Das sagt ein Ermittler zu den Aussagen des Films

documenta-Kunstwerk um den Mord an Halit Yozgat: Was, wenn Andreas Temme nicht lügt?

NSU-Opfer: Halit Yozgat

Kassel. Der Mord an Halit Yozgat und die Rolle des früheren Verfassungsschützers Andreas Temme stehen im Mittelpunkt eines documenta-Beitrags in der „Neuen neuen Galerie“.

Der Film „77sqm_9:26min“ dokumentiert die „Gegen-Ermittlungen“ der Londoner Gruppe „Forensic Architecture“ (FA) um den Mord an Halit Yozgat. Mit dem Gutachten wurden die Wissenschaftler von dem „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ beauftragt. In dem Film wollen die britischen Wissenschaftler beweisen, dass es „mit höchster Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist“, dass Temme das Internetcafé an der Holländischen Straße, in dem Halit Yozgat am 6. April 2006 ermordet wurde, vor der Tat verlassen haben kann. Temme behauptet bis heute, dass er von dem Verbrechen, für das der rechtsextremistische NSU verantwortlich gemacht wird, nichts mitbekommen hat. Was ist, wenn Temme, der schon in ’zig Untersuchungsausschüssen und mehrfach im Prozess gegen Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München aussagen musste, tatsächlich die Wahrheit sagt? Wir haben den documenta-Beitrag angeschaut und mit einem Ermittler der Kripo darüber gesprochen. 

In dem Film werden die Aussagen von mehreren Zeugen, die sich während der tödlichen Schüsse auf Halit Yozgat in dem Café aufhielten, abgeglichen. Da die Zeugen entweder telefonierten oder in einem Computer eingeloggt waren, konnten die Wissenschaftler auf diese Daten zurückgreifen. 

In ihrer Untersuchung kommen sie zu dem Ergebnis, dass es die theoretische Möglichkeit gibt, dass der ehemalige Verfassungsschützer 39 Sekunden Zeit gehabt hätte, um nach dem Ausloggen aus seinem Computer das Café zu verlassen, bis die tödlichen Schüsse vier Sekunden später fielen. Dieses Szenario sei allerdings sehr unwahrscheinlich. Und deshalb wird den documenta-Besuchern auch die Botschaft nahe gebracht, dass dieses falsch sein muss. 

Rekonstruktion des 6. April 2006: Die Mitarbeiter der Londoner Gruppe Forensic Architecture bauten das Kasseler Internet-Café nach, in dem der Betreiber Halit Yozgat durch den NSU ermordet wurde. Die Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme ist bis heute unklar.

Die Kasseler Polizei, die vor elf Jahren nach dem Mord an Halit Yozgat die Sonderkommission Café einrichtete, hat diese Abläufe alle geprüft. Im Prinzip sei man bereits damals zu ähnlichen Ergebnissen wie die britischen Wissenschaftler heute gekommen, habe aber andere Schlüsse daraus gezogen, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel, der die Soko Café leitete. Während die Londoner jetzt die Aussagen der anderen vier Zeugen, die sich im Café aufhielten, eins zu eins übernommen hätten, habe die Soko die Wahrnehmungen abgeglichen und dabei Widersprüche in ihren Aussagen festgestellt. „Die Geschichte, die der ehemalige Verfassungsschützer erzählt hat, ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“, sagt Wetzel. 

Diese Zweifel seien auch der Grund gewesen, damals das Ermittlungsverfahren gegen Temme als Beschuldigten einzustellen und ihn nur noch als Zeugen zu behandeln. Die Wissenschaftler kommen auch zu dem Ergebnis, dass Temme zumindest den toten Halit Yozgat im Café gesehen haben müsse. In dem Film wird allerdings nicht erwähnt, dass auch ein anderer Zeuge zweimal an dem Tresen vorbei gegangen ist, hinter dem der Tote gelegen hat, ohne diesen zu bemerken. 

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Temme den toten Halit Yozgat gesehen hat und aus dem Café verschwunden ist, um mit dem Mord nicht in Verbindung gebracht zu werden. Schließlich chattete er im Flirt-Portal „Ilove.de“, während seine schwangere Frau zu Hause saß. Wenn dies der Fall gewesen ist, hätte sich Temme natürlich falsch verhalten. Es käme zum Beispiel in Betracht, dass er sich der Strafvereitelung strafbar gemacht hat. 

Der Film suggeriert hingegen, dass Temme sich auf alle Fälle in irgendeiner Form schuldig gemacht hat. Bewiesen ist das nicht. Der Spruch „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt hier nicht mal für Temme, der lediglich Zeuge ist.

Digital-Reportage: Der Fall Yozgat

In einer Digital-Reportage haben wir 2016 den Tag der Tat rekonstruiert und die nach wie vor offenen Fragen bei den Ermittlungen beleuchtet. Um die Reportage zu öffnen, klicken Sie auf den Link unter dem Bild oder hier:

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