Spektakulärer Tempelbau

documenta plant riesiges Gebäude aus 100.000 Büchern in Kassel

1983 in Buenos Aires: Nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien errichtete Marta Minujín den „Partenón de Libros“. Er ist das Vorbild für den „Parthenon der Bücher“, der zur documenta 14 im Sommer 2017 als Replik des Athener Tempels auf dem Kasseler Friedrichsplatz aufgebaut wird. Foto: documenta

Kassel. Es ist ein Aufsehen erregendes Projekt, das die documenta am Donnerstag bekannt geben wird.

Es schlägt eine Brücke zwischen den documenta-Standorten Kassel und Athen, nimmt aber genauso auf die Geschichte des Fridericianums und des Friedrichsplatzes Bezug: Die argentinische Künstlerin Marta Minujín wird 2017 eine Replik des bedeutendsten Bauwerks auf der Athener Akropolis in Kassel auf dem Friedrichsplatz errichten. Ihr Werk „The Parthenon of Books“ (Der Parthenon der Bücher) soll ein Zeichen gegen Zensur und die Verfolgung von Schriftstellern sein.

Ein Metallgerüst in den Ausmaßen des Parthenon (Wikipedia-Eintrag) soll mit bis zu 100.000 Büchern verkleidet werden, die in aller Welt gesammelt werden. Bei der Frankfurter Buchmesse soll das documenta-Projekt vorgestellt und um Buchspenden geworben werden. Erbeten werden Bücher, die nach Jahren des Verbots wieder verlegt werden, und Titel, die in einigen Ländern untersagt, in anderen aber verbreitet sind.

Wahrzeichen von Athen: Der Parthenon-Tempel auf der Akropolis mit einer Grundfläche von 30,86 mal 69,51 Metern. Der Kasseler Nachbau soll die Original-Ausmaße haben. Foto: dpa

Minujíns „Parthenon der Bücher“ geht zurück auf ihre Installation mit dem Titel „El Partenón de libros“ 1983 in Buenos Aires. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur in Argentinien wurden damals genau jene Titel verwendet, die die Militärregierung verboten hatte: 25 000 Bücher stammten aus den Kellern, in denen sie nach ihrer Beschlagnahmung von den Militärbehörden gelagert worden waren. Nach fünf Ausstellungstagen kippten zwei Kräne das Gebäude leicht zur Seite, sodass man die Bücher mitnehmen konnte. Auch für das Ende der d14 ist eine Aktion geplant, um die Bücher wieder in Umlauf zu bringen. Sie werden in Folie eingeschweißt, bevor sie an den Metallrohren befestigt werden, um sie vor Nässe zu schützen.

Der Parthenon - der als eines der berühmtesten noch existierenden Baudenkmäler des antiken Griechenlands seit fast 2500 Jahren die Athener Akropolis beherrscht - ist der Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos. Minujín gilt er „als ästhetische und politische Urform einer Demokratie“, wie Kurator Pierre Bal-Blanc aus dem Team von documenta-Leiter Adam Szymczyk formuliert. 1983 habe sie auf das demokratische Ideal genau zu dem Zeitpunkt hinweisen wollen, als die Militärjunta zu Fall gebracht worden war.

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Auch heute noch sind Zensur, die Verfolgung von Autoren und das Verbot ihrer Texte, weltweit verbreitet. Minujíns Installation verweist aber auch auf die Kasseler Geschichte. Ihr „Monument für die Demokratie und für die Erziehung durch Kunst“ - so Kurator Bal-Blanc - entsteht dort, wo am 19. Mai 1933 im Zuge der sogenannten „Aktion wider den undeutschen Geist“ rund 2000 Bücher verbrannt wurden. 1941 fing das Fridericianum - damals noch als Bibliothek genutzt - während eines Bombenangriffs der Alliierten Feuer: Ein Buchbestand von 350 000 Bänden ging verloren.

Sammelstart in Kassel am 20. Oktober

Nach der Frankfurter Buchmesse (19. - 23. Oktober) können Buchspenden per Post geschickt (documenta 14, Stichwort: Parthenon der Bücher, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel) oder persönlich abgegeben werden. Unterstützer werden gebeten, ein Formular auszufüllen und der Spende beizulegen. In Zusammenarbeit mit der Universität Kassel werden die Spenden gesichtet und katalogisiert. Im Verlauf des Projekts entsteht eine Liste verbotener Bücher, die auf der documenta- Website veröffentlicht wird. Sammelstart in Kassel ist am 20. Oktober. Dann wird auch eine Sammelbox am Fridericianum aufgestellt. Am 22. Oktober wird eine Veranstaltung mit Marta Minujín stattfinden. Unsere Zeitung wird den Fortgang kontinuierlich begleiten und etwa verfolgte Autoren und ihre verbotenen Bücher ebenso wie Buchspender beispielhaft vorstellen.

Zur Person

Marta Minujín, geboren 1943 in Buenos Aires, studierte bildende Kunst und Kunstpädagogik in Buenos Aires, ehe sie Anfang der 60er-Jahre nach Paris ging. Dort arbeitete sie an einer Serie von Plastiken aus umgestalteten, miteinander vernähten und in grellen Farben bemalten Matratzen. 1966 erhielt sie ein Guggenheim-Stipendium. Seither lebt und arbeitet sie in New York und in Buenos Aires.

Minujín arbeitet in vielseitigen Medien - von Happening und Performance-Kunst bis hin zu Installationen und Video. „Minujíns ,bewohnbare Skulpturen‘ entspringen der Geringschätzung und dem Misstrauen gegenüber dem sammelbaren Kunstobjekt“, teilt die documenta mit. Sie beschäftigte sich vielfach mit repressiven Regimes, darunter der Diktatur in ihrer argentinischen Heimat, sowie Büchern und ihrer Verfügbarkeit als Ausweis demokratischen Denkens und freier Rede. „Viele ihrer Aktionen arbeiten mit Momenten der Überraschung und Provokationen, bisweilen auch der Gewalt und Zerstörung“, so die documenta.

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