Darlehen in Höhe von acht Millionen Euro

Die Aufarbeitung der documenta: Das Video von der Pressekonferenz

Kassel. Nach Ende der documenta 14 steht deren Aufarbeitung im Mittelpunkt. Damit beschäftigt sich auch der Aufsichtsrat. Die anschließende Pressekonferenz übertragen wir live.

Video von der Pressekonferenz

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Aktualisiert um 16.25 Uhr: Bei der Sitzung des Aufsichtsrates ging es vor allem ums Geld. Von einem Defizit über sieben Millionen Euro war bislang die Rede. In der Aufsichtsratssitzung wurde allerdings ein Darlehen in Höhe von acht Millionen Euro beschlossen. Dieses soll durch ein Bürgerschaft der Stadt Kassel und des Landes Hessen jeweils zu 50 Prozent gesichert werden. Das Darlehen, so die Beschlussvorlage, soll der Finanzierung des Kapitalmehrbedarfs der documenta 14 dienen. 

Das sagte Oberbürgermeister Christian Geselle

Kassels Oberbürgermeister betonte bei der Pressekonferenz, dass sich das Gesamtbudget im Ausstellungsetat der d14 von 2014 bis 2018 auf 34 Millionen Euro beläuft. Darin sind für die Jahre 2015 bis 2017 für den Ausstellungsort zwei Millionen Euro bewilligt worden.

Das bilanzielle Defizit der documenta beträgt 5,4 Millionen Euro, teilte Christian Geselle mit. Zwar hätten die Erträge in der Vorausschau bis zum 31. Juli die Erwartungen übertroffen, die Aufwendungen allerdings auch. Die Differenz beläuft sich auf die genannten 5,4 Millionen Euro. Dieses bilanzielle Defizit sei vom vorliegenden Liquiditätsdefizit im Wirtschaftsplan der documenta zu unterscheiden, das sich auf sieben Millionen Euro belaufe. Diese sieben Millionen Euro sind nicht bis 31. Juli, sondern bis Jahresende gerechnet.

Budgetüberschreitung hängt mit Standort Athen zusammen

Die Budgetüberschreitung hänge im wesentlichen mit dem Ausstellungsort zusammen. Einzelheiten dazu nannte Geselle nicht. "Hier haben wir auch im Gremium noch offene Fragen zu Personal, Ausstellungsorten und Transport", sagte Geselle. Es ginge aber nicht um die grundsätzliche Frage, ob Athen als Ausstellugnsort die richtige Entscheidung gewesen sei - viel mehr ginge es um die Diskussion, was in Athen genau passiert sei.

Kunstminister Boris Rhein (CDU) betonte, dass es sich bei dem Ausstellungsort Athen nicht um eine falsche Entscheidung gehandelt hätte. Die künstlerische Freiheit schließe aber nicht die Freiheit von wirtschaftlichen Regeln ein. Daher müssten die Vorgänge in Athen näher untersucht werden. Dies brauche allerdings Zeit.

Christian Geselle sprach in diesem Zusammenhang von "der Kunst des Nein-Sagens". Sprenge eine Ausstellung wie die documenta ihren wirtschaftlichen Rahmen, könne sie sich selbst gefährden. Davor sei sie zu bewahren.

Regel gegen Standorte außerhalb Kassels?

Die Einführung einer klaren Regelung, die andere documenta-Standorte als Kassel ausschließen soll, verneinte Christian Geselle. Eine solche Regel könne als provinziell und eifersüchtig empfunden werden. "Es ist selbstverständlich, das wir die documenta-Stadt sind", sagte Geselle. Das heiße aber nicht, dass die künstlerische Freiheit in dieser Frage in Zukunft beschnitten werde. Boris Rhein schlug in die gleiche Kerbe. Kassel sei eindeutig der Standort der documenta - Athen habe der Ausstellung aber auch nicht geschadet.

Geselle: Keine personellen Konsequenzen

Laut Geselle wird es zum jetzigen Zeitpunkt keine personellen Konsequenzen in Folge des Defizitis geben. Heißt: Geschäftsführerin Annette Kulenkampff (Vertrag bis 2018) wird vorerst nicht von ihren Aufgaben entbunden.

Acht Millionen Euro Darlehen zur Sicherheit

Auf die Frage, warum das Darlehen nun acht Millionen betrage, erklärte Geselle, dass es sich dabei um einen Sicherheitspuffer handele. Deshalb betrage das Darlehen nicht genau sieben Millionen Euro.

In der Vorlage für die am nächsten Montag tagende Kasseler Stadtverordnetenversammlung wird ebenfalls die Zahl von acht Millionen genannt.  

Das sagte Kunstminister Boris Rhein

Boris Rhein machte deutlich, dass es Aufgabe des Landes Hessen und der Stadt Kassel sei, die documenta weiter zu erhalten und die Liquidität der documenta-Gesellschaft sicherzustellen. 

Der wirtschaftliche Rahmen der documenta sei in diesem Jahr überschritten worden. Deshalb habe eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft den Auftrag bekommen, die Ursachen für die wirtschaftliche Schieflage zu prüfen. Ein Zwischenbericht dieser Untersuchung liege inzwischen vor. "Dabei hat sich auch gezeigt, dass es weiterer Untersuchungen bedarf", sagte Rhein. Hier gelte Sorgfalt vor Schnelligkeit. 

