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Erneut Antisemitismus-Vorwürfe - Das sagt die documenta in Kassel

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Von: Mark-Christian von Busse

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Nach dem weitreichenden Antisemitismus-Skandal bei der documenta gibt es erneut Vorwürfe wegen antisemitischen Zeichnungen.

Kassel - Erneut haben als antisemitisch kritisierte Motive auf der documenta fifteen Schlagzeilen gemacht. Laut documenta wurde die Broschüre aber bereits staatsanwaltlich geprüft und nicht beanstandet. 

Erschienen sind die Darstellungen in einer Broschüre mit dem Titel „Présence de Femmes“, die 1988 in Algier veröffentlicht wurde. Ausgestellt hat sie im Fridericianum die Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ („Archive der Frauenkämpfe in Algerien“). Auf die Bilder hingewiesen hatten etwa auf Twitter der Verein „Werteinitiative“, der sich als zivilgesellschaftliche, jüdische Stimme versteht, die „Jüdische Allgemeine“ und die „Bild“-Zeitung.

Unter Antisemitismusverdacht: Das Journal von „Présence de femmes“ (1988) zu Palästina.
Unter Antisemitismusverdacht: Das Journal von „Présence de femmes“ (1988) zu Palästina. © Leonie Krzistetzko

Dargestellt sind Militärangehörige, die durch den Davidstern als Juden gekennzeichnet werden. Ein Soldat mit Hakennase wird von einer Frau mit hellen Haaren mit dem Knie gerammt, im Hintergrund sind zwei Fußpaare zu sehen, die auf Geschlechtsverkehr, vielleicht auch eine Vergewaltigung hindeuten – zwei Füße versehen mit dem Davidstern, zwei mit arabischen Schriftzeichen. Auf einem anderen Bild zieht ein Soldat ein Kind am Ohr.

documenta in Kassel: Historische Material kurzzeitig aus der Ausstellung entfernt

Nach Mitteilung der documenta wurde das historische Material vor etwa drei Wochen kurzzeitig aus der Ausstellung entfernt, um es eingehender zu betrachten. Ergebnis der Untersuchung, wie eine documenta-Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage mitteilte: Es gebe zwar eine klare Bezugnahme auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, „aber keine Bebilderung von Juden ,als solchen‘“. Der Davidstern als eindeutig jüdisches Symbol kennzeichne hier als Bestandteil der Staatsflagge das israelische Militär.

Ein vom Betrachter abgewandtes Kind, das mit den Händen auf dem Rücken neben der Frau steht, die den Soldaten tritt, beziehe sich auf eine bekannte palästinensische Karikatur. „Das Werk ist auch staatsanwaltschaftlich geprüft und als strafrechtlich nicht relevant eingestuft worden“, so die documenta. Im Ergebnis dieser Sichtung sei das Material wieder in die Ausstellung aufgenommen worden. Eine Kontextualisierung sei in Arbeit.

documenta in Kassel: Zeichnungen sollen teils mittelalterliche antisemitische Stereotype zeigen

Am Mittwochnachmittag jedoch waren die kritisierten Bilder aus der Broschüre nicht vollständig im Fridericianum zu sehen. Auf dem Tisch mit Publikationen zeigte lediglich ein roter Band der Archive, der mehrere Dokumente vorstellt, zwei dieser Motive. Die Broschüre selbst lag in der kritisierten Fassung nicht dort – nur eine Ausgabe des Hefts „Présence de Femmes“, das nach 38 Seiten endet. Zu sehen waren die Darstellungen auch in der Videoinstallation „Gestes d’archives“, die auf den Boden projiziert wird. Darin blättert eine Frau durch die Broschüre und schlägt unter anderem eine Seite mit zwei kritisierten Motiven auf.

Auf einem Tisch im Fridericianum: Die von der Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ ausgestellte Broschüre.
Auf einem Tisch im Fridericianum: Die von der Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ ausgestellte Broschüre. © Uwe Zucchi/dpa

Nach Ansicht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS Hessen) zeigen die Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly teils mittelalterliche antisemitische Stereotype der Juden als Kindermörder und das Land Palästina, versehen mit Einordnungen, die dem Staat Israel seine Legitimität absprächen. Demnach hatte ein Besucher die Darstellungen gemeldet, wie Projektleiterin Susanne Urban sagte. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, forderte in „Bild“ „die komplette Sichtung und Überprüfung aller Ausstellungsstücke auf antisemitische Inhalte“. Er übte Kritik an Interimsgeschäftsführer Alexander Farenholtz: „Das Versagen der Verantwortlichen geht weiter.“

Die documenta bekräftigte am Mittwoch: „Ein Screening der Ausstellung nach etwaigen antisemitischen Motiven wird es nicht geben. Gleichzeitig gehen wir Hinweisen jedweder Art nach als kritisch zu betrachtenden Themen, wie auch in diesem Fall, selbstverständlich jederzeit nach.“ Die „Jüdische Allgemeine“ forderte den Abbruch der documenta. (Mark-Christian von Busse und Leonie Krzistetzko)

Nach heftiger Kritik wurde ein Kunstwerk auf der documenta wegen antisemitischen Motiven abgebaut.

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