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Kassel: documenta veröffentlicht Liste von Künstlern und Kollektiven in Straßenzeitung

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Von: Mark-Christian von Busse

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Mit der ersten documenta-Ausgabe: Daniella Fitria Praptono (v. l.), Iswanto Hartono (beide Ruangrupa), „Asphalt“-Verkäufer Stefan, Chefredakteur Volker Macke und Reza Afisina (Ruangrupa) vor dem Ruruhaus.
Mit der ersten documenta-Ausgabe: Daniella Fitria Praptono (v. l.), Iswanto Hartono (beide Ruangrupa), „Asphalt“-Verkäufer Stefan, Chefredakteur Volker Macke und Reza Afisina (Ruangrupa) vor dem Ruruhaus. © Andreas Fischer

Das hat es noch nie gegeben: Die documenta hat am 1. Oktober 2021 eine umfassende Liste beteiligter Künstler und Kollektive bekanntgegeben.

Kassel – Die Bekanntgabe erfolgte damit fast ein Dreivierteljahr vor Beginn der nächsten Ausstellung in Kassel am 18. Juni 2022. Ebenso ungewöhnlich ist die Art der Veröffentlichung: Die Namen stehen in der Oktoberausgabe des „Asphalt“-Magazins.

Die Straßenzeitung wird in Niedersachsen sowie auch in Kassel von obdachlosen und sozial benachteiligten Menschen zum Kauf angeboten. Im Frühjahr 2020 hatte „Asphalt“ den in Kassel und Göttingen verkauften „Tagessatz“ übernommen und einen Teil des Büros und viele Verkäufer übernommen, wie Chefredakteur Volker Macke sagt.

„Asphalt“ ist offizieller Medienpartner der documenta fifteen und wird regelmäßig Beiträge zur Kunstschau veröffentlichen. Diese Texte könnten sich weit verbreiten: „Asphalt“ zählt zu einem internationalen Netzwerk von Straßenmagazinen mit Sitz in Glasgow, dem 70 Medien weltweit angehörigen, darunter 30 deutschsprachige.

Das Prinzip sei, „dass wir immer alles teilen“, sagt Redaktionsleiter Macke. Genau das ist für ihn der Grund, warum die künstlerischen Leiter der documenta fifteen, das Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Indonesien, „Asphalt“ ausgewählt haben. Das Teilen von Ressourcen liegt als „Lumbung“-Prinzip dem Konzept von Ruangrupa zugrunde. Lumbung ist das indonesische Wort für eine Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle aller eingelagert wird.

Die gestern bekannt gegebenen Künstlergruppen dürften in der Kunstszene für viele Fragezeichen sorgen. Ein Name aber sticht heraus: Der Künstler und Cherokee-Aktivist Jimmie Durham hat bereits an der documenta 9 und 13 teilgenommen.

Am Freitagmorgen vor dem Ruruhaus war es Verkäufer Stefan, dem Journalisten erste Exemplare förmlich aus den Händen rissen. Der 56-Jährige verkauft die Straßenzeitung seit neuneinhalb Jahren. 2017 hatte er selbst bei der documenta gearbeitet, im Kassenbüro im Fridericianum. „Das ist für mich ein Déjà-vu“, sagte er angesichts der Neugier der Medien.

Straßenzeitung „Asphalt“: 27.000 Exemplare

Die Straßenzeitung „Asphalt“ nennt sich selbst „Hilfe zur Selbsthilfe“-Einrichtung. Die Verkäufer, viele von ihnen wohnungslos, verkaufen das Heft für 2,50 Euro. Sie erhalten die Hälfte, also 1,25 Euro, selbst. Die Auflage beträgt 27.000 Exemplare. Verteilt wird das Blatt in ganz Niedersachsen und in Kassel. Sitz der gemeinnützigen Vertrags- und Vertriebsgesellschaft ist Hannover. Dem Herausgebergremium gehört auch die frühere Bischöfin Margot Käßmann an.

Chefredakteur: „Ein Zeichen der Wertschätzung“

Als sich die documenta meldete, um eine Kooperation vorzuschlagen, war das für Volker Macke ein „Zeichen der Wertschätzung, des Respekts“. Der Chefredakteur der Straßenzeitung „Asphalt“, in der eine erste umfangreiche Künstlerliste der documenta fifteen veröffentlicht ist, sagt, die Ausstellung und sein Monatsmagazin teilten „die Idee der Solidarität“ und die Vorstellung des „journalistischen Teilens“.

