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Streit um Antisemitismus auf documenta: Propagandafilme laufen weiter

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Von: Matthias Lohr

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Militantes Kino: So nennt das Kollektiv Subversive Film einige propalästinensische Propagandafilme, die auf dem Hübner-Areal gezeigt werden. Experten hatten wegen antisemitischer Inhalte den Stopp der Aufführung gefordert.
Militantes Kino: So nennt das Kollektiv Subversive Film einige propalästinensische Propagandafilme, die auf dem Hübner-Areal gezeigt werden. Experten hatten wegen antisemitischer Inhalte den Stopp der Aufführung gefordert. © Dieter Schachtschneider

Die umstrittenen propalästinensischen Propagandafilme auf der documenta sollen weiter laufen. Die Künstlerischen Leiter widersetzen sich damit der Forderung von Experten.

Kassel – Die umstrittenen propalästinensischen Propagandafilme des Kollektivs Subversive Film sollen auch weiter auf der documenta gezeigt werden. Das haben die Kuratoren von Ruangrupa entschieden, wie die documenta auf Nachfrage der HNA erklärte. Am Wochenende hatte die Expertenkommission, die den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Kunstschau nachgeht, einen Stopp der Aufführungen gefordert.

Nach Meinung der Fachleute stellen die Filme, die auf dem Hübner-Areal und im Gloria-Kino in Kassel gezeigt werden, „in ihrer potenziell aufhetzenden Wirkung eine größere Gefahr dar“ als das entfernte Taring-Padi-Banner „People’s Justice“ auf dem Friedrichsplatz. Es bestehe „sofortiger Handlungsbedarf“. Weiterhin gezeigt werden könnten die Filme lediglich, wenn sie kontextualisiert und „ihre antisemitischen Elemente klar benannt“ würden. Zudem kritisierten die Experten die Leitung der Kunstschau, weil sie eine „antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen“ habe.

documenta in Kassel: Ruangrupa besitzt „alleinige Entscheidung“ über künstlerische Inhalte

Ruangrupa reagierten auf den Bericht mit einer langen Stellungnahme, die sie mit zahlreichen Künstlerkollektiven verfassten. Darin weisen sie die Kritik zurück. Zudem ist in dem Text von Rassismus und Zensur die Rede.

Gegenüber der HNA teilte eine documenta-Sprecherin mit, Ruangrupa und die Geschäftsleitung hätten die Einschätzung des Expertengremiums zur Kenntnis genommen. Ruangrupa besäßen „die alleinige Entscheidung“ über künstlerische Inhalte.

Das Expertengremium hatte bereits kurz nach seiner Installierung durch die Gesellschafter Stadt und Land die documenta-Leitung kritisiert, weil diese klargestellt hatte, das letzte Wort über die Entfernung von Kunstwerken hätten Ruangrupa. Vom Aufsichtsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), gab es gestern keine Stellungnahme zu dem Konflikt. Er will sich in den nächsten Tagen äußern.

Die documenta indes verweist auf eine Kontextualisierung, die in der Ausstellung abrufbar ist. Darin wird erklärt, dass das Kollektiv Subversive Film das propalästinensische revolutionäre Kino wieder in Umlauf bringen wolle. Einige Filme seien „militantes Kino“, in dem Filme Mittel für politische Aktionen seien.

documenta in Kassel: Gesellschafter schließen sich Experten an

Dass auch Material eines ehemaligen Mitglieds der Japanischen Rote Armee Fraktion gezeigt wird, die für ein Massaker 1972 am Flughafen Lod in Tel Aviv verantwortlich war, wird in dem Text nicht erwähnt.

Am Freitag teilten Stadt und Land als Gesellschafter der documenta mit, dass sie sich dem Votum der Wissenschaftler anschließen. Die Filme sollen demnach nicht mehr gezeigt werden, „mindestens bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen wurde“. Die Filme würden teils antisemitische und terroristische Gewalt verherrlichen. Das würde nicht historisch eingeordnet. Ob Ruangrupa, die die Entscheidungshoheit über die gezeigten Inhalte haben, ihre Meinung nun ändern, war zunächst nicht bekannt. (Matthias Lohr)

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