Geschichten des Jahres nachgefragt

Sebastian Schröder war mit Marta Minujin ganz oben auf dem Parthenon der Bücher

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Ein Selfie mit Künstlerin: Sebastian Schröder mit Marta Minujin am Parthenon. Für die gesamte Ansicht bitte oben rechts auf das Pfeilsymbol klicken.

Kassel. Sebastian Schröder brachte bei der documenta 14 das letzte Buch am Parthenon der Bücher an. Jetzt arbeitet er als Skilehrer. Wie haben nachgefragt: Wie war's mit Frau Minujin?

Sebastian Schröder, der nur Basti genannt wird, empfängt in seiner Werkstatt in Helsa. Diese Werkstatt ist ein Ereignis an sich. Hier stehen ein alter VW-Bus und zwei weitere Oldtimer. Von der Decke hängen Werkzeuge – der ganze Raum wirkt wie ein Gemälde. Schröder selbst nennt ihn BaBuBu: Bastis Bus Bude.

All das: Große Kunst, womit wir beim Thema wären: Basti Schröder gehörte zu den Mitarbeitern der documenta; er brachte gemeinsam mit der argentinischen Künstlerin Marta Minujin das letzte Buch am Parthenon auf dem Friedrichsplatz an. Am 9. September berichteten wir über ihn – vor dem großen Moment. Nun fragen wir nach. Das Gespräch findet im alten VW-Bus statt, der Kaffee wird im großen Pott gereicht.

Sie haben vor großem Publikum das letzte Buch am Parthenon angebracht. War das Ihr Moment des Jahres?

Sebastian Schröder: Das kann man schon so sagen. Es war hektisch. Die Menschen waren alle etwas nervös. Es gab ein großes Hin und Her. Aber der Moment an sich war dann echt cool, aber leider auch schnell vorbei. Trotzdem: Es war witzig, mit der Marta dort oben zu stehen und den exklusiven Blick auf das Geschehen zu haben: auf die Menschen, die zusammengedrängt auf dem Friedrichsplatz standen. Plötzlich holte sie ihr Handy raus, und ich sollte Fotos von ihr machen. Das war sehr nett.

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Hatten Sie sich vorher schon kennengelernt?

Schröder: Ja, das erste Mal hatten wir uns auf der Baustelle gesehen, als das Gerüst noch nicht stand. Da waren komischerweise alle anderen beim Mittagessen. Dann kam die Marta mit ihrem Dolmetscher und hat mich echt cool begrüßt. Ich hab ,Hallo’ gesagt.

Sind Sie häufig darauf angesprochen worden, dass Sie das letzte Buch angebracht haben?

Schröder: An dem Tag schon, ja. Das Krasseste war, dass eine Frau ankam und ein Autogramm von mir wollte. Da war ich etwas überfordert. Ich habe mich erst einmal umgedreht und sie gefragt, ob sie mich meint. Sie antwortete dann, ich sei doch der wichtigste Mann auf dem Platz. Daraufhin habe ich ihr dann ein Autogramm gegeben. Wenn sie das so sagt.

Was war insgesamt das Besondere an Ihrem documenta-Job?

Schröder: Zum einen der kulturelle Hintergrund und zum anderen die Vielzahl an unterschiedlichen Menschen – was das Team und was die Besucher angeht. Kassel wurde für eine gewisse Zeit zur Weltmetropole und bunt. Das hat man gespürt und das hat der Stadt gutgetan.

So stand es am 9. September in der HNA: Sebastian Schröder vor seinem großen Auftritt am Parthenon. Für die gesamte Ansicht bitte oben rechts auf das Pfeilsymbol klicken.

Was bleibt vom Sommer?

Schröder: Vor allem Freundschaften. Ich habe zum Beispiel mit einem zusammengearbeitet – dem Björn. Mit dem habe ich mir ausgemalt, was wohl danach kommen könnte oder was wir womöglich beruflich mal zusammen machen könnten. Björn ist jetzt auf großer Reise, vielleicht ergibt sich danach etwas. Einen anderen Kollegen von damals will ich jetzt auch mal anschreiben – den Jonas. Wir wollen eine Idee verwirklichen, die uns während der documenta gekommen ist: Wir möchten einen alten Rucksack nehmen und mit ihm die Sitzbank meines alten Mopeds beziehen. Solche Begegnungen wären ohne die documenta nicht möglich gewesen. Es war eine supergeile Erfahrung.