„Eine natürliche Verbindung – quasi“, schreibt er im Vorwort, weil das Blatt wie die documenta 15 lokal verortet und zugleich überregional vernetzt seien. „Asphalt“ ist Mitglied des International Network of Street Papers (INSP).

Tatsächlich durchzieht die Idee des Teilens die neun Seiten, die die Oktober-Ausgabe von „Asphalt“ der Ruangrupa und der d15 widmet. Zwischen einem Beitrag über eine Umfrage unter wohnungslosen Hannoveranern, einem Interview mit der Rockband Die Ärzte und einem Kimchi-Sauerkraut-Rezept wird erläutert, dass beim Lumbung-Prinzip Aktivismus, lokale Selbstverwaltung und Kunst zusammenkommen.

Ressourcen würden in einen gemeinsamen Pool eingebracht: „Arbeitskraft, Zeit, Raum, Essen, Geld, Wissen, Fähigkeiten, Fürsorge und Kunst.“ Der achte und letzte Lumbung-Wert, nach Begriffen wie Genügsamkeit und Unabhängigkeit, wird heute, 14.30 Uhr, in der Reihe „Lumbung Calling“ auf Youtube und Facebook thematisiert.

Die Liste der Künstler sei noch nicht vollständig, sagten die Ruangrupa-Mitglieder gestern beim Pressetermin am Ruruhaus. Ihre Zusammenarbeit läuft „in Kollektiven, die aus Kollektiven bestehen“, wie sie es in „Asphalt“ schildern. Die bestehen natürlich wiederum aus einzelnen Künstlern. Wer genau 2022 in Kassel was ausstellen wird – dieser Prozess ist also nicht abgeschlossen. Trotzdem war gestern, wie Iswanto Hartono sagte, für viele Künstler, deren documenta-Beteiligung bekannt wurde, mehr noch als für Ruangrupa selbst ein großer Tag.

Jede Künstlergruppe der documenta fifteen hat eigenes Budget

Ruangrupa nennt die Zusammenkünfte der Beteiligten an der documenta fifteen „Majelis“ (indonesisch Versammlung). Vor der Pandemie sei geplant gewesen, zur Vorbereitung regelmäßige „Majelis“ in größeren und kleineren Gruppen abzuhalten. Coronabedingt finden nun „Mini-Majelis“ für die Künstler und regelmäßige digitale Treffen mit den schon länger bekannten 14 „Lumbung-Mitgliedern“ von Kuba über Kopenhagen bis Kolumbien statt. Sie bilden gewissermaßen das Netzwerk, auf dem die d15 beruht.

„Innerhalb dieser Mini-Majelis lernten die Beteiligten einander durch Projekte, Ressourcenteilung und gemeinsame Entscheidungsfindung besser kennen“, heißt es im Straßenmagazin „Asphalt“. Die Zusammenarbeit sei in der Praxis bereits erprobt worden. Produktionsbudgets und Fördergelder seien gleichmäßig unter den Künstlern verteilt worden. Jede Majelis-Gruppe bekam auch ein Budget, über dessen Verwendung sie gemeinsam entscheidet. Vorgestellt wird in der „Asphalt“-Ausgabe die Majelis-Struktur mit den jeweiligen Zeitzonen – weil das für die digitalen Verabredungen entscheidend ist.

Die neun Mini-Majelis (Versammlungen zur documenta fifteen)

Die Schreibweise d15 der documenta

Verschiedene künstlerische Leiter haben sich für unterschiedliche Schreibweisen ihrer Ausstellung entschieden, so etwa Catherine David 1997 für documenta X. Bei Okwui Enwezor fünf Jahre später wurde ohne Leerschlag großgeschrieben: Documenta11. Noch komplizierter war es bei Carolyn Christov-Bakargiev 2012. Offizielle Schreibweise: dOCUMENTA (13). Ruangrupa hält es da vergleichsweise simpel – mit documenta fifteen. Kurz und knapp: d15. (Mark-Christian von Busse)

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