1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

documenta 15:„Wir haben einen Kontinent verloren“ - Richard Bell im Interview

Erstellt:

Von: Leonie Krzistetzko

Kommentare

Richard Bell auf der documenta 15
Der Künstler Richard Bell gehört zu den wichtigsten australischen Gegenwartskünstlern und kämpft seit den 1970er Jahren für die Rechte von Aborigines - auch mit seinen Kunstwerken auf der documenta fifteen. Hier zu sehen sein Werk „Pay Rent / Embassy“, das prominent am Fridericianum befestigt ist. © Leonie Krzistetzko

Seit 50 Jahren kämpft Richard Bell für die Rechte der indigenen Bevölkerung Australiens und hat sich zu einem der wichtigsten Gegenwartskünstler des Kontinents hochgearbeitet. Im Interview spricht der 59-Jährige über Kunst, Aktivismus und seine Werke auf der documenta fifteen.

Das Gemälde „Umbrella Embassy“ von Richard Bell hängt in der Rotunde im Fridericianum.
Das Gemälde „Umbrella Embassy“ von Richard Bell hängt in der Rotunde im Fridericianum. © Andreas Fischer

Herr Bell, Sie bezeichnen sich als Propagandist. Wie kommen Sie zu dieser Selbsteinschätzung?

Als ich mit der Kunst angefangen habe, habe ich mich als Aktivist beschrieben, der sich als Künstler verkleidet. Das ist wahrscheinlich immer noch der Fall. Ich mache aktivistische Arbeiten, aber manchmal auch nur etwas Schönes, nur gelegentlich, um das Ganze ein bisschen aufzumischen. Wir leiden darunter, dass Medien wie Fox News Propaganda verbreiten. Sie verbreiten Unsinn, und offensichtlich funktioniert das, denn wir bewegen uns durch diese Propaganda auf eine verlogene Welt zu. Ich versuche mein Bestes, etwas davon rückgängig zu machen und eine andere Weltsicht zu zeigen. 

Nun sind Sie aber vor allem als Künstler bekannt. Was war Ihr Weg in die Kunst?

Das war ein Zufall. Ich habe eigentlich mit meinem Bruder touristische Kunst gemacht und jemand fragte: Warum machst du nicht bildende Kunst? Dabei hatte ich keine Ahnung, was das ist. Als ich dann herausfand, dass ich in der Kunst alles sagen und tun kann, was ich will, ohne verhaftet zu werden, war das für mich attraktiv.

Auf dem Friedrichsplatz steht Ihre „Tent Embassy“. Die bezieht sich auf die Aboriginal Tent Embassy, ein Protest-Zelt der Aborigines. Wieso wollten Sie das Zelt in die Kunst holen?

Ab 2010 haben junge Aborigines Zeltbotschaften in den Städten und Kleinstädten Australiens errichtet, um sich über die Probleme zu beschweren, die ihr tägliches Leben beeinträchtigen. Ich dachte: Wow, das ist großartig. Deshalb habe ich beschlossen, eine Zeltbotschaft als Hommage an sie zu kreieren. Danach wurde ich eingeladen, sie an Orte auf der ganzen Welt zu bringen. 

Nach 50 Jahren: Was konnte die politische Aboriginal Tent Embassy bislang erreichen? 

Ursprünglich war das Zelt ein Symbol für die Souveränität der Ureinwohner, wie auch für die Tatsache, dass wir eine Botschaft in unserem eigenen Land brauchen. Es war ein Signal der Verzweiflung von uns an die Welt. Diese Bedeutung ist nie verschwunden.

Ihr Werk „Western Art“ imitiert und parodiert zugleich westliche moderne Kunst wie das Readymade „Fountain“ von Marcel Duchamp. Was bedeutet westliche Kunst für Sie?

Es ist eine Metapher für die europäische Vorherrschaft in der Welt. Nur weil diese Länder die größten Armeen und die besten Waffen haben, sind sie die mächtigsten Menschen der Welt, und sie haben die besten Museen, die voll mit Kunst aus anderen Teilen der Welt sind. All diese anderen Länder haben Kunstwerke, die Tausende von Jahren alt sind, trotzdem sind die Werke unterhalb der westlichen Kunst angesiedelt. „Western Art“ ist eine Metapher für die westliche Kunst. Es ist diese aufgeblasene, hochnäsige, glänzende Scheiße. 

