Ein Glücksfall der d(13): Das Kloster Breitenau

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Ehemaliger Veranstaltungssaal des Mädchenerziehungsheims Fuldatal: Dort ist die Installation „Untitled“ der Berliner Künstlerin Judith Hopf zu sehen.

Guxhagen. Die wechselvolle Geschichte des Benediktinerklosters Breitenau (Schwalm-Eder-Kreis) reicht im 20. Jahrhundert vom Konzentrationslager über ein Straflager der Geheimen Staatspolizei bis hin zur Nachkriegsnutzung als Erziehungsanstalt für angeblich böse Mädchen.

Die Fassade der Klosterkirche und Räume im ehemaligen Hafttrakt liefern dafür noch heute Hinweise. Fenster haben Gitter, Etagen Zellen. In einem Saal des ersten Stockwerks herrscht Tristesse. Niemand wollte in den vergangenen Jahrzehnten etwas mit diesem Saal anfangen. Nun hat die Berliner Künstlerin Judith Hopf auf Einladung der documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev den ehemaligen Veranstaltungssaal des Mädchenerziehungsheims künstlerisch gestaltet. Judith Hopf versteht und bezeichnet den Raum, ja den Ort in der Breitenau überhaupt in historischer und menschlicher Hinsicht als einen traurigen. Ihr Beitrag ist ein Glücksfall dieser documenta 13. Denn die Arbeit der Berliner Künstlerin (Jahrgang 1969) füllt eine über Jahrzehnte entstandene Leerstelle.

1973 wurde das Mädchenerziehungsheim als letzte geschlossene Heimeinrichtung in Hessen aufgelöst. Seither spielten die Räume nur bei Führungen durch die Gedenkstätte Breitenau eine Rolle. Den jahrzehntelangen Leerstand hat nun die Glasarbeit in Besitz genommen: 15 Stelen aus etwa 400 Trinkgläsern ziehen sich vom Boden bis zur Decke. Sie wirken wie zarte Pflanzen, die sich in den vergangenen Jahren zielstrebig an einem Ort des Schreckens vom Boden bis zur Decke ihren Weg bahnten.

In ihre Glasstelen hat die Künstlerin zarte Papierblätter eingearbeitet. Die Trinkgläser sind miteinander verklebt. Solche Bambusskulpturen zeigte Judith Hopf bislang in Berlin, Wien, London und Karlsruhe – doch nirgends waren die Stelen wie in der Breitenau gleichsam als Wald gruppiert. Das fordert von den Besuchern Umsicht. „Meine Hoffnung war es dabei, die Lesart der Skulptur im Hinblick auf deren Gefährlichkeit und Bedrohlichkeit in das Zentrum zu rücken und den Besucher zu einer gewissen Vorsicht und Sensibilität im Verhältnis und im Umgang mit dem Raum zu unterstützen“, sagt Judith Hopf.

Die Transparenz der Skulptur, ihre Zerbrechlichkeit und ihr scheinbar anhaltendes Wachstum weisen weit über den Ausstellungsort hinaus. Da scheint in der Transparenz des Glasmaterials die Möglichkeit auf, die mit der Geschichte des Ortes verbundenen unfassbaren Härten und Schikanen aufzuklären, und da scheint die Zerbrechlichkeit des Glasmaterials wie ein Gedenken an traumatisierte Seelen, über die 1969 Melsunger Oberstufenschüler schrieben: „Wussten Sie, daß im Erziehungsheim Fuldatal in Guxhagen jeder eingelieferte Fürsorgezögling sieben Tage lang in eine Isolierzelle eingesperrt wird, wo ihm jede Kontakt- und Betätigungsmöglichkeit entzogen wird?“ – nachzulesen in einem von Gunnar Richter 1993 herausgegebenen Buch mit dem Titel Breitenau.

Immer mittwochs starten um 11.45 Uhr Führungen mit documenta-Teilnehmer Dr. Gunnar Richter. Nach Breitenau geht es per Regiotram. Teilnehmer müssen sich im Internet anmelden. www.documenta13.de

Von Lorenz Grugel

Quelle: mydocumenta

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