Erster Besuch

documenta-Rundgang im Museum der zeitgenössischen Kunst: Den Ungehörten zuhören

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Aus rot eingefärbter Wolle: Arbeit von Cecilia Vicuna (mit spanischem Schleifenzeichen über dem "n") mit dem Titel "Quipu Womb (Ther Story of the Red Thread, Athens)".

Athen. Gleich am Eingang das Osterlied „Christ ist erstanden“, unterm Dach die „Internationale“. Die documenta 14 spannt im Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst (EMST), einem ihrer zentralen Standorte in Athen, weite Bögen – geografisch, thematisch und in ihren künstlerischen Medien.

Der aus dem Kongo stammende, in Brüssel lebende Sammy Baloji zeigt, untermalt von europäisch verwurzelter Kirchenmusik, in einem Video schwarze Arbeiter bei der Kupferverarbeitung: eine Installation, die einen sogleich festhält. Zuletzt werden der Musiktheoretiker und Instrumente-Erfinder Arseny Avraamov (1885-1944) und bolschewistische Soundexperimente vorgestellt.

An vielen Stellen senkt die Schau ein Lot in die Vergangenheit, gräbt sie in der Geschichte. Da gerät man plötzlich in einer „Zeitkapsel“, die Olu Oguibe eingerichtet hat, in den Biafra-Krieg Ende der 60er-Jahre. Es gibt wandgroße Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Kosovo von 1990 (Lala Meredith-Vula). Alte, klobige Röhrenfernsehgeräte kommen für alte Videofilme zu Ehren. Und Lois Weinberger, von der documenta X von der Bepflanzung eines stillgelegten Gleises am Kasseler Kulturbahnhof bekannt, stellt Fundstücke aus, die er unter den Dielen des elterlichen Bauernhofs in Tirol entdeckt hat.

Man begegnet Gemälden aus Polen, der Heimat des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk, von Erna Rosenstein und Andrezj Uróblewski aus den Jahren 1949 bis 1951, und Bildern aus der Nationalgalerie von Tirana: schönster sozialistischer Realismus der 70er-Jahre, „Soldaten der Revolution“ und tüchtige Helden der Produktion. Selten, dass Malerei nur den Ziel hat, so viel Farbe wie möglich auf ein Quadrat zu bringen, wie beim US-Amerikaner Stanley Whitney.

Kolonialismus, Unterdrückung von Minderheiten, Zurichtung des Körpers, (Geschlechts-)Identitätsfragen – dass Szymczyk selten oder ungehörten Stimmen Raum geben will, ist auf Schritt und Tritt spürbar. Das erinnert mal an journalistische Recherche, wenn Ashlam Shibli seine Fotoserie „Occupation“ aus Al-Khahil in Palästina mit ausführlichen Erläuterungen versieht, und ist dann wieder eindrucksvoll bunt und fremd wie die Masken des erst Ende März gestorbenen Beau Dick. Er gehörte den Kwakwaka’wakw im Nordwesten Kanadas an. Zu den faszinierendsten Künstlerinnen, die Szymczyk vorstellt, zählt die Sardin Maria Lai (1919-2013) mit einer üppigen Präsentation. Leider taucht sie im Katalog nicht auf.

Programmatisch für das politische Anliegen dieser documenta ist schon die Eingangshalle: Ein Bassin, gefüllt mit Oliven, ist Teil der Arbeit der Kasseler „Parthenon-der-Bücher“-Erbauerin Marta Minujín, übersetzt heißt sie: „Zahlung der griechischen Schulden an Deutschland mit Oliven und Kunst.“ Darüber ein Foto aus Neuseeland von 1905. Der britische Gouverneur sitzt im Auto, Würdenträger der Ngai Tuahuriri stehen zu Pferde für eine traditionelle Willkommenszeremonie bereit.

Alles Wissen wieder verlernen, sich unvoreingenommen auf Neues einlassen – diese Devise hat Szymczyk vorgegeben. Sein breit gefächertes, mal sperriges, mal inspirierendes Angebot im Museum ist schon sehr überwältigend. Und viele weitere Schauplätze folgen.

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