Arbeitstitel ist „Von Athen lernen“

documenta-Leiter Szymczyk zur Verlagerung nach Athen: „Das Leben ist anderswo“

Das Team der documenta 14: Pierre Bal-Blanc (vorn, jeweils von links), der künstlerische Leiter Adam Szymczyk, Quinn Latimer, Henriette Gallus. Zweite Reihe: Hila Peleg, Dieter Roelstraete, Monika Szewcyzk, Geschäftsführerin Annette Kulenkampff. Dritte Reihe: Andrea Linnenkohl, Katerina Tselou, Marina Fokidis, Hendrik Folkerts, oben: Annie-Claire Geisinger, Katrin Sauerländer, Christoph Platz und Fivos Sakalis. Foto: Klinger

Kassel. Die documenta 14 im Jahr 2017 wird gleichberechtigt in Kassel und Athen stattfinden – mit dieser Überraschung wartete der künstlerische Leiter Adam Szymczyk Montagabend im Hörsaal der Kasseler Kunsthochschule auf, als er vor Studierenden und Dozenten sein bislang 15-köpfiges Team vorstellte.

In Athen soll die d14 im April, in Kassel im Juni 2017 eröffnet werden. In beiden Städten sollen die gleichen Künstler ausstellen, teils mit denselben, teils mit unterschiedlichen Arbeiten. Beide Ausstellungen sollen sich in einem „dynamischen Gleichgewicht“ befinden, auch von einer Pendelbewegung sprach Szymczyk.

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Der 44 Jahre alte Pole trug das Konzept vor, mit dem er die Berufungskommission überzeugt hatte. Darin verortet Szymczyk „seine“ documenta in der Geschichte der Ausstellungen – die von 1955, 1972, 1997 und 2002 beschrieb er als entscheidende Weichen.

Es sei das dringliche Anliegen von documenta-Gründer Arnold Bode gewesen, an die durch Nazizeit und Krieg unterbrochene Tradition der Avantgarde anzuschließen. Damals sei Kassel eine Art Frontstadt im Kalten Krieg gewesen, in dem die Kultur wie ein Leuchtturm hell habe strahlen sollen. Heute, so Szymczyk, scheine es so, „das Leben findet anderswo statt“.

Jenes Gefühl der Dringlichkeit aber will Szymczyk der documenta zurückgeben: indem seine Ausstellung als Vorbote eines möglichen Wandels mithilfe ästhetischer und intellektueller Erfahrungen eine internationale Gemeinschaft erzeugt. Es sei Zeit für einen Blickwechsel durch eine radikale Verlagerung, findet Szymczyk. Kassel soll von der reinen Gastgeberrolle wegkommen, die nicht mehr genüge.

Mit Athen wählt Szymczyk einen Schauplatz der anhaltenden, tiefen ökonomischen Krise Europas, ein „Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation“ mit oft gewaltsam ausgetragenen Widersprüchen und zerbrechlichen Hoffnungen - ähnlich wie Kassel 1955 für die Notwendigkeit stand, mit dem Trauma der Zerstörung umzugehen.

Szymczyks Arbeitstitel für die d14 ist „Von Athen lernen“. Es gehe darum, herauszufinden, was hilft, die Krise zu überwinden, wie etwa Graswurzel-Bewegungen, die sich der Korruption verweigern. Die documenta soll Athen nicht „erobern“ oder ihrerseits eine Lehrstunde erteilen, auch nicht wie ein Ufo (oder die Olympischen Spiele) einfallen. Er setzt vielmehr - wie in Kassel - auf die Kollaboration mit Initiativen, „die es schaffen, in schwierigen Zeiten zu überleben“.

Szymczyk will Publikum wie Kunstmarkt aus einer allzu passiven Haltung reißen. Die documenta 14 soll Raum für Kritik, Reflektion bieten, neue Kommunikationsformen entdecken, eine kulturelle Transformation anstoßen – wobei Szymczyk seine Rolle nicht als alles allein bestimmende Autorität sieht, sondern darin, diese Prozesse möglich und öffentlich sichtbar zu machen. Die documenta 14 soll kein Spektakel sein, sondern sich einer kulturellen Produktion öffnen, die sich weder geografisch noch ökonomisch mit dem Kunstmarkt überschneidet.

Szymczyk will die documenta also vorübergehend, aber ganz grundsätzlich neu definieren. Sie soll ihre Berufung neu finden und ein ebenso bedeutendes Zeichen setzen wie die allererste Ausstellung 1955.

Von Mark-Christian von Busse

In der gedruckten Ausgabe stellen wir am Mittwoch das Team von Adam Szymczyk vor.

Quelle: mydocumenta

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