documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev: "Ich habe kein Konzept"

Vor vollem Hörsaal: Carolyn Christov-Bakargiev mit Rektor Christian Philipp Müller. Foto: Herzog

Kassel. „Das war das Ende des Workshops.“ Carolyn Christov-Bakargiev macht eine Pause, hält inne - und legt wieder los. So viel gibt es zu sagen, über Saatzucht und Städtebau in Mesopotamien, über relativistisches Denken bei Montaigne, Hume, Kant und die eigene Erfahrung als wichtigste Grundlage des Lernens.

Also gibt es eine Zugabe für die 60 Zuhörer im Seminar der Kunsthochschule. Alles lässt sich stets weiter überlegen, aufs Neue hin und her wenden: So kommt das Denken nie ans Ende.

Die Teilnehmer hatten einen Text des griechischen Arztes und Philosophen Sextus Empiricus lesen sollen, der im späten 2. Jahrhundert lebte: Ein Vertreter des radikalen Skeptizismus, der die Möglichkeit jeder gesicherten Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit infrage stellte. Die documenta-Leiterin bekannte sich zu solch skeptischem - ausdrücklich nicht zynischem - Denken, das Dogmatismus ablehnt. Aber darum ging es im sprunghaften Dialog von Höhlenmalerei zu Fra Angelico, von Adorno („wieder extrem wichtig“) zu Agamben längst nicht nur.

Zu Beginn wandte sich Christov-Bakargiev direkt an Studierende, wollte wissen, warum sie Kunst studieren, was Kunst überhaupt sei, und insistierte, als einige Befragte in arge Verlegenheit gerieten: „Wie würden Sie Marsmenschen Kunst erklären? Warum sind Sie nicht für Zahnmedizin eingeschrieben?“ Mit den Definitionen gab sie sich nicht zufrieden. Kunst als Ausdrucksmöglichkeit für Empfindungen? Unterscheidet Künstler nicht von Poeten und Musikern. „Dem hätte Duchamp nie zugestimmt.“

Eine eigene Definition lehnte sie ab. „Ich habe kein Konzept“, unterstrich die US-amerikanisch-italienische Kunsthistorikerin, die heute 54 Jahre alt wird: „Die documenta hat kein Konzept.“ Wie komme sie dann zu ihren Künstlern?, wollte eine Zuhörerin wissen.

Dadurch, dass sie sie kenne, mit ihnen gearbeitet habe, durch Reisen, Begegnungen, indem sie sich vieles anschaue, erläuterte Christov-Bakargiev. Und durch Denken. Es gebe weltweit sicher 1000 bis 3000 Künstler, die es verdient hätten, auf der documenta ausgestellt zu werden. Ihr Ziel sei keine Liste der „Top 100“. Wie bei einer Salatsauce, wo es nicht auf die besten, sondern auf zueinander passende Zutaten ankomme. Was ihr wichtig ist: die emanzipatorische Rolle der Kunst, wie in Giotto-Gemälden, an denen erstmals die Bedeutung des Individuums abzulesen sei: „Der Beginn des Humanismus, eine Revolution.“

Sie glaube unbedingt daran, sagte Christov-Bakargiev, dass man Künstler und Werk nicht voneinander trennen dürfe. Die ihr oft zugeschriebene Haltung, „Anwältin“ der Künstler zu sein, wies sie aber von sich: Das klinge gönnerhaft, bevormundend. Künstler brauchten niemanden, der sich ihrer schützend annimmt.

Kunst werde aber gerade von den Machthabern in der globalen Informationsflut, im „Wissenskapitalismus“ geschätzt, von denen, die Gewinn erwirtschaften. Weil Künstler die ideologischen Postulate der entfremdeten Arbeit des 21. Jahrhunderts erfüllten: Flexibilität, Improvisation, Verzicht auf feste Arbeitszeiten, einen festen Arbeitsplatz, Vermischung von Arbeit und Freizeit. Kunst als Labor prekären Lebens. Geschätzt werde wohlgemerkt die Kunst, für die Künstler selbst sei kein Platz „an der festlichen Tafel“.

Der Vortrag

Zerstörung, Konflikt, Trauma - um diese Themen kreiste Carolyn Christov-Bakargievs anspruchsvoller Vortrag am Mittwochabend in der Kunsthochschule. Sie plädiert für eine De-Anthropologisierung: Der Mensch soll nicht länger im Mittelpunkt stehen. Hunden zum Beispiel oder auch nicht-animierten Elementen der Erde wie Steinen schenkt sie im Sinne einer neuen Gerechtigkeit in der artenreichen Welt gleichfalls Aufmerksamkeit. Folglich konnte sie fragen, was missverstandene, ignorierte, verstoßene, zerstörte, traumatisierte Kunstwerke „fühlen“. Mit einer Fotoserie gab sie Beispiele: eine von den Taliban gesprengte Buddha-Statue, im Bürgerkrieg im Museum Beirut verbrannte, verschmolzene antike Stücke, ein Teppich, der bei Anders Breiviks Bombenattentat im Osloer Regierungsviertel beschädigt wurde ... Auch über Man Ray, Lee Miller und Gustav Metzger sprach Christov-Bakargiev, Lacan, Freud, Melanie Klein, Walter Benjamin und Hannah Arendt führte sie an.

Christov-Bakargiev warb für die 100 Notizhefte von Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern im Vorfeld der documenta 13 als Beispiele des von ihr bevorzugten spekulativen, skeptischen Denkens. Sie glaube nicht an Lehre, sagte sie. Im Seminar hatte sie das „Zeitalter des Kuratierens“ kritisiert: Es sei falsch, dass die Kunst den Künstlern entrissen, Kuratoren überantwortet würde, dass sich Kunstvermittler wie „eine neue Priesterklasse“ zwischen Künstler und Ausstellungsbesucher stellten. Deshalb biete die documenta „maybe education“ an, „vielleicht Vermittlung“. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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