Etat von 34 Millionen Euro überschritten

Wo ist das Geld geblieben? Die Chronologie des documenta-Skandals

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Der zweite Standort Athen hat die documenta 14 Millionen Euro gekostet - wie etwa das Marmorzelt von Rebecca Belmore, das mittlerweile auf dem Kasseler Weinberg steht.

Kassel. Wo ist das Geld geblieben? Innerhalb einer August-Woche wurde klar, dass der documenta Millionen Euro fehlen. Ein Blick auf die Ausgaben der documenta und eine Chronologie des Skandals um die Ausstellung.

Die documenta überschritt ihren Etat von 34 Millionen Euro für die aktuelle Ausstellung um sieben Millionen Euro. Wo aber ist das Geld geblieben? Ein Blick auf ein paar Geschichten und Anekdoten rund um beide Standorte lässt die Antwort erahnen.

  • Es dürfte allgemeingültiges Wissen in Europa sein, dass es im Sommer in Griechenland warm ist. Um es etwa in Athen aushalten zu können, werden Räume klimatisiert. Das kostet Strom. Alles wissen das – nur die documenta-Leitung offenbar nicht. Jedenfalls sollen horrende Kosten für die Klimaanlagen in Ausstellungsorten nicht einkalkuliert worden sein. Man kühlte von 40 Grad draußen auf 23 Grad drinnen runter. Angenehm, aber teuer. Von einem sechsstelligen Betrag ist die Rede.
  • Zwei Standorte verursachen mehr Kosten, wenn einige Kunstwerke auch noch in beiden Städten ausgestellt werden sollen: erst in Athen, dann in Kassel. Der Transport ist teuer – erst recht, wenn es sich bei dem Kunstwerk um ein Marmorzelt handelt. Auch hier soll der Betrag im sechsstelligen Bereich gelegen haben.
  • Zwei Standorte heißt aber auch, dass an zwei Orten eine Logistik mit Büroräumen aufgebaut werden muss. In Athen war schließlich keine Infrastruktur für die documenta vorhanden. Komplette Büros mussten eingerichtet werden.
  • Zwei Standorte bedeutet aber auch, Personal für zwei Standorte zu engangieren. Die Mitarbeiter sollen nach HNA-Informationen jeweils mit Laptop und Handy ausgestattet worden sein. Das hatte auch den Hintergrund, dass einige Beschäftigte stets unterwegs waren: mal in Kassel, mal in Athen. Von einem riesen Team ist die Rede, das fleißig Flugmeilen ansammelte, wobei jede Reise von Leiter Adam Szymczyk abgesegnet werden musste.
  • Zwei Standorte heißt letztlich auch zwei Eröffnungsfeiern. Hierzu sollen jeweils alle Mitarbeiter eingeladen worden sein – Praktikanten inklusive. Sie sollen zwar auch am jeweiligen Standort mitgeholfen haben, das ändert aber nichts an den verursachten Reisekosten und sonstigen Spesen.
  • Dass die Finanzen aus dem Ruder gelaufen sind, hat auch mit einer Fehleinschätzung der Besucherzahlen zu tun. Zumindest ist es ein Rätsel, warum die Verantwortlichen sich zur Halbzeit noch auf Rekordkurs wähnten, nun aber ein Rückgang von drei Prozent zu erwarten ist. Das lässt Zweifel an der Seriosität der Halbzeitbilanz inklusive Prognose aufkommen.
  • Die documenta musste Wohnungen für Mitarbeiter in Kassel anmieten. Das machte man etwa in der Wilhelmshöher Allee. Dort wurde auch die Miete pünktlich bezahlt. Der Hausbesitzer wunderte sich nur, dass niemand auf Dauer einzog.

Die Verantwortung für das finanzielle Desaster trägt in erster Linie die Geschäftsführung, sagt Chefredakteur Horst Seidenfaden zum Finanzchaos der documenta 14. Lesen Sie hier seinen Kommentar.

Die Chronologie des documenta-Skandals

8. April 2017: Die documenta beginnt in Athen.

10. Juni 2017: Die documenta beginnt in Kassel.

13. Juli 2017: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff sagt im Deutschlandfunk, es gebe keine finanziellen Probleme. Gleichzeitig machen Gerüchte die Runde: Athen würde teurer als gedacht, Mehrausgaben seien aber durch gute Besucherzahlen in Kassel gedeckt.

22. Juli 2017: Christian Geselle wird Oberbürgermeister von Kassel und übernimmt automatisch von Bertram Hilgen das Amt des Aufsichtsratsvorsitzendenden der documenta.

24. August 2017: Die Liquiditätsprobleme werden deutlicher: Geselle wird mündlich berichtet, dass es sich um ein Defizit von 5,5 Millionen Euro handelt. Der neue OB verlangt, dass ihm schriftlich Zahlen präsentiert werden.

27. August 2017: Wieder mündlich berichtet die documenta-Geschäftsführung, dass das Liquiditätsproblem doch noch größer als 5,5 Millionen Euro sein könnte.

28. August 2017: Erstmals werden schriftlich Zahlen dem Aufsichtsratsvorsitzenden Geselle vorgelegt: Die sind katastrophal. Die documenta ist pleite, kann Rechnungen in Höhe von sieben Millionen Euro nicht mehr bezahlen.

30. August 2017: Geselle beruft eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrates ein. Darin wird ein Rettungsplan beschlossen. Land und Stadt übernehmen Bürgschaften von jeweils 3,5 Millionen Euro. Das Land schickt Wirtschaftsprüfer zur documenta.

21. September 2017: Eine weitere Sondersitzung des Aufsichtsrates ist geplant. Das Ergebnis der Wirtschaftsprüfung soll dann präsentiert werden.

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