Aufgeladen mit Athen

Wenn Kunst umzieht: Marmorzelt verändert in Kassel seine Symbolik

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Saftig grün statt felsig: Aus dem Marmorzelt von Rebecca Belmore schaut man in Kassel vom Weinberg in die hügeligen Wälder mit Windrädern.   

Kassel/Athen. Ein wenig verspätet (das Camping-Wetter spielte nicht mit) ist das Marmorzelt von Rebecca Belmore auf den Kasseler Weinbergterrassen angekommen und zeigt, wie sensibel Kunst auf ihre veränderte Umgebung reagiert.

Statt der Akropolis sehen die Besucher nun den Schornstein des Kasseler Müllverbrennungswerks. Statt des Ockergelbs und Felsengraus der Athener Hügel nun das Sattgrün der nordhessischen Wälder.

Die Skulptur kommt als Objekt mit Erinnerung nach Kassel, aufgeladen mit den Eindrücken aus Athen, wo Belmores Arbeit zu den meistfotografierten und -besprochenen d14-Werken gehörte. Dies lag sicher auch an der zwingenden Verbindung zwischen Werk und Ausstellungsort, die sich in Kassel nicht in dem Maße erkennen lässt. In Athen öffnete sich aus dem (betretbaren) Kunst-Verschlag der Blick auf die Akropolis. Das Ur-Symbol für westliche Demokratie und Humanismus musste sich mit dem Wissen mischen, dass nun auch die gestrandeten Flüchtlinge in Griechenlands Camps zum Projekt Europa gehören.

Europa im Blick: Belmores Skulptur auf dem Filopappou-Hügel gegenüber der Akropolis in Athen. 

Die kanadische Künstlerin, selbst Nachfahrin des teils nomadisch lebenden Anishinaabe-Volkes, weist mit ihrer handgemeißelten Skulptur auf die Stabilität von Ausnahmezuständen hin. Für viele Flüchtende ist das provisorische Obdach zur Normalität ausgehärtet, für die anderen gehören die Eindrücke aus den Zeltlagern zum Medienalltag.

Das wuchtige Bild aus Athen, das auch das Konzept der documenta 14 auf den Punkt bringt, lässt sich in Kassel nicht wiederholen. Neben der Grimmwelt auf dem beschaulich Biergarten-möblierten Weinberg wirkt das Zelt eher wie ein filigran gearbeitetes Märchen-Versteck, die Verbindung zu den Geflüchteten, die von Süden nach Norden reisen, wird abstrakter. Auch die Machart des Zeltes weist in die griechische Vergangenheit. Der feine Marmorfaltenwurf erinnert an die Gewänder antiker Skulpturen.

Trotzdem passt der Akt des Umzugs zum Werk, denn ein Zelt ist ein Ort, der wandelt, und auch Deutschland hat sich das Traumbild vom antiken Griechenland angeeignet. Neben Nathan Pohios Bildtafel mit dem Maori-Stammesführern zu Pferd und dem britischen Generalgoverneurs-Ehepaar im Auto kann man das Zelt mit dem Titel „Biinjiya’iiing Onji“ (Von innen) nun als weiteren Beitrag zum Thema Zu-Gast-Sein lesen.

Belmore (56) erinnert auch an die Wigwams ihrer Vorfahren, ein Zuhause, das sich überall ansiedeln könnte. Ihre Skulptur steht fürs Heimat Verlieren und fürs Ankommen – eine Ambivalenz, die in Kassel eher ins Heimelige kippt.

Hintergrund: Das Zelt in der Kunst

Zelt-Klassiker: Tracey Emins Werk von 1995.

Das Zelt ist ein unentschiedener Ort zwischen Ankommen und Weiterziehen, zwischen Geborgenheit und Provisorium. Dieses ambivalente Stoffgebilde fasziniert Künstler immer wieder. Eines der berühmtesten Zelte der jüngeren Kunstgeschichte ist Tracey Emins intime Skulptur „Everyone I’ve Ever Slept With“ (1995), für die die Britin die Namen aller Personen, mit denen sie je geschlafen hat, auf die Wände gestickt hat. Auch die d14 zeigt noch mehr Zelte. Am Kulturbahnhof wird das Übergangszuhause des indischen Künstlers Nikhil Chopra gezeigt, und in der Hauptpost hängen Zeltmalereien von Edi Hila. Auch auf der d13 spielten Zelte eine Rolle – wenn auch nicht ganz geplant. Auf dem Friedrichsplatz wurde ein Camp der Protestbewegung „Occupy“ aufgebaut, das die documenta zunächst gastfreundlich aufnahm. 

Marmorzelt auf dem Weinberg aufgestellt

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