Er gilt als scheu und unbestechlich

Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14: Eine Aura von Unnahbarkeit

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„Eine Art Rockstar unter den Kuratoren“: Adam Szymczyk gestern in der documenta-Halle.

Kassel. Die „New York Times“ rief Adam Szymczyk schon 2011 zum „Superstar unter den Kuratoren“ aus. Hortensia Völckers, für die Bundeskulturstiftung im Aufsichtsrat, sprach von einer Bilderbuchkarriere.

In der Rangliste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt von „Art Review“ liegt der Pole auf Platz 49. Die Berufung zum d 14-Leiter wird ihn nach vorn katapultieren.

Glaubt man Koyo Kouoh, Sprecherin der Findungskommission, ist das für den 43-Jährigen zweitrangig. Er habe stets Unabhängigkeit von Verführungen des Kunstmarkts wie von Glaubensgrundsätzen von Theoretikern bewahrt. Er sei „kein gutes Ziel“, um umworben zu werden, sagte Szymczyk einer Schweizer Zeitung.

Auch gestern trat Szymczyk wortkarg, reserviert auf. Die anspruchsvolle Aufgabe in Kassel sei eine Ehre, große Freude, aber auch Verantwortung, sagte er in flüssigem Deutsch, dankte für das Vertrauen und allen Kollegen für langjährige Unterstützung. Die documenta solle kein Monument sein, sondern ein Dokument ihrer Zeit. Sie müsse sich erst entwickeln, „ich habe drei Jahre Zeit“. Weder habe er eine fertige Künstlerliste noch könne er etwas über Personal sagen, aber: „Das muss Teamarbeit sein.“

Die documenta im HNA-Regiowiki

„Der Scheue und die Schöne“, titelte ein Journalist, als Szymczyk mit Elena Filipovic 2008 die Berlin Biennale leitete. Er erinnere an einen Langzeitstudenten, eine typische Berlin-Mitte-Figur, schön und klischeehaft. Szenige Äußerlichkeiten aber würden täuschen - Szymczyk sei ein alter Hase. Die „New York Times“ beschrieb ihn als „eine Art kuratorischer Rockstar“ – „unglaublich dünn und groß mit struppigem dunkelblonden Haar und einer Aura kühler Unnahbarkeit“. Er sei in der Schweiz berühmt für extreme Introvertiertheit, sagt der Autor Christian Saehrendt.

Als für ihn wichtigste documenta bezeichnete Szymczyk die zehnte 1997 von Catherine David - seine erste. Bahnbrechend, so Szymczyk, weil sie als „politisches Statement“ eine „riesige Transformation“ der Ausstellung bedeutet habe. Auch die Documenta11 als „logische Weiterentwicklung“ habe ihn inspiriert. An Davids Reihe „100 Tage - 100 Gäste“ erinnerte Kritiker schon Szymczyks Programm „Nachtausstellung“ in Berlin.

In Basel ist er für konzeptuellen Biss wie Reduktion bekannt. Kunst brauche Kontemplation, Konzentration, sagt er und gibt Werken viel Spielraum. 2005 beließ die Künstlergruppe Superflex die Räume ganz leer, jeder Eintritt wurde mit zwei Franken belohnt. Szymczyk zeigt aufstrebende Künstler - Christoph Büchel, Danh Vo, Cyprien Gaillard, Micol Assaël waren auch im Fridericianum zu sehen. Er stelle hohe Anforderungen an Besucher, heißt es im Blog der „Basler Zeitung“: „Der Aufwand lohnt aber in der Regel.“ Die Künstlerin Nairy Baghramian wird zitiert, bei der Arbeit mit Szymczyk habe man nie festen Boden unter den Füßen. Man nehme immer am gleichen Abenteuer wie er teil, ergänzt Monika Sosnowska. Das Kassel-Abenteuer hat begonnen.

Zur Person

Adam Szymczyk wurde 1970 in Piotrków Trybunalski, einer 80 000-Einwohner-Kreisstadt im Verwaltungsbezirk Lódz in Zentralpolen, geboren. Als er vier war, zog seine Familie nach Lódz. Er studierte Kunstgeschichte in Warschau und war dort ab 1997 in der einflussreichen Foksal Gallery Foundation engagiert. Weitere Stationen waren das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Warschau und das De Appel Kunst-Center in Amsterdam. 2003 übernahm Szymczyk die Direktion der Kunsthalle Basel. Von der Schweiz aus kuratierte er auch in Wien, Göteborg und Mexiko-Stadt. 2008 war er Co-Kurator der 5. Berlin Biennale. 2011 bekam er den mit 15 000 Dollar dotierten Walter Hopps Kuratoren-Preis in Houston. Er ist verheiratet, sein Sohn feierte gestern den vierten Geburtstag.

Von Mark-Christian von Busse

Fotos von der Bekanntgabe der künstlerischen documenta-14-Leitung

Adam Szymczyk leitet die documenta 14

Hier geht es zur documenta-Homepage der HNA

Quelle: mydocumenta

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