Die documenta verstehen: Die d13 will, dass wir den Kurs ändern

Privilegierte Position: Labradoddle Lulu auf dem d13-Hundespielplatz. Foto: Schachtschneider

Kassel. Neulich, nach einem anstrengenden Arbeitstag, war HNA-Redakteur Mark-Christian von Busse am Fridericianum verabredet. Und er gierte nach einer eiskalten Cola, die ihm neue Energie schenken sollte - und die er nicht bekam. Gedanken über eine documenta, die will, dass wir den Kurs ändern.

Welches Entsetzen, als mir am documenta-Gastronomie-Stand klar wurde, dass die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev die zuckerhaltige Koffeinbrause als US-amerikanisches Imperialistengesöff von ihrer Ausstellung verbannt hat. Bionade gibt es, aber Coca-Cola? CCB sagt: Nein, danke.

An vielen Stellen setzt sie solche Akzente. Wir alle sollen uns nicht auf das distanzierte Betrachten von Kunst beschränken, sondern unser Verhalten infrage stellen. Mancherorts wirkt die documenta als Modell, wie unsere Gesellschaft aussehen könnte, wenn wir bewusster leben. Folgende Gebote lassen sich formulieren.

„Nichtkapitalistischer Kräutergarten“ am Ottoneum: Die Künstlergruppe And And And wirbt für gemeinschaftliches Gärtnern und für Bio-Produkte. Foto: Koch

Wir sollen auf uns aufpassen. Auf der d13 gibt es Orte, an denen wir in uns hineinhorchen, unsere Selbsterkenntnis schärfen können, ob in Pedro Reyes’ „Sanatorium“, in Marco Lutyens’ Hypnose-Hütte oder in Tino Sehgals dunklem Raum am Hugenottenhaus: Der Blick richtet sich nach Innen. Wir sollen Achtsamkeit gegegenüber anderen üben und Gemeinschaft pflegen. Ana Pravcki zeigt in Video-Sequenzen Grundregeln der Höflichkeit. Im „Anger Workshop“ in der Neuen Galerie lernen Besucher, mit Ärger und Aggressionen umzugehen, Bereitschaft zur Versöhnung zu zeigen. Im Hugenottenhaus, bei Tino Sehgal und in Gartenprojekten wird gezeigt, wie Gemeinschaft funktioniert, wie inspirierend und erfüllend sie ist. „Threeing“ wird in der Aue als Modell der Kooperation vorgestellt.

Wir sollen unser Konsumverhalten ändern. Statt Fastfood beispielsweise Mangold essen, der in wunderbarer Vielfalt auf den THW-Pontonbrücken nahe der Kunsthochschule angebaut ist. Wir sollen genmanipulierte Massenware meiden, stattdessen zu Bio-Produkten aus der Region greifen, wie sie am And-And-And-Kiosk angeboten werden. Bei SinnLeffers sind Klassik-Klänge zu hören statt einlullendem Kaufhausgedudel. Bei C&A empfängt uns eine riesige leere Fläche. Brauchen wir, was uns die Werbung suggeriert? Können wir uns ihren Reizen entziehen? Die Nähwerkstatt aus Holz von Istvan Csákány lässt uns nachdenken, unter welchen Bedingungen Konsumgüter hergestellt werden. In Gareth Moores „Dorf“ in der Aue müssen Kameras und Handys draußenbleiben. Auch das ist eine Übung im Verzicht.

Hier warten Menschen in weißen Kitteln: Mitarbeiter des Künstlers Pedro Reyes im „Sanatorium“ in der Karlsaue, in das sich documenta-Besucher zu verschiedenen „Therapien“ einweisen lassen können. Foto: Malmus

Wir sollen darüber nachdenken, was wirklich wertvoll ist, und dem Geld weniger Bedeutung zumessen. Die „Time/Bank“ (Zeitbank) in der Aue und Claire Pentecosts Kompost-Barren fragen, ob sich Geld ersetzen ließe, welche andere Währungen es geben könnte. Lara Favarettos Schrotthaufen macht deutlich: Abfall hat hohen Materialwert, der Schrott wäre gerade in anderen Weltgegenden hochbegehrt. In der kritischen Haltung zum kapitalistischen Wirtschaften stimmt die documenta mit der Occupy-Bewegung überein, die ihre Zelte auf dem Friedrichsplatz aufgebaut hat. Wir sollen Tiere und ihre Rechte würdigen. Die d13 verschafft Perspektiven „nichtmenschlicher Lebewesen“ Geltung - und das nicht nur auf einem Hundespielplatz.

Wir sollen uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen, und die Welt im Blick haben. Dafür stehen zahlreiche Arbeiten zu Zerstörung und Wiederaufbau in Kassel, Kabul und anderswo sowie zur Geschichte des KZ Breitenau.

Kunst, so lautet die Botschaft, ist eine Form der Partizipation und Mittel zur Heilung - von Individuen und Gesellschaft. Kunst kann Traumata überwinden helfen, Alternativen aufzeigen, einen Beitrag leisten, die Welt besser zu machen. Ein anspruchsvolles, ehrgeiziges Konzept, das den Menschen in die Pflicht nimmt, ihm Verantwortung zuschreibt, ihm aber auch etwas zutraut.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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