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documenta-Performance in Kassel: Japanischer Mönch liegt drei Tage in Erdloch

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Von: Kathrin Meyer

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Vor dem ausgehobenen Erdloch: Daizaburo Sakamoto praktiziert bestimmte Rituale, bevor er sich für drei Tage in sein sogenanntes „Grab“ legt.
Vor dem ausgehobenen Erdloch: Daizaburo Sakamoto praktiziert bestimmte Rituale, bevor er sich für drei Tage in sein sogenanntes „Grab“ legt. Die Performance ist Teil der documenta. © Andreas Weber

Ein Mönch aus Japan hat sich im Rahmen der documenta in einer Holzkonstruktion in ein Erdloch gelegt. Er folgt damit einem Ritual.

Kassel – Ein japanischer Bergmönch befindet sich seit Dienstagabend in dem ausgehobenen Erdloch in Wolfsanger. Bis Freitag will Daizaburo Sakamoto dort bleiben. Das Ritual gleicht einer Wiedergeburt. Es ist auch Teil der documenta in Kassel.

Nebeneinander ein Heuhaufen und ein Erdhaufen. Wer nicht weiß, dass diese Haufen nicht zufällig da sind, der würde womöglich einfach daran vorbeigehen – im Glauben, dass es sich hier lediglich um Gartenarbeiten handelt. Aber unter dem Heuhaufen liegt Daizaburo Sakamoto. Der japanische Bergmönch befindet sich seit Dienstagabend in dem ausgehobenen Erdloch in Wolfsanger. Das ist ungewöhnlich, aber zu documenta-Zeiten sind die Kasseler ja einiges gewohnt.

documenta: Japanischer Mönch führt Ritual der Auferstehung aus

Mehrere Holzstücke, die rund um das sogenannte „tomb“ (deutsch: Grab) aufgestellt sind, weisen auf das mehrtägige Ritual hin. Aber auch die wären ohne Hinweis wohl eher nicht aufgefallen. Bei der Zeremonie handelt es sich um eine Art Reinigung, beschreibt es Marcel Bitzer. Im übertragenen Sinne sterbe Sakamoto, um dann am Freitag ähnlich der christlichen Auferstehung das Grab wieder zu verlassen.

Bitzer gehört der Garten in Wolfsanger, in dem sich aktuell die Gruppe aus Japan aufhält. Vor wenigen Tagen sei man auf ihn zugekommen, weil ein Grundstück für eine besondere Zeremonie gesucht wurde, erzählt Bitzer. „Ich habe den Japanern daraufhin meinen Garten gezeigt; und sie waren sofort angetan. Man hat mir gesagt, dass durch das Ritual mein Garten eine neue Weihung bekomme.“

documenta-Performance: Mönch liegt in einer Holzkonstruktion unter der Erde

Daizaburo Sakamoto ist Teil dieser Gruppe. Er lebt in der japanischen Region Tohoku. Er beschäftigt sich mit der Entstehung von Kunst, die aus der Beziehung zwischen Natur und Menschen, Volksglauben und Lebenskompetenzen entsteht, ist auf seinen Profilen in Sozialen Netzwerken zu lesen. Seine Aktivitäten und Erfahrungen basieren auf einer 1400 Jahre alten Naturreligion, erzählt Bitzer.

Jetzt liegt Sakamoto in dem mit einer Holzkonstruktion gestützten Erdloch. Der Hügel wird nachts bewacht. Auch das ist Teil der Zeremonie. „Ob er schläft oder wach ist, ich weiß es nicht“, sagt Bitzer mit leiser Stimme, um den Mönch in seinem Zustand nicht zu stören. Neben Wasservorräten hat Sakamoto auch eine besondere Maske mit in das Erdloch genommen. Bevor sich der 47-Jährige nach mehrtägiger Vorbereitung dort hineingelegt habe, habe er mit einem Blasinstrument eine Melodie gespielt. Zudem sei Reis in alle Himmelsrichtungen verteilt worden. Zuletzt habe Sakamoto symbolisch einen Holzstab in die Mitte des Grabes gerammt, so beschreibt es Bitzer. Es habe ein bisschen gewirkt wie ein Kampf.

Der Mönch mache das Ritual nicht zum ersten Mal. Ohne Vorbereitung ist so etwas also nicht zur Nachahmung empfohlen. In seiner Heimat grabe er die Erdhöhlen auf einem Berg. So habe es Sakamotos Frau beschrieben, mit der sich Bitzer auf Englisch verständigen konnte. Man habe ihm beschrieben, dass das Ritual eine Vereinigung mit der „Mutter Erde“ sei, aus der die Neugeburt erfolge.

Ist fasziniert: Marcel Bitzer hat seinen Garten in Wolfsanger zur Verfügung gestellt.
Ist fasziniert: Marcel Bitzer hat seinen Garten in Wolfsanger zur Verfügung gestellt. © Kathrin Meyer

documenta: Kasseler sicher, dass Japaner „genau weiß, was er tut“

Der Kasseler zeigt sich beeindruckt von Sakamoto. Ob er Sorge habe, dass dem Mann etwas passiere in dem grabähnlichen Erdloch? „Nein, wenn man den Mann gesehen hat, dann ist man sich sicher, dass er genau weiß, was er tut.“ Den Kontakt zur Gruppe rund um Daizaburo Sakamoto hat der Kasseler Fotograf Andreas Weber für die HNA hergestellt. Weber war am Dienstag vor Ort, als Sakamoto das Erdloch bestieg. Er hatte die Gruppe zufällig auf dem Hübner-Gelände über einen japanischen Fotografenkollegen kennengelernt.

Während der documenta-Zeit veranstaltet Bitzer auf seinem Grundstück zusammen mit anderen Kreativen aus Kassel im kleinen Kreis Lesungen, Konzerte und Tanzveranstaltungen. Gemeinsam hat man eine Art Outdoor-Küche, Sitzplätze und eine Komposttoilette gebaut. Jetzt haben sich die Japaner dort eingebracht, dekoriert und Pflanzen getrocknet. Er habe das Gefühl, dass sie sich im biologischen Bereich sehr gut auskennen, so Bitzer. Auch nach der „Auferstehung“ am Freitag soll mit geladenen Gästen gefeiert werden. „Ich selbst würde nach drei Tagen wohl eher eine Dusche bevorzugen“, sagt Bitzer. Aber Sakamotos Wunsch sei die Feier des Auferstehungsrituals. (Kathrin Meyer)

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