documenta-Halle

Adam Szymczyk – Vortrag mit Witz und stoischer Ruhe

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Die Plätze reichten bei weitem nicht. Der Vortrag von Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, am heißen Donnerstagabend in der vollen, stickigen documenta-Halle zog die gesamte Kasseler Kulturszene und viele documenta-Fans an.

Kassel. Hunderte wollten Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, am heißen Donnerstagabend in der vollen, stickigen documenta-Halle erleben. Die Plätze reichten bei weitem nicht. Es kamen die gesamte Kasseler Kulturszene und viele documenta-Fans.

„Danke für die Anregungen“, sagte Adam Szymczyk irgendwann auf Deutsch. Denn die Hunderte Besucher, die Donnerstagabend trotz Hitze voller Neugier auf den künstlerischen Leiter der documenta 14 in die stickige documenta-Halle strömten, hatten Vorschläge und Ideen mitgebracht.

Zum Beispiel, den alten Traum des documenta-Gründers Arnold Bode zu verwirklichen und das Oktogon des Herkules zu bespielen. So unbescheiden, es als Erstes mit dem Herkules aufnehmen zu wollen, wolle er nicht sein, erwiderte Szymczyk: „Geben Sie mir etwas Zeit.“

Auch schwierige Begriffe wie Zukunftsfähigkeit und „intergenerative Gerechtigkeit“ - so die Anliegen einer Zuhörerin - lernte der Kurator aus Polen kennen (und gab zu verstehen, Alter allein sei kein Kriterium, es gehe ihm auch nicht darum, junge Künstler berühmt zu machen).

Aktualisiert um 16.30 Uhr.

Das Interesse war riesig, den 43-Jährigen zu erleben. Um das „Recht der ersten Nacht“, Szymczyk vorstellen zu dürfen, hatten viele gebuhlt, wie documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff berichtete. Die salomonische Entscheidung: Kunstverein, Kulturnetz und documenta-Forum luden gemeinsam ein, die documenta selbst richtete den englischsprachigen Vortrag „Strange Comfort (Afforded by the Profession“) aus, zu Deutsch „seltsamer Trost, den der Beruf gewährt“, betitelt nach einer Erzählung des britischen Schriftstellers Malcom Lowry. Alles, was in der Kasseler Kultur Posten, Rang und Namen hat, war da.

Szymczyk präsentierte sich mit stoischer Ruhe (auch darin das ganze Gegenteil seiner Vorgängerin) und trockenem Witz. Er gab nicht über seine Kasseler Pläne Auskunft, sondern zeigte mit Bildern aus der Kunsthalle Basel, die er seit 2003 leitet (und wo er dieses Jahr auch noch vier weitere Ausstellungen zeigt), dass er Erwartungen gern ironisch unterläuft.

In Basel machte er zum Start „Tabula Rasa“. Die Gruppe dänische Gruppe „Superflex“ zeigte eine „Supershow“, bei der das Haus (außer Tafeln mit technischen Daten zu den jeweiligen Räumen) leer blieb. Die Aufmerksamkeit wurde ganz aufs Museum und die Schönheit des Gebäudes mit seinem wunderbaren Oberlicht-Saal gelenkt, gewissermaßen als ein Möglichkeitsraum in der Fantasie der Besucher. Besucher wurden mit zwei Schweizer Franken honoriert, kauften aber auch für fünf Franken Stofftaschen mit dem Aufdruck „I was paid to go here“ (ich wurde für das Kommen bezahlt). Marketinggags, dank derer sich die Zuschauerzahl verdoppelte und die Kunsthalle bei Medien und Publikum ins Gespräch kam.

Zusätzlich definierte Superflex eine Typologie von Museumsbesuchern vom Studenten bis zum potenziellen Sammler und bildete semiprofessionelle Schauspieler aus, die in zehn solcher Rollen in der (eigentlich ja leeren) Ausstellung mit Besuchern ins Gespräch kommen sollten.

Eine solche „Tabula Rasa“ sei in Kassel nicht notwendig, ergänzte Szymczyk auf Nachfrage, die documenta funktioniere so ähnlich wie eine Tafel, die immer wieder abgewischt und neu beschrieben werde. Die früheren Ausstellungen existierten nur noch in der Imagination, in der Erinnerung und der gemeinsamen Vorstellungskraft - wie eine „kollektive Projektion“.

Auch „alte Bekannte“ tauchten in Szymczyks Vortrag auf - Jimmy Durham etwa, der 2012 mit Carolyn Christov-Bakargiev die beiden Apfelbäume in der Karlsaue gepflanzt hatte und der viel mit Material arbeitet, das er auf den Straßen findet. Basel sei so sauber, sagte Szymczyk, dass er da nichts gefunden hätte, was man verwenden könne.

Der aus Vietnam stammende Däne Danh Vo hatte unter Rein Wolfs’ Ägide im Fridericianum Teile der zerlegten Replik der New Yorker Freiheitsstatue ausgestellt. In der Basler Kunsthalle installierte er einen riesigen Kronleuchter in dem Oberlichtsaal - so, wie es sich der Architekt erträumt hatte. Diese Beleuchtung war aber nie verwirklicht worden. Ein solcher Kronleuchter hatte aber auch in Paris in dem Saal gehangen, in dem Anfang der 70er-Jahre der Friedensvertrag für Vietnam verhandelt und unterzeichnet worden ist.

Warum, fragte Szymczyk auf die Frage nach dem Unterschied von Künstler und Kurator, solle ein Kurator keine Geschichten erzählen („storytelling“) dürfen?

Mit den Kasseler „Kulturproduzenten“ will Szymczyk noch intensiver ins Gespräch kommen, mögliche „Kollaborationen“ erörtern: „Da gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte.“ Gefragt, ob nicht die documenta nur eine Elite anspreche, erwiderte er unter Gelächter und Beifall: „Ja, eine Elite von einer Million Menschen.“ Seine vermeintliche Vorliebe für den weiß getünchten Museumsraum, den „white cube“, konterte er schlagfertig: „Aber mein T-Shirt ist brutal rot“ und verwies auf den Skulpturenpark auf verwilderten Freiflächen in einem Niemandsland seiner Berlin-Biennale im Jahr 2008.

Kulenkampff hatte sich anfangs für den freundlichen, offenen Empfang der neuen documenta-Leitung in Kassel bedankt. Wo immer man derzeit dabei sei, mögliche Standorte für die documenta 14 im Jahr 2017 in Augenschein zu nehmen (zur Not auch durch Zäune nicht zu stoppen, wie sie freimütig zugab), werde man erkannt und hilfsbereit und herzlich willkommen geheißen. Das Kompliment erwiderte ganz am Ende eine Besucherin. Sie wollte nur loswerden, „dass wir uns auf die documenta mit Ihnen freuen“.

Von Mark-Christian von Busse

Fotos: Szymczyk hält Vortrag in der documenta-Halle

Adam Szymczyk hält Vortrag in der documenta-Halle

Quelle: mydocumenta

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