Haben Sie noch Kontakt zu den Künstlern?

Schröder: Naja, das sind so Instagram-Geschichten. Da kommt aber kein direkter Kontakt zustande, weil ich jetzt nicht mehr in ihrer Welt lebe. Aber was geblieben ist bei mir, ist ein Bezug zu der Sache. Kürzlich sagte ich einem Österreicher, dass ich aus Kassel käme. Da erzählte er mir, dass er von so einem komischen Gerüst mit Büchern gehört habe. Da bin ich dazwischengegrätscht und habe gesagt: Das habe ich mit aufgebaut! Das ist ein cooles Gefühl.

Haben Sie nun einen anderen Bezug zur Kunst?

Schröder: Früher war ich in erster Linie sportinteressiert, später kam das Interesse an der Kunst dazu. Ich weiß jetzt, dass man erst die Menschen kennenlernen muss, um die Kunst zu verstehen. Ich habe einen besseren Zugang zu den Röhren vom Hiwa, wenn ich erfahre, dass darin Flüchtlinge gelebt haben. Dasselbe Prinzip fasziniert mich bei meinen Oldtimern: Das Auto ist nicht so interessant. Interessant wird es, wenn ich die Geschichte zu dem Auto kennenlerne. Außerdem kommt es nicht drauf an, wie es von außen, sondern wie es in ihm aussieht.

In der BaBuBu: So nennt Sebastian Schröder seine Werkstatt – Bastis Bus Bude. Für die gesamte Ansicht bitte oben rechts auf das Pfeilsymbol klicken.

Was nehmen Sie noch mit von diesem Sommer?

Schröder: Ich habe noch ein paar Bücher vom Parthenon: eine Micky Maus von 1977 zum Beispiel und ein Exemplar von ,Der Kleine Prinz’. Das habe ich meiner kleinen Nichte geschenkt. Darüber hinaus habe ich noch ein paar Bücher, die ich Freunden besorgen sollte. Die wollte ich denen vorbeibringen, aber ich hatte bisher keine Zeit. Aber die Bücher werden ja auch nicht schlecht.

Sie haben bei unserem Gespräch im September gesagt, Sie würden Ende des Jahres der British Army das Skifahren beibringen. Ist es dazu gekommen?

Schröder: Ja, Skilehrer zu sein, ist ja auch mein eigentlicher Job. Die Sache mit der British Army war für mich die Chance, vor der eigentlichen Saison noch ein wenig Geld zu verdienen. Das war schon klasse: Wir hatten da in Österreich eine Gruppengröße von sechs bis acht Leuten. Da war dann alles dabei: Soldaten, Mechaniker, Schweißer, Büroarbeiter. Manche von denen hatten noch keine Erfahrung mit Schnee.

Sie mussten ihnen erstmal erklären, was Schnee ist?

Schröder: Zum Teil schon, zumal sie übereifrig sind. Die wollen nur schnell fahren. 70 oder 80 Sachen sind für die das Größte. Dass es beim Skifahren vor allem darauf ankommt, auch gut um die Kurve zu kommen, spielt für sie erstmal keine Rolle. Das geht dann so lange gut, bis sie sich das erste mal richtig hinlegen. Dann kommen die ersten Fragen nach der Technik. Der Brite an sich ist da sehr angriffslustig. Er hat Bock auf Schneekontakt.

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Und wir dachten, in der British Army herrsche Disziplin?

Schröder: Darüber habe ich mir auch lange Gedanken gemacht, bis ich einen Spezialisten hatte, der an vier von fünf Tagen zu spät gekommen ist.

Das war der Künstler unter den Soldaten.

Schröder: Genau.

Zur Person: Sebastian Schröder

Sebastian Schröder (38) kommt aus Helsa. In seinem Leben hat er schon so ziemlich alles gemacht: Er war Surflehrer und Manager für Veranstaltungen: So organisierte er die deutschen Nachwuchsmeisterschaften im Skateboarding. Er isolierte Panzer und arbeitete nun für die documenta. Im Winter ist er als staatlich geprüfter Skilehrer tätig. In diesen Tagen geht es zum Arlberg, wo er für die Bundessport Academy in St. Christoph tätig ist. Seine Freundin wird ihn dort gelegentlich besuchen. Schröder ist bei Instagram zu finden unter: @schneezigeuner. Er ist stets auf der Suche nach alten VW-Teilen, Spezialwerkzeugen und Fahrzeugen.

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