Mann äußerte sich kritisch während Ausstellungsbesuch

Ärger über documenta: Kasseler Künstler wurde der Mund verboten

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Kritikpunkt: Friedel Deventer findet die Schrumpfköpfe von Sergio Zevallos in der Neuen Galerie „menschenverachtend“.

Kassel. Der Kasseler Künstler Friedel Deventer ist sauer: Ihm wurde vom Personal der documenta untersagt, sich innerhalb einer Gruppe über d14-Kunst zu äußern.  

Eigentlich war es lediglich ein documenta-Besuch mit Freunden. Dafür war die Begleitung eines Choristen gebucht worden, denn die Gäste wollten sich intensiv mit der Kunst auseinandersetzen. 

Doch der Gang über die d14 endete damit, dass Friedel Deventer, selber Künstler und Kunsthistoriker aus Kassel, von Aufsichtskräften der d14 der Mund verboten wurde. „Man hat mich aus der Ausstellung hinauskomplimentiert“, sagt Deventer. 

Sein Vergehen: Er hatte Kommentare zur dargebotenen Kunst abgegeben. Die waren nicht immer positiv. Die Gruppe hörte aufmerksam zu. Denn Deventer kann reden. Zum Teil in harschen Worten. „Das ist für mich Gekritzel und eine Zumutung für den Betrachter“, sagt er beispielsweise und er beharrt darauf: „Ich möchte meine Meinung sagen.“ Deshalb besuchte er – angekündigt – gleich ein zweites Mal mit Freunden die d14 und machte öffentlich seine Anmerkungen. Dieses Mal blieb er unbehelligt.

Ähnlicher Fall bei documenta-Besucherin aus Vellmar

Ähnliches hat auch Petra Ramm aus Vellmar erlebt. Innerhalb einer Besuchergruppe habe einer – an die anderen gerichtet – die Frage gestellt: Was fällt Euch dazu ein? Sofort sei Aufsichtspersonal auf den Wortführer zugekommen, um ihn darauf hinzuweisen, dass derlei Unterhaltung nicht statthaft sei und eine documenta-Begleitung durch einen Choristen gebucht werden müsse. „Das kann ich nicht nachvollziehen“, so Ramm. Ihrer Meinung nach sei es doch Ziel der documenta, dazu anzuregen, selber nachzudenken und sich nicht alles vorkauen zu lassen. „Generell begrüßt die documenta 14 den offenen Austausch zu den Ideen und Werken der Ausstellung“, heißt dazu die offizielle Stellungnahme der documenta zu den Vorwürfen.

Die lautstarken Äußerungen Deventers hätten jedoch Beschwerden der Besucher nach sich gezogen, „sodass die Aufsichten den Herrn gebeten haben, seine Kritik etwas ruhiger zum Ausdruck zu bringen.“ Er sei nicht aufgefordert worden, die Ausstellung zu verlassen, sondern nur dazu, auf die anderen Ausstellungsbesucher Rücksicht zu nehmen.

Kunstbesuch: Eine befreundete Gruppe (hier Peter Skiba, Rüdiger Krahe, Dietrich Lösel und Christine Ehrig) lässt sich von Friedel Deventer (von links) durch die Neuen Galerie führen. „Eigenmächtige Führungen“ sind aber von der documenta 14 nicht gestattet.  

Keine eigenmächtigen documenta-Führungen 

Ein Mitglied des Aufsichtsteams bestätigte gegenüber der HNA, dass es keine Anweisung an die Mitarbeiter gebe, Besucherdebatten vor den Kunstwerken grundsätzlich zu unterbinden. „Diskussionen sind natürlich erwünscht und die sollen wir auch nicht abwürgen“, berichtete der Aufsichtsmitarbeiter.

Eine „ganz klare Ansage“ gebe es allerdings: Wenn es den Anschein habe, dass jemand eine eigenmächtige Führung in d 14-Standorten veranstalte, sollten die Aufsichten deutlich machen, dass dies nicht gestattet sei. Seit Langem gehört es zu den Spielregeln der Weltkunstschau, dass nur Führungen durch documenta-eigenes Personal zugelassen sind. Reiseleitern von Volkshochschulgruppen oder Tourismusunternehmen ist dies verwehrt. Einen Musterprozess gegen den Reiseanbieter Studiosus hatte die documenta GmbH vor zehn Jahren gewonnen.

Daher würden die Aufsichten stets aufmerksam, „wenn einer in einer Gruppe das große Wort führt, und das durch mehrere Räume, während die anderen nur zuhören“, sagte der documenta-Mitarbeiter. Dann komme schon mal „der Hinweis, das bitte zu lassen“.

Die meisten Angesprochenen – häufig Busgruppen aus Nachbarländern – seien dann auch sofort einsichtig: „Die kennen oft einfach unsere Regeln nicht.“

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