"documenta stößt an ihre Grenzen"

Die documenta stoße organisatorisch, finanziell und in ihren Dimensonen mehr und mehr an ihre Grenzen, sagte Rhein. Daher sei es nötig, künftig mit externer Expertise und mit Blick auf andere Weltausstellungen genau zu prüfen, wie die documenta 15 aufzustellen sei. Ein wie aus der Wirtschaft bekanntes Controlling der Finanzsituation gehöre laut OB Christian Geselle ebenfalls zu den künftigen Erfordernissen. Dies soll auch eine zeitnahe Information der Verantwortlichen in der Gesellschaft über finanzielle Vorgänge sicherstellen. Boris Rhein dazu: "Wir wussten nicht frühzeitig von diesem Defizit. Sonst hätten wir sofort gehandelt." Rhein sei bis zum 28. August - an diesem Tag sei er über das Defizit informiert worden - von einer ausgeglichenen finanziellen Lage ausgegangen. 

Über eine Öffnung der documenta für einen dritten Gesellschafter - den Staat - wollte Christian Geselle nicht spekulieren. Es könne laut Boris Rhein aber "ein Mosaikstein in der künftigen Ausrichtung der documenta" sein.

Hintergrund: Die Wirtschaftsprüfung

Grundlage einer Beurteilung wird für den Aufsichtsrat das Ergebnis der Wirtschaftsprüfer sein, die nach Bekanntwerden der finanziellen Notlage eingesetzt wurden. Ihre Begutachtung soll abgeschlossen sein, Details sind bisher aber nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Nach Informationen unserer Zeitung soll es aber in dem Sinne keine Ungereimtheiten geben, dass niemand mehr weiß, wofür das Geld verwendet wurde. 

Das hieße: Die d14 an sich ist einfach teurer gewesen als geplant. Die Fragen, die dann zu klären wären: Warum ist das so? Wer ist verantwortlich? Und: Wer hat wann von der finanziellen Schieflage gewusst und erfahren? 

Das Personal

Je nach Beurteilung der von den Wirtschaftsprüfern vorgelegten Ergebnisse könnte es um die Zukunft von Annette Kulenkampff gehen, der Geschäftsführerin der documenta gGmbH. Ihr Vertrag läuft noch bis 2018. 

Die Fragen, die in Bezug auf ihre Rolle zu klären sind: Hätte sie stärker auf den künstlerischen Leiter Adam Szymczyk einwirken müssen, um die aufkommende finanzielle Not zu verhindern? Und: Hat sie den Aufsichtsrat zu spät über die Schwierigkeiten informiert? Als unwahrscheinlich gilt, dass Kulenkampff über ihr Vertragsende hinaus Geschäftsführerin bleibt.

Die Strukturen

Zu erwarten ist, dass sich der Aufsichtsrat auch grundsätzlich Gedanken macht über die Strukturen der documenta und der documenta gGmbH. Dabei könnte vor allem eine Frage kontrovers diskutiert werden – in Folge der d14, die als Doppelausstellung in Athen und Kassel gelaufen ist: Soll festgeschrieben werden, dass Kassel einziger Standort oder zumindest Hauptstandort der documenta ist? Ein solcher Passus würde die Ur-Angst der Kasseler nehmen, dass die documenta irgendwann einmal gänzlich anderswo stattfinden wird.

Auf der anderen Seite gibt es Bedenken, die künstlerische Freiheit könnte dadurch zu sehr beeinträchtigt werden. Es würde dann schwerfallen, überhaupt noch jemanden von Weltrang zu finden, der die Leitung für diese Kunstausstellung übernimmt. Diese Überlegung könnte auch bei der Beantwortung einer weiteren möglichen Frage eine Rolle spielen: Wie und mit welcher Intensität soll in Zukunft der künstlerische Leiter kontrolliert werden, damit sich nicht wiederholt, was diesmal geschehen ist: dass sich plötzlich ein Finanzloch auftut?

Das Thema allgemeine Finanzierung der documenta könnte in der heutigen Sitzung des Aufsichtsrats schließlich auch noch auf den Tisch kommen. Die Frage: Muss die documenta von den Gesellschaftern nicht von vornherein mit mehr Geld ausgestattet werden als mit 14 Millionen Euro, die für eine Ausstellung und damit für jeweils fünf Jahre von Stadt und Land kommen. Gut möglich erscheint deshalb auch, dass die gemeinnützige documenta GmbH auf breitere Basis gestellt wird – sprich: dass ein weiterer Gesellschafter mit ins Boot genommen wird.

Das ist der documenta-Aufsichtsrat

Vorsitzender ist seit Ende Juli kraft Amtes Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), der Bertram Hilgen abgelöst hat. Die weiten Mitglieder: Hessens Kunstminister Boris Rhein (CDU, stellvertretender Vorsitzender), Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU, stellvertretende Vorsitzende), Stadtverordneter Dr. Rabani Alekuzei (SPD), Stadtverordneter Marcus Leitschuh (CDU), Landtagsabgeordnete Karin Müller (Grüne), Stadtverordneter Axel Selbert (Linke), Stadtverordneter Gernot Rönz (Grüne), Hortensia Völckers (Vorstand der Kulturstiftung des Bundes), Alexander Farenholtz (Vorstand der Kulturstiftung des Bundes), Staatsminister Axel Wintermeyer und StaatssekretärDr. Martin Worms.

Rubriklistenbild: © Koch

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