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documenta: Lumbung Gallery erprobt neues Modell für Kunstmarkt

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Von: Mark-Christian von Busse

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Die documenta fifteen als solidarische Galerie: Beat Raeber (von links), Julie Delnon und Martin Heller von der Lumbung Gallery im Ruruhaus.
Die documenta fifteen als solidarische Galerie: Beat Raeber (von links), Julie Delnon und Martin Heller von der Lumbung Gallery im Ruruhaus. © MARK-CHRISTIAN von Busse

Ruangrupa als künstlerische Leitung der documenta überträgt seine Lumbung-Praxis gemeinschaftlich verwalteter Ressourcen auch auf die Vermarktung der Werke.

Die Messe Art Basel hat im Juni mit Millionenumsätzen von sich reden gemacht. Félix González-Torres, Marlene Dumas, Georg Baselitz – das sind Stars des Kunstmarktes. Dessen Dimensionen macht eine Zahl anschaulich: Für rund 38 Millionen Euro hat die Schweizer Galerie Hauser & Wirth in Basel eine „Spider“-Plastik von Louise Bourgeois (1911-2010) verkauft. Damit erzielte die Riesenspinne der documenta-Teilnehmerin 1992 und 2002 einen Erlös, der fast dem gesamten documenta-Etat 2022 (42,2 Mio. Euro) entspricht.

Die documenta fifteen will vieles ganz anders machen. Auch, was die Mechanismen des Kunstmarkts betrifft. Vielleicht erklärt das auch einen Teil des Furors, mit dem sie angegriffen wird.

Ruangrupa als künstlerische Leitung überträgt seine Lumbung-Praxis gemeinschaftlich verwalteter Ressourcen auch auf die Vermarktung der Werke. Deshalb sitzen Beat Raeber und Martin Heller bestens gelaunt am Stand der Lumbung Gallery im Ruruhaus, gleich links hinter dem Café, und schwärmen von dieser documenta.

Die beiden sind Profis der Kunstszene. Der Schweizer Raeber leitete bis 2017 die in Zürich beheimatete Galerie RaebervonStenglin, er gehörte auch Auswahlkomitees der Art Basel an. Der Berliner Anwalt und Dozent Heller ist spezialisiert auf die juristische Unterstützung großer Künstlerstudios. In seinem Büro ist das Berlin Gallery Weekend gegründet worden.

Gemeinsam haben die beiden The Artists erfunden, eine professionell geführte Non-Profit-Onlineplattform, die Künstler ohne Galerie unterstützt: Etablierte, namhafte Kuratoren nehmen jeweils die Auswahl vor. Das Spektrum ist groß – von Studierenden bis zu Künstlern aus Saudi-Arabien. 60 Prozent des Verkaufserlöses gehen direkt an die Künstler, fünf Prozent in einen Topf, der der gesamten jeweiligen Auswahlrunde zugutekommt. „Wir sind auch eine Art Kollektiv“, sagt Raeber – zu dem noch Maren Brauner, Julie Delnon und Michael Oswald zählen.

In vielen Zoom-Konferenzen haben The Artists, das Leitungsteam der d15 und Vertreter der als Lumbung-Mitglieder beteiligten Kollektive in einer „Lumbung Gallery Working Group“ für die documenta ein alternatives ökonomisches Modell entwickelt. Das soll Prinzipien des Teilens und der Solidarität berücksichtigen und über das Ende der Ausstellung hinaus Bestand haben. Die Idee: Möglichst viel Geld – 70 Prozent des Erlöses – sollen direkt die Schöpfer der Werke erhalten. Über die Verwendung von 30 Prozent befinden die Künstler zusammen.

Die Lumbung Gallery übernimmt als eingetragener Verein die Beratung und Vermittlung. Wie attraktiv das Angebot ist, zeigt der Blick auf die Website. „Das ganze Gelände ist unsere Galerie“, sagt Martin Heller, „fast alles kann man kaufen oder man kann sich auf andere Art engagieren.“ Das beginnt bei 400 Euro für einen Ziegelstein der Jatiwangi Art Factory. Dafür kann das indonesische Kollektiv 16 Quadratmeter einer Industriebrachfläche erwerben. Für viele sei Kunst nur ein Teil ihres Gruppengefüges, sie unterstützten oft ihr heimisches Umfeld, sagt Heller: „Kunst ist viel mehr Leben als nur Produzieren.“ Das spanische Kollektiv Inland, das im Ottoneum ausstellt, plant den Aufbau einer Akademie für Schäfer.

Auch für die Preisgestaltung gibt es nachvollziehbare Kriterien: darunter die allen Kollektiven zur Verfügung stehenden, pauschalisierten Produktionskosten sowie die auf zwei Jahre Vorbereitung berechneten Grundbedürfnisse der Künstler, die sich am weltweit höchsten publizierten Mindestlohn orientieren – dem von Australien.

„Der turbomäßig aufgeheizte Kunstmarkt scheint in einer Sackgasse. Alle suchen nach weiteren und neuen Wegen“, sagt Heller. Galerien prägten die Biennalen – auch in Venedig: „Einige Länderpavillons sind Showrooms.“ Nach dem Ende der Ausstellung gehe die Kunst meist praktisch direkt an Sammler.

Auch bei documenta-Ausstellungen haben früher Galerien die Produktion mitfinanziert – und später vom Verkauf profitiert. „Sichtbarkeit ist in der Kunst eine wichtige symbolische Währung, die sich hervorragend zu echtem Geld machen lässt“, so bringt es Saskia Trebing in „Monopol“ auf den Punkt. Diesmal aber, so Raeber und Heller, gehe es der documenta, wo sicher 80 Prozent der Beteiligten nicht von Galerien vertreten würden, darum, die Unabhängigkeit von Künstlern zu stärken, Positionen zu zeigen, die sonst keine Beachtung finden – zugänglich für jeden, ohne große Schwellen. Das herkömmliche Galeriensystem kommt in diesem Experiment ohne Hierarchien, ohne egomane Künstlergenies nicht zum Zuge. „Der übliche Kunstmarkt kommt hier in Kassel kaum vor. Die 100 Tage sind wie ein Labor“, sagt Heller. „Wir sind die Partner der Künstler“, ergänzt Raeber, „sie sind unsere Auftraggeber, ohne Künstler gäbe es uns ja gar nicht.“

Beide sind beeindruckt, mit welcher Energie und Intelligenz Initiativen auf der ganzen Welt gemeinschaftliches Leben ausprobieren, kollektiv Entscheidungen treffen, auch Kompromisse finden – und das, so Raeber, „hat nichts mit alten Vorstellungen von Gleichmacherei und Kommunismus zu tun“.

„Das Interesse ist riesig“, sagt Beat Raeber über die Resonanz. Die d15-Besucher seien „extrem begeistert“, mit der documenta, auf der tatsächlich Vertrauen, Zuhören, Offenheit und Transparenz herrschten, verbinde sich ein Hoffnungsschimmer: „Es ist wirklich der Versuch, voneinander zu lernen.“ lumbunggallery.theartists.net

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