Was zeichnet hingegen Aborigine-Kunst aus?

Die Kunst der Aborigines ist der westlichen Kunst mindestens ebenbürtig , zudem es viele Teile Australiens gibt, in denen es unterschiedliche Kunst gibt. Und all diese Kunst hat den gleichen Stellenwert. Das ist wie bei Olympia, wo die Besten der Besten zusammenkommen. Das ist auch, was die documenta ausmacht. Die Aborigine-Kunst wird in den Museen in Australien ganz hinten ausgestellt, denn wenn man sie vorne hinstellen würde, würden sich die Touristen nur sie anschauen und dann wieder gehen (lacht). Sie müssen sich aber stattdessen durch den ganzen europäischen Scheiß kämpfen, um dorthin zu kommen.

Besonders markant ist auch ihre Zähler-Installation „Pay the Rent“, die direkt am Fridericianum befestigt ist. Es geht dabei um die Schulden der australischen Regierung bei den Aborigines. Wie setzen sich die zusammen?

Es gibt mehrere Algorithmen, mit denen man die Schulden berechnen könnte.Einfließen könnten Kosten für Mieten, Wohnimmobilien, und gewerbliche Objekte sein. Die Zahl ist aber nicht annähernd so groß. wie sie sein müsste, aber die Schulden sind bereits zu groß, als dass sie jemand zurückzahlen könnte.

Wie ist die Situation der indigenen Völker Australiens zurzeit?

Die Armut ist ein Problem - wir haben einen ganzen Kontinent durch die Kolonialisierung verloren. Und es gibt immer noch viele Hindernisse.. So gibt es zusätzliche Gesetze in Australien, unter denen wir leben müssen, aber der Rest des Landes nicht. In den Reservaten zum Beispiel braucht man offiziell eine Genehmigung, um sie zu verlassen und irgendwohin hingehen zu dürfen. Das Gesetz wurde dazu nicht geändert.

Sie fordern unter anderem eine Quote für Aborigines im australischen Parlament. Wie denkbar wäre eine solche Umsetzung?

Im Moment ist es unvorstellbar - aber nichts geschieht, wenn es nicht vorher gedacht wird. Deshalb stelle ich mir den Sieg vor. Deshalb mache ich meine Arbeit: Um diese Probleme anzusprechen und zu zeigen, dass über Land, Entschädigung oder Wiedergutmachung gesprochen werden muss. Wir können nicht einfach auf uns allein gestellt sein und von Leuten, die uns schon immer feindlich gesinnt waren, erwarten, dass sie sich um unsere Interessen kümmern. Das ist Unsinn. Wir müssen Sitze im Parlament haben, um unsere Interessen zu vertreten.

Sie sagten, dass es keinen besseren Ort gäbe, Ihre Kunst zu zeigen, als auf der documenta. Was macht sie besonders?

Deutschland hat eine Affinität zu politischer Kunst, wenn man sich die Kunstgeschichte ansieht. Es gibt in Deutschland berühmte Künstler, die sich an aktivistischer Kunst beteiligt haben. Einer von ihnen hat eine Menge Bäume gepflanzt (lacht).

Also ist Aktivismus auch Teil der documenta-DNA?

Korrekt, das sieht man auch an den vorherigen Ausgaben.

Richard Bell vor seiner Tent Embassy
Richard Bell und seine „Tent Embassy“ am Friedrichsplatz. © Leonie Krzistetzko

Richard Bell (69)

Richard Bell (69) wurde im australischen Charleville geboren und lebt mittlerweile in Brisbane. Seit den 1970er-Jahren kämpft er für die Rechte der Aborigines, ein Thema, das auch seine Kunst beschäftigt. Auf der documenta 15 ist er mit verschiedenen Werken vertreten, so mit dem „Tent Embassy“ (Foto) am Friedrichsplatz, der Installation „Pay the Rent“, die am Dach des Fridericianums hängt, und auch mit mehreren prominent platzierten Gemälden und der Installation „Western Art“ im Fridericianum.

Auch interessant

Kommentare