1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

documenta: Licht- und Klanginstallation im Rondell bietet Pause vom Alltag

Erstellt:

Von: Valerie Schaub

Kommentare

Licht- und Klanginstallation von Nguyen Trinh Thi in Rondell in Kassel zur documenta fifteen.
Im Rondell können Besucher dem Alltag entfliehen und die Schatten und Klänge von Nguyen Trinh Thi auf sich wirken lassen. Sie werden per Windsignal aus Vietnam gesteuert. © Frank Sperling/documenta

Im Rondell können Besucher dem Alltag entfliehen, die Schatten und Klänge von Nguyen Trinh Thi auf sich wirken lassen. Sie werden per Windsignal aus Vietnam gesteuert.

Kassel – Orte zu besuchen, die einem normalerweise verschlossen bleiben, hat immer einen besonderen Reiz. Die documenta hat diese Plätze schon oft mit Kunst verbunden. Nguyen Trinh Thi hat sich für ihr Werk „And They Die a Natural Death“ den Innenraum des Rondells an der Fulda ausgesucht. Für mich hat sie dort eine andere Zeitzone erschaffen.

Es geht durch einen schwarzen Vorhang in die Tiefe. Besucher tappen im Dunkeln, fühlen mit ihren Schuhen die raschelnden Sitzsäcke am Boden, lassen sich tastend darin sinken.

Kaum haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, tauchen Schatten von Pflanzen auf dem runden Mauerwerk auf. Verschwinden wieder. Tauchen an anderer Stelle auf. Es ist still. Kühl. Modrig. „Pfffffffffffhhh“. Ein Flötenton erklingt leise, sackt einen Ton tiefer und verstummt. „Pfffffffffffhhh“. Wieder Töne, diesmal zweistimmig.

Abgeschirmt von tausend Eindrücken des Alltags gibt es hier unten nur Licht und Dunkelheit, Stille und Klang. Ihr Zusammenspiel hat etwas Meditatives. Es ist wie ein Pausenraum für den Kopf, eine Hängematte für die Seele.

Schattenspiel im Rondell im Detail.
Schattenspiel im Rondell im Detail. © Mark-Christian von Busse

Zu wissen, dass der Wind auf der anderen Seite der Weltkugel dieses Schauspiel aus Schatten und Klang bestimmt, macht das Werk für mich noch faszinierender. Wer beim Warten vor dem Rondell den Text zum Kunstwerk gelesen hat, erfährt, dass in Tam Dao, einem Chilliwald in Nordvietnam, Windsensoren installiert sind. Sie nehmen die Stärke des Windes auf und übertragen das Signal per W-Lan in Echtzeit nach Kassel. Die Intensität des Windes in Tam Dao bestimmt darüber, wann im Rondell das Licht an- und ausgeht, wann und welche Töne wie laut erklingen.

Wieder erscheinen die Konturen eines Chillibusches. Etwas flattert durch die Blätter. „Pffffffffffffffffh“.

Auch von einem Gefangenenlager in den 1960er-Jahren und dem autobiografischen und in Vietnam bis heute verbotenen Roman „Tale Told in the Year 2000“ von Bùi Ngoc Tan war im Text draußen die Rede. Die Künstlerin hat sich von einer Romanszene inspirieren lassen. Sie erzählt davon, wie ausgehungerte Häftlinge nach anstrengender Zwangsarbeit durch diesen Chilliwald stolpern. Der Titel ihrer Installation „And They Die a Natural Death“ lässt Grausames vermuten.

Wer will, kann beim Anstehen in der vor allem abends langen Schlange etwas darüber in Büchern lesen. Sie stehen auf der Mauer neben dem Eingang. Wer im Innern seinen Blick über die Steinwände gleiten lässt, kann sich Gedanken machen über das Schicksal der Zwangsarbeiter oder über das des vietnamesischen Schriftstellers.

Bücher neben dem Rondell.
Bücher neben dem Rondell. © Mark-Christian von Busse

Er kann sich auch umdrehen und hinter dem Gitter die echten Chilipflanzen entdecken, hochschauen und die Bambusflöten über den Köpfen der Besucher erkennen, außen am Rondell den Kasten finden, an dem das Signal aus Vietnam ankommt, und verstehen, wie das Kunstwerk entsteht.

Oder: Den Alltag mit dem schwarzen Vorhang am Eingang hinter sich lassen und einfach abtauchen in diese magische Welt. Sich fallen lassen in einen Sitzsack und alles auf sich wirken lassen: die Schatten der Chillipflanzen, den Klang der Bambusflöten und den Wind aus dem Tam Dao Wald in Vietnam.

Auch interessant

Kommentare