haben beide Standorte angesteuert. Kassel erleidet keinerlei Einbußen, die Besucher strömen - trotz Athen.

Begrüßen in beiden Städten die Besucher: Masken von Beau Dick – hier im EMST.

• Schon Monate vor Beginn öffnete in Athen im Freiheitspark das „Parlament der Körper“ seinen Versammlungssitz. Das Begleitprogramm war ein echtes politisches Statement. Ein Debattenforum, wo man über die Krise und ihre Konsequenzen sprach, wurde zum lebendigen Ort des Austauschs, der dem Anspruch und Wunsch der documenta, in der Gesellschaft konkret etwas zu bewirken, entgegenkam. In Kassel hingegen eröffnete das Parlament mit einem erschreckend demokratieskeptischen Manifest und geht mittlerweile im Trubel ziemlich unter. 

 • Die faszinierende Stadt Athen besser kennenzulernen, anhand der Kunst viel auch über griechische Geschichte zu lernen - dafür bot die documenta14 eine wunderbare Gelegenheit. Es machte schlicht Spaß, sich Stadt und Ausstellung mit der mühsamen Suche nach den Standorten zu erschließen.

• Für Athen-Reisende ist der Horizont in der Kasseler Ausstellung weiter. Es ist ein Vergnügen zu vergleichen, was welche Künstler wo zeigen – und wie. Manchmal ist das ein Aha-Erlebnis, manchmal ein freudiges Wiedersehen, in seltenen Fällen auch eine Enttäuschung, weil sich Arbeiten sehr ähneln oder doppeln.

Erinnerung an Beuys: Gepfropfter Baum von Sokol Beqiri am Polytechnion.

• Mit Athen, dem „Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation“, wollte Szymczyk die Welt von einem Standpunkt inmitten der Krise betrachten, quasi im Auge des Sturms. Gleichzeitig ist Athen Wiege der Demokratie, die Stadt steht für die Sehnsucht der Klassik nach dem Süden. Diese Aspekte eröffneten der documenta neue Perspektiven - wenngleich künstlerisch nicht immer plausibel umgesetzt.

• In Szymczyks Entscheidung, das Fridericianum für die Sammlung des Athener Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) zur Verfügung zu stellen, sehen manche Kritiker eine rein politische Entscheidung oder gar völlige kuratorische Einfallslosigkeit. Die d14 ermöglichte allerdings nicht nur, dass das EMST überhaupt zum allerersten Mal öffnete, von dieser starken Geste profitieren auch die Kasseler Besucher. Die Haltung jedenfalls, wonach im documenta-Herz nur zweitklassige Griechen gezeigt würden, ist genau die Überheblichkeit, die Szymczyk durch seinen Perspektivwechsel infrage stellen wollte.

Das war Mittel

• In und um Athen leben Millionen, es gibt zig Theatern und Ausstellungsräume. Natürlich ist die documenta dort weniger sichtbarals in der Provinzstadt Kassel, die alle fünf Jahre komplett verwandelt wird von der Kunst. Das konnte in Athen nicht so sein. Dennoch funktionierte die Unterwanderung der Stadt durch die vielen Spielstätten, wo im öffentlichen Raum oder in Museen plötzlich documenta-Kunst auftauchte.

• In Griechenland zeigen sich die drängendsten, folgenschwersten Probleme Europas wie unter einem Brennglas am direktesten: Flüchtlingsströme, Auswirkungen der Finanzkrise, Sparpolitik. Das Motto „Von Athen lernen“ war also gut gewählt. Was kann Europa sich abschauen von seinen südlichen Bewohnern in puncto Krisenbewältigung und Entwicklung von Strukturen, die für die Zukunft fit machen?

Doch ist das Motto vor Ort angekommen? Sehen sich die Griechen selbst in einer Position, in der sie anderen Erkenntnisse weitergeben können – und wollen?

Das war schwierig. Hier schien das Motto nicht zu Ende gedacht, was Erwartungen an die Gaststadt und konkrete Umsetzbarkeit angeht. Leider bleibt auch die Idee, das Magazin „South“ als Nachdenkforum zu nutzen, gut, aber ohne breitere Wirkung.

• Wer keine Chance hatte, nach Athen zu reisen, kann sich um die vollständige d14 betrogen fühlen. Ihm wurde etwas vorenthalten. Die Verlagerung nach Athen werde Gefühle des Verlusts, der Sehnsucht auslösen, hatte Szymczyk prophezeit. Die Verdoppelung zeigte auch, wie wertvoll und kostbar die documenta ist.

• Manche Künstler arbeiteten in Athen und Kassel ganz unterschiedlich, bei anderen ist ihre „Handschrift“ sofort zu erkennen. In der Art der Präsentationgibt es eine klares Unentschieden zwischen beiden Städten. Manche Räume in Athen waren beeindruckend, anderes funktioniert in Kassel weitaus besser. Auch das ist ein Erlebnis: Wie anders Kunst in verschiedenen Kontexten wirken kann.

Das hat nicht geklappt:

• In Stadtteilen, auf Plätzen, in Läden war die documenta in Athen präsent. Aktionen und Performances sollten im städtischen Alltag ein Zeichen setzen und zum Teilnehmen einladen. Die recht didaktische, aber aus der politischen Haltung heraus nachvollziehbare Idee der d14 hat sich nicht erfüllt. Die Resonanz vor Ort blieb schwach, wie Athener berichten.

• Athen war eine – in diesem Ausmaß womöglich ungeahnte – Kraftanstrengung. Lange Zeit musste sich das d14-Team vorrangig auf den Vorab-Auftakt dort fokussieren. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sorgfalt in der Kasseler Vorbereitung am Ende zu kurz kam. Athen musste man sich im Zickzackkurs erobern. In Kassel hat die d14 weniger Hingabe aufgewendet, ungewöhnliche Orte zu erschließen.

Vor dem Abschied der Wanderreiter aufgetaucht: Graffiti gegen die „crapumenta“ (Crap ist Englisch für Scheißdreck).

• Was das Athen-Experiment, bei dem keine Einnahmen durch Eintritte erwirtschaftet wurden, finanziell bedeutet, ist für Außenstehende völlig offen. Die Geschäftsführung weist keine eigenen Zahlen für Athen aus (was, bei allen Schwierigkeiten, etwa Reisekosten der einen oder anderen Stadt zuzuschlagen, im Prinzip natürlich möglich wäre). Wer die documenta nur mit einem Mindestmaß an Sympathie betrachtet, muss hoffen, dass Athen, was allein die Kostenbetrifft, kein Desaster war.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.