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documenta: Sound-Installation im Hotel Hessenland mit rauschendem Finale

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Von: Lara Thiele

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Sperrholzstrukturen und Vinylprints, ähnlich einer Landkarte, am Standort Hotel Hessenland während der documenta fifteen in Kassel.
Sperrholzstrukturen, Vinylprints und Klang: Das macht den documenta-Standort Hotel Hessenland aus. © Andreas Fischer

„Mafolofolo“ heißt das documenta-Kunstwerk, das im Hotel Hessenland zu sehen, aber vor allem zu hören ist. Es handelt sich um eine Sound-Installation aus Südafrika.

Mit zaghaftem Vogelgezwitscher beginnt es, dann spricht eine Männerstimme. Regen fällt, Frauen singen, ihre Stimmen kommen aus verschiedenen Ecken des Raums, es donnert und gewittert. Am Ende steht ein lautes, rauschendes Finale, das für Gänsehaut sorgt und die Besucher weit weg trägt – nach Südafrika. Die Rede ist von der Sound-Installation im Hotel Hessenland, einem Standort, den man ohne documenta-Ticket besuchen kann.

„Mafolofolo“ heißt das Werk, von „Madeyoulook“, einer Kooperation aus Johannesburg in Südafrika zwischen der Künstlerin Molemo Moiloa und dem Regisseur Nare Mokgotho. Sie wollen alltägliche Dinge Schwarzer Menschen in den Mittelpunkt rücken, die historisch entweder übersehen wurden oder als unbedeutend galten. „Mafolofolo“, im deutschen Raumtext mit dem Zusatz „Ort der Genesung“, ist durch sieben Jahre Forschung im nördlichen Teil Südafrikas entstanden.

„Madeyoulook“ – englisch für „Brachte dich dazu, hinzuschauen“ – will die Aufmerksamkeit auf die Unterdrückung und den Rassismus während der Kolonialzeit lenken, als den indigenen Menschen das Land weggenommen wurde, und darauf, wie dieses Trauma nachwirkt. Viele Schwarze in Südafrika haben es bis heute nicht überwunden. Es hilft, diesen Ansatz beim Besuch der Sound-Installation im Hinterkopf zu behalten, um einen Zugang zu finden.

Viele Menschen mit indigenen Wurzeln in Südafrika haben eine tiefe und beständige Beziehung zu dem Land und dem Boden – trotz all dem Schmerz, den die Kolonialzeit verursacht hat, oder vielleicht auch gerade deswegen. „Mafolofolo ist ein Ort der Trauer und der Kontemplation“, also des konzentrierten Nachdenkens, heißt es im Raumtext. Es geht jedoch auch um Wiederherstellung, ums Genesen.

Das spiegelt sich in der Installation wider, die sich auf afrikanische Lieder des Widerstands bezieht: gegen die Unterdrückung, für die Befreiung. Der Gesang in der Landessprache hat tatsächlich etwas Heilendes, Tröstendes. Das Finale weckt Gefühle der Hoffnung und Verbundenheit mit der Natur – und endet abrupt, sodass viele Besucher ehrfürchtig verweilen.

Vinylprints, ähnlich einer Landkarte, am Standort Hotel Hessenland während der documenta fifteen in Kassel.
Auf dem Boden sind Namen ehemaliger Siedlungen und vorkolonialer Gesellschaften sowie südafrikanischer Städte zu sehen. © Lara Thiele

Unterstützt wird das durch die optischen Elemente im Ballsaal des Hotels. Auf dem schwarzen Boden sind Linien und Worte zu entdecken, die an eine Landkarte erinnern: Es handelt sich um die Namen ehemaliger Siedlungen und vorkolonialer Gesellschaften, der Zyklus von Vertreibung und Rückkehr wird aufgezeigt.

Auch die Namen südafrikanischer Städte tauchen auf. Zudem gibt es drei Holzinseln mit wellenförmigen Ebenen, auf denen man Platz nehmen kann. Das tun viele Besucher, manche stehen oder laufen auf der Empore herum. Einige legen sich auf die Holzinseln oder auf den Boden, schließen die Augen – sie sehen aus, als könnten sie dadurch noch etwas tiefer in die Sound-Installation eintauchen.

Der Ballsaal selbst wird seit den 1990er-Jahren nicht mehr genutzt und hat eher Baustellencharakter, vor allem oben auf der Empore, und ist nicht sonderlich ansehnlich. Die Lobby des Hotels, durch die man beim Verlassen des Ballsaals hindurchgeht, ist dafür umso sehenswerter und zeigt eine wunderschöne 50er-Jahre-Architektur.

Das Hotel Hessenland wurde 1953 eröffnet und von Paul Bode entworfen, dem Bruder des documenta-Gründers Arnold Bode. So schließt sich der Kreis und man verlässt beseelt das Hotel, die Klänge der afrikanischen Stimmen noch immer im Ohr.

Info: Die Sound-Installation beginnt zu jeder vollen und halben Stunde, täglich zwischen 10 und 20 Uhr. Sie dauert 20 Minuten.

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