documenta-Leiterin Christov-Bakargiev: „Das mag Kunst sein oder nicht"

Kassel. Die documenta 13 soll ein breites Spektrum abdecken. Zu den Kunstwerken sollen neben Malerei, Skulptur, Performances, Fotografie und Video ebenso Forschung und Archivierung, „aber auch andere Objekte und Experimente auf dem Gebiet der Kunst, Politik, Literatur, Philosophie und Wissenschaft“ gehören.

Das unterstrich Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin, in einem am Wochenende verbreiteten Grundsatz-Statement.

Mehr als 150 Künstler aus 55 Ländern werden ab 9. Juni an der documenta 13 in Kassel teilnehmen. Die meisten Teilnehmer seien Künstler, manche jedoch würden aus der Wissenschaft kommen, „einschließlich Physik und Biologie, Ökoarchitektur und organische Agrikultur, der Forschung nach erneuerbaren Energien, Philosophie, Anthropologie, ökonomische und politische Theorie, Sprach- und Literaturwissenschaften, einschließlich Fiktion und Poesie“.

Der Beitrag aller Teilnehmer werde darin bestehen, dass sie untersuchen, wie verschiedene Formen des Wissens „das Herz der aktiven Übung“ bilden, „sich die Welt neu vorzustellen“. „Was manche dieser Teilnehmer tun, und was sie in der dOCUMENTA (13) ,ausstellen’, mag Kunst sein oder auch nicht“, schreibt Christov-Bakargiev in der Presseerklärung. Ihre Taten, ihre Gesten, ihre Gedanken und ihr Wissen könnten aber von Künstlern „gelesen“ und aufgenommen werden.

Die 54-Jährige spricht von „künstlerischer Forschung“ und „Formen der Einbildungskraft“ in Verbindung mit Theorie. All das solle sich der Theorie aber nicht unterordnen, sondern ebenso sinnlich und energetisch wie politisch sein.

Angetrieben werde die documenta von einer „ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision“ - also von einem Denken, das nicht allein auf Vernunft und Rationalität beruht. Einer Vision, „die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht“.

Studenten machen mit

Die Abteilung der documenta, die Führungen anbietet (darunter auch ein zehnstündiges Programm, siehe Text unten), heißt bei Christov-Bakargiev „Vielleicht Vermittlung und andere Programme der dOCUMENTA (13)“. In diese „Ordnung des Vielleicht“ gehört für die amerikanisch-italienische Kunsthistorikern auch die Teilnahme von Studenten in einer Reihe „aktivierter, von Künstlern entwickelter Projekte“.

Beteiligt ist ein Netzwerk von Kunstakademien, beispielsweise aus Malmö, Mailand, Mainz, Genf, Oslo, Helsinki, Lyon, Leeds und London. „Diese Projekte existieren in einer Zwischenzone. Sie sind zwischen Kunstprojekten, didaktischen und vermittelnden Aktivitäten angesiedelt.“

Mehr zur documenta unter http://zu.hna.de/docuwiki

dTOURS

Ein weiteres Besucher-Angebot hat die documenta bekanntgegeben: Eine zehnstündige (!) Führung, bei der es um Ausdauer geht, ist neu im Programm der sogenannten dTOURS.

Üblicherweise sollen die Rundgänge mit speziell geschulten „Weltgewandten Begleitern“ zwei Stunden dauern (Kosten: 11 Euro, Gruppen mit maximal 15 Teilnehmern: 160 Euro). Die fünf Führungen sind thematisch sowie auf einzelne Standorte zugeschnitten, „Bahnhöfe, Bewegungen, Bilder“ etwa auf den Kulturbahnhof. Der originellste Titel lautet: „Wenn man reinkommt, sieht man schon, dass es mit Samen gefüllt ist.“ Er bezieht sich auf den Rundgang in Karlsaue und Ottoneum.

Infos: www.documenta.de

Industrie und Barock

Übersicht der documenta-Standorte

Auch zu den Standorten hat sich die documenta 13 erstmals ausführlich geäußert. Neben den traditionellen (Fridericianum, Neue Galerie, documenta-Halle) sortiert documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev die Räume so:

• Orte, die der Natur- und Technikgeschichte gewidmet sind, wie Ottoneum und Orangerie.

• Kleine „Komponenten“, die sich über die Grünflächen der barocken Karlsaue verteilen.

• Diesen Sphären der Aufklärung stellt sie die industriellen Räume hinter dem Kulturbahnhof gegenüber. Im Zusammenhang mit den Fabriken, die in Kassel Panzer für das NS-Regime produzierten, spricht sie von „dystopischen“, anti-utopischen Räumen.

• Dazu kommen etwas abseits gelegene „bürgerliche“ Orte wie Ständehaus, Hotel Hessenland, Hugenottenhaus und das Kaskade-Kino aus den 50ern.

Christov-Bakargiev kündigt weitere Orte auch außerhalb Kassels an, die sie am 6. Juni bekannt geben will. Dazu dürften die Stollen im Weinberg ebenso gehören wie die Gedenkstätte in Guxhagen-Breitenau (Schwalm-Eder-Kreis), in die die künstlerische Leiterin viele Künstler geführt hat.

Alle Orte sind für Christov-Bakargiev wunderbare Räumlichkeiten, weil sie „vier Bedingungen repräsentieren, unter denen Künstler und Denker derzeit agieren müssen“. Sie bezeichnet sie als „Auf der Bühne“ / im „Belagerungszustand“ / im „Zustand der Hoffnung“ / „auf dem Rückzug“. (vbs)

Quelle: mydocumenta

Rubriklistenbild: © HNA

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