Kasseler Oberbürgermeister im Interview

Geselle übt Kritik an documenta-Leiter Szymczyk: "Einen Bärendienst erwiesen"

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Will die documenta weiterentwickeln: Oberbürgermeister Christian Geselle.

Kassel. Die Finanzkrise der documenta war das Thema der Woche. Nach der Sitzung des Aufsichtsrats am Donnerstag äußert sich nun der Vorsitzende Christian Geselle zur Zukunft der Weltkunstausstellung.

Herr Geselle, auch wenn die Wirtschaftsprüfung noch nicht abgeschlossen ist: Was muss sich bei der documenta gGmbH ändern?

Geselle: Ich empfehle sehr, die Strukturen zu überprüfen. Das betrifft die Organisation sowie die finanzielle und personelle Ausstattung. Es lässt sich jetzt schon sagen: Die documenta gGmbH ist in vielen Bereichen auf dem Stand von vor 30 Jahren. Nur ein Beispiel: Derzeit hat die gGmbH nur acht fest angestellte Mitarbeiter. Das ist nicht mehr zeitgemäß in Bezug auf die Dimension, die die documenta erreicht hat.

Das ist das Personelle, wie sieht es mit den Finanzen aus?

Geselle: Natürlich müssen sich Stadt Kassel und Land Hessen als Gesellschafter überlegen, ob sie ausreichend Geld zur Verfügung stellen können und wollen. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch Gedanken machen, inwieweit sich mit Sponsoring und Merchandising Erträge erzielen lassen. Hier ist sicher noch etwas möglich, auch wenn ich ausdrücklich betonen will, dass wir die documenta nicht wie das Disneyland vermarkten sollten.

Mehr Sponsoring, Merchandising – das zöge Veränderungen in der Organisation zwangläufig nach sich.

Geselle: Ja, in gesellschafts- und steuerrechtlicher Hinsicht. Aber nochmal: Unser Ziel ist, das Fundament für die documenta zu stärken und nicht möglichst hohe Überschüsse zu erzielen.

Was ist mit einem dritten Gesellschafter?

Geselle: Auch der muss Thema sein, wenn man die Ressourcen verbessern will und die documenta als Kunstausstellung von Weltrang weiterentwickeln will. Wobei für mich klar ist, dass ein dritter Gesellschafter ebenfalls aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich kommen müsste. Insofern käme hier nur die Bundesrepublik Deutschland infrage.

Ist es mit diesen Veränderungen getan?

Geselle: Sicherlich nicht. Wir müssen die documenta mit einem vernünftigen Controlling ausstatten. Und wenn ich nun die Stimmen höre, die eine Bedrohung für die künstlerische Freiheit sehen, dann muss ich entgegnen: Auch ich kämpfe für die künstlerische Freiheit, aber sie hat dort ihren Rahmen, wo sie die documenta als Institution in Gefahr bringt. Das bedeutet für mich, dass es auch eine Kunst des Nein-Sagens geben muss.

Muss deshalb nun Annette Kulenkampff als documenta-Geschäftsführerin um ihren Job bangen?

Geselle: Die Frage stellt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht, weil die Wirtschaftsprüfer ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen haben. Insofern lässt sich noch nichts über Verantwortlichkeiten sagen. Natürlich müssen wir die Vergangenheit aufarbeiten, dabei aber kein politisches Kleinklein aufführen, sondern vielmehr nach vorn blicken und die documenta so aufstellen, dass sie zukunftsfähig ist. Das ist unsere Hauptaufgabe – und eine große Herausforderung.

Das stellt sich die Frage, ob Kassel als Hauptstandort festgeschrieben wird?

Geselle: Die documenta ist untrennbar mit Kassel verbunden – was durch den Bau des documenta-Instituts noch einmal unterstrichen wird. Kassel wird so oder so immer Hauptstandort sein. Das Selbstbewusstsein sollten wir schon haben – egal, ob Kassel als Hauptstandort nun im Gesellschaftervertrag festgeschrieben ist. Gleichzeitig müssen wir aber aufpassen, dass wir nicht als nordhessisch-provinziell wahrgenommen werden. Weitere Standorte sollten weiterhin möglich sein. Selbst eine so umfangreiche Ausstellung wie die in Athen hat den Zuschauerzahlen in Kassel ja nicht geschadet.

Apropos geschadet: Hat Adam Szymczyk der documenta und Kassel geschadet?

Geselle: Seine letzten Aussagen, in denen er die documenta als Modell der Ausbeutung bezeichnet hat, waren sicher wenig hilfreich – in jeder Beziehung. Damit hat er der documenta selbst und auch anderen Kulturschaffenden einen Bärendienst erwiesen. Wenn jetzt Vergleiche gezogen werden mit anderen Kultureinrichtungen wie dem Staatstheater und dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, dann trifft das nicht den Kern. Die documenta hat ein Budget nicht eingehalten, und das ist fatal. Vor dem Hintergrund kann ich gut verstehen, wenn Menschen nun sauer sind, die zum Beispiel Geld für ihre Kita oder Schule vor Ort fordern, und wir zu wenig Mittel dafür zur Verfügung haben.

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