Fridericianum und documenta-Halle

Mitmachkunst auf der documenta: Hier nehmen Besucher an Performances teil

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Kopf auf dem Tisch: Andra Schumann überrascht die Zuschauer als Performerin in „Precarious Archive“ im oberen Stockwerk des Fridericianums. Vor ihr liegen Fotos und Archivkästen.

Kassel. Bei der documenta in Kassel soll Kunst nicht nur konsumiert werden. An einigen Performances nehmen die Besucher aktiv teil. Unsere Autorin war im Fridericianum und in der documenta-Halle mittendrin.

Es gibt Räume bei der documenta, die scheinen zu schlafen. Deshalb lohnt es sich, zu bestimmten Zeiten dort zu sein. Nämlich dann, wenn Kunst-Akteure sie aufwecken.

In der opulenten Dokumentensammlung „Precarious Archive“ im Fridericianum lassen zwei Performerinnen die etwa 900 Fotos der griechischen Militärdiktatur, dem Kalten Krieg und der Truman-Doktrin in einem Kreis aus Tischen und im deutsch-englischen Sprachenmix lebendig werden. Sie bringen Licht in die Dunkelheit der griechischen Krisen. Und sie lassen die Besucher zu Detektiven werden. Denn in der Archivarbeit von Stefanos Tsivopoulos wird nicht nur Geschichte rezitiert. Sie ist zum Entdecken freigegeben.

Rundgang durch griechische Geschichte: Im „Precarious Archive“ sind über 900 Fotos gesammelt.

„Aus welchem Jahr sind diese Bilder?“, fragt eine Performerin die Zuschauerin, die auf die Fotos schaut. Die Fragerunde geht weiter. „Was wissen Sie über diesen Platz?“ Mit weißen Handschuhen bewegen die Performerinnen die Bilder wie ein Puzzle hin und her und lassen den Raum zu einem Obduktionszimmer griechischer Geschichte werden. Ihre Stimmen, die langsamen Bewegungen oder Sätze wie „Ich lasse Sie mit dem Bild allein“ wecken etwas Mysteriöses.

Vor einem Foto einer Militärparade bleibt die documenta-Akteurin Andra Schumann stehen, salutiert, stampft auf. Solche Momente, in denen sie ihren Kopf auf die Tischplatte donnert und die Arme hängen lässt, reißen einen heraus aus dem spaßig-gruseligen Rätseln und überraschen ebenso, wie sie die Fantasie der Zuschauer anregen. 

Wenig später bespricht ihre Kollegin Alison Peacock das Paraden-Foto mit einer Besucherin. Sie fragt, ob die Militärs auf der Stelle treten, im Kreis, rückwärts oder vorwärts gehen. Mit ihrem fast schelmischen Blick fängt sie die Betrachterin ein, die schließlich auf die Frage „Hätten Sie gern im Publikum gesessen?“ mit einem panisch lächelnden „Nein“ antwortet. Mit dem Ende der Performance spuckt einen die Zeitmaschine wieder aus in die Gegenwart – ein schlafendes Archiv der Bilder.

Viel mehr gefordert werden Besucher hinter der Schiebetür eines Raumes in der documenta-Halle. In der Performance „Social Dissonance“ des spanischen Künstlers Mattin geht ohne sie nichts. Mit einer Art Notenzettel, auf dem kryptische Handlungsanweisungen stehen, kommen Menschen in einen Raum, um „eine gesellschaftliche Dissonanz zu bestimmen“.

Sitzkreis als Kunst: In der documenta-Halle beginnt täglich um 18 Uhr die interaktive Performance „Social Dissonance“.

Unstimmigkeiten gibt es an einem gewöhnlichen Ausstellungsabend auf der documenta unter den Anwesenden tatsächlich genug. Soll jetzt abgestimmt werden, was passiert? Es ist nicht so einfach, sich ohne Animateure eine Stunde lang selbst zu bespaßen. Ein Experiment mit Frustpotenzial, das sich jeglicher Kritik entzieht, weil alles mit dem Tun und Lassen der Anwesenden steigt und fällt. Dass unter den gleichen Vorzeichen zeitgenössischer Tanz entstehen kann, ist auf Youtube aus dem griechischen Performance-Pendant in Athen zu sehen. Im Internet wird ein Livestream gezeigt. Wer lieber nur zuschauen will, kommt hier auf seine Kosten.

• „Precarious Archive“ im Fridericinanum, täglich zu wechselnden Zeiten.

„Social Dissonance“ im Video und täglich live ab 18 Uhr in der documenta-Halle.

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