documenta war überall - ein Rückblick

Sommerlicher Treffpunkt: Song Dongs „Doing Nothing Garden“ vor der Orangerie. Foto: Malmus

Kassel. In ihrem Chronik-Heft 2012 bebildert die „Süddeutsche Zeitung“ die documenta 13 ausgerechnet mit Stephan Balkenhols Figur im Turm der St.-Elisabeth-Kirche.

Als sie sich gegen die Begleitausstellung der katholischen Kirche aussprach, fürchtete Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der d13, also mit Recht eine Verwechslungsgefahr der Kunst am Friedrichsplatz. Ihr Protest - sie fühlte sich „bedroht“ - geriet aber so schrill, dass die Eröffnung der Balkenhol-Schau in der vollen Kirche zum demonstrativen Akt wurde. Pro Balkenhol.

Tatsächlich stand der Mann im Turm symbolisch für entscheidende Konflikte: Wie viel documenta soll es sein, wie sehr darf sie Kassel in den 100 Ausstellungstagen prägen? Christov-Bakargiev entschied sich für ein Ausstellungsareal, das gut 30 mitunter versteckt liegende Standorte in der Innenstadt einbezog: Zwischen Nordflügel des Kulturbahnhofs und Karlsaue, die nie so umfangreich documenta-Schauplatz gewesen war, zwischen Königsplatz und Weinberg pilgerten die Kunstfreunde - documenta war überall.

Welche geradezu magischen Schauplätze Christov-Bakargiev entdeckt, erschlossen und für die Kunst erobert hat, vom früheren Finanzamt bis zum „Hugenottenhaus“, wie ihr das Wechselspiel aus Verdichtung und Leere/Weitläufigkeit geglückt ist, wie sie Räume zu bespielen wusste - all das war beeindruckend, trug aber zum Gefühl der Überforderung bei. Diese documenta war kaum zu bewältigen.

Gleichzeitig markierte die Balkenhol-Figur genau jene Perspektive, die „CCB“ überwinden wollte - die des männlichen weißen Europäers oder US-Amerikaners. Ihr ging es, wie sie in „irren Interviews“ (so das Magazin „Art“) erklärte, um Sichtweise und Teilhabe der „nichtmenschlichen Spezies“, ein „Wahlrecht für Erdbeeren“, traumatisierte Steine und darum, was Meteoriten an Wissen und Erfahrungen gespeichert haben. Ihre Ausstellung war mit Spurenelementen des Religiösen durchzogen - doch bedauerte die 55-Jährige gerade wieder in „Art“, dass manche einer religiösen Haltung verhaftet seien, die „den Menschen zwanghaft im Mittelpunkt sehen muss“. Künstlerisch löste sich dieses Anliegen - wie mit einem Hundespielplatz - am wenigsten ein.

Andere Themensetzungen überzeugten mehr. Arbeiten zum d13-Motto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“, zu Trauma und Therapie mit dem Brückenschlag zwischen Kassel und Kabul, wo wie in Alexandria und Banff (Kanada) d13-Außenposten eingerichtet wurden. Trotz dieser weltweiten Expansion der Standorte und Blickwinkel, trotz eines ins Extrem erweiterten Kunstbegriffs von Apfelbäumen bis zur Quantenphysik: „CCB“ hatte sich intensiv in die Kasseler und die documenta-Geschichte vertieft, nie sind so viele Kunstwerke eigens für Kassel entstanden, die Kunstvermittler, „Worldly Companions“ (weltgewandte Begleiter), sollten alle Kassel-Bezug haben - und doch ist „CCB“ in Kassel nie richtig angekommen. Auch weil ihr Auftreten manchmal divenhaft, unberechenbar, abgehoben war.

Sie wollte zuerst die Künstler schützen, dann die Kunst sprechen lassen, so rechtfertigte sie den medialen Wirbel vor und ihren Rückzug nach Ausstellungsbeginn. Dennoch war ihr heimlicher Abgang stillos.

Wie gewohnt trägt die documenta durchgehend das Signatur ihrer Macherin“, zieht Philippe Dagen von „Le Monde“ Bilanz. Das ist Risiko und Stärke jeder documenta. Wie kann eine nächste documenta aussehen, bei der Geschäftsführer Bernd Leifeld im Ruhestand sein wird? 850 000 Besucher, Dauerkartenrekord, ausufernde Schauplätze diesmal - womöglich kann die Zukunft nur in einer Konzentration, der Rückkehr zum Kleinen liegen.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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