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documenta in Kassel: Asia Art Archive zeigt Sammeltätigkeit im Fridericianum

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Von: Bettina Fraschke

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Samira Bose (von links), Özge Ersoy, Susanna Chung und John Tain vom Asia Art Archive in ihrem Ausstellungsraum im Fridericianum.
Präsentieren ihre Institution: Samira Bose (von links), Özge Ersoy, Susanna Chung und John Tain vom Asia Art Archive in ihrem Ausstellungsraum im Fridericianum. © Andreas Fischer

Das Asia Art Archive ist ein Art lebendiger Kunstspeicher. Die Institution ist Teil der documenta fifteen in Kassel.

Kassel – Wie können wir aus dem alltäglichen Leben der Menschen allgemeinverfügbares Wissen machen? Dieser Frage stellt sich seit über 20 Jahren das Asia Art Archive mit Hauptsitz in Hongkong und Dependancen in Neu Delhi und New York City. Auf der documenta ist die überwiegend durch Stiftungen und Spenden finanzierte Institution eingeladen, sich in Nachbarschaft anderer Archive in der ersten Etage des Fridericianums vorzustellen.

„Wir sammeln Kunst und Geschichten und möchten sie wieder in die Gemeinschaften einspeisen“, erklärt Susanna Chung. Dabei kommt es ihnen vor allem darauf an, weniger bekannte Traditionen sichtbar zu machen, so Özge Ersoy, „es ist immer wichtig, sich zu fragen, wer derjenige ist, der eine Geschichte erzählt“.

Sie selbst wollen dabei bewusst nicht als Experten auftreten, bewahren etwa Archive von Künstlern. In ihrem Ausstellungsbereich geben sie drei Kollektiven Raum, die sich mit der Frage der Archivierbarkeit von Kunst und von kunsthandwerklichem Brauchtum beschäftigen.

Mit dieser Arbeit von On-Anong Glinsiri präsentiert sich das Kollektiv Womanifesto.
Frauen und Textilkunst: Mit dieser Arbeit von On-Anong Glinsiri präsentiert sich das Kollektiv Womanifesto. © Andreas Fischer

So gehören zu den Exponaten Fotos einer alten indischen Tradition, die von Frauen bis heute praktiziert wird, sagt Samira Bose, „das habe ich von meiner Mutter auch noch gelernt“. Täglich werden auf Türschwellen oder in Eingangsbereichen verschlungene Motive auf den Boden gezeichnet, „Rangolis“, nachts werden sie weggewischt oder sind durch das Darüberlaufen ohnehin zerstört.

Fotos mit diesen Zeichnungen finden sich auch im Treppenhaus des Fridericianums. Fast unscheinbare, aber desto poetischere Zeichen für eine lebendige Kunsttradition. An der Kunstfakultät der Universität Baroda im indischen Bundesstaat Gujarat hat Jyoti Bhatt über Jahrzehnte Fotos dieser Tradition gesammelt. Damit begann man in den 60er-Jahren, erzählt Samira Bose, als das Land nach Kolonialherrschaft und Kriegen auf der Suche nach der eigenen Identität war: „Wer wollen wir sein?“

Das Asia Art Archiv stellt die historischen Fotos des vergänglich-zarten Brauchtums nun auf der documenta fifteen aus. Eine handwerkliche Tradition kommt aus den Dörfern an die Uni und von dort zurück in ein breiteres öffentliches Leben. Ferner sind Kinderbücher von Künstlern ausgestellt, Spielzeug-Tiere, die aus Gebrauchsmaterialien hergestellt wurden und Schablonen, die traditionelle Bildmotive in die Gegenwart holen.

Asia Art Archive zeigt von „Rangolis“ Schwellenmalerei aus Indien.
Im Treppenhaus: Asia Art Archive zeigt von „Rangolis“ Schwellenmalerei aus Indien. © Bettina Fraschke

Thailändische Textiltraditionen greift Künstlerin On-Anong Glinsiri mit Wandbehängen auf, die mit Porträtfotos bedruckt sind. Mit dieser Arbeit ist das Projekt „Womanifesto“ aus Thailand präsent, ein feministisches Kollektiv, das seine Anfänge in den 90ern hatte, und das sowohl Frauen als auch von Frauen praktizierten Handwerkstraditionen mehr Sichtbarkeit verschaffen wollte. Womanifesto hatte bei einem Projekt regionale Handwerkerinnen mit internationalen Künstlerinnen zusammengebracht. Die Berlinerin Karla Sachse griff etwa die dortige Korbflechtkunst auf mit einem Gefäß, das sie aus Zeitungen angefertigt hat.

Drittes Kollektiv im Raum ist das Performance Art Networks. Es zeigt Videos von künstlerischen Auftritten aus Festivals – ein Kunstspeicher. In Hongkong kann das Asia Art Archive, das seit Jahren mit Ruangrupa befreundet ist, wie eine Bibliothek genutzt werden. Es gibt Raum zum Austausch und für Veranstaltungen. Alle Inhalte sind außerdem digital unter aaa.org.hk verfügbar.

Alle Standorte der documenta fifteen finden Sie in unserer interaktiven Karte.

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