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Thüringer Künstler schmuggelt Kunstwerk bei der documenta Kassel ein

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Von: Bastian Ludwig

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Ohne Erlaubnis aufgestellt: Das 20 Quadratmeter große Bild „Johanniwunder“ steht in Sichtweite zum documenta-Kunstwerk „Komposthaufen“ in der Karlsaue.
Ohne Erlaubnis aufgestellt: Das 20 Quadratmeter große Bild „Johanniwunder“ steht in Sichtweite zum documenta-Kunstwerk „Komposthaufen“ in der Karlsaue. © Bastian Ludwig

Die Diskussion über Antisemitismus auf der documenta läuft auf Hochtouren. Grund ist ein umstrittenes Kunstwerk, welches mittlerweile abgebaut wurde. Ein Bildhauer bezieht nun Stellung.

Kassel - Gernot Ehrsam weiß, dass seine Aktion illegal ist. Doch der Bildhauer aus Erfurt will ein Zeichen setzen. Er schmuggelt ein Bild in die documenta ein. In der Karlsaue hat der 55-Jährige in der Nacht zu Samstag ein 20 Quadratmeter großes Bild aufgestellt, um sich damit in der Diskussion um die Künstlergruppe Taring Padi zu positionieren. Er erkläre sich mit seinem Werk solidarisch mit dem indonesischen Künstlerkollektiv und wolle sich aber gleichzeitig gegen Antisemitismus und Faschismus aussprechen. „Ich lade alle Kasseler ein, das Kunstwerk zu erweitern“, sagt Ehrsam.

Als Ehrsam vergangene Woche die documenta in Kassel besuchte, war er begeistert von dem, was er zu sehen bekam. „Es ist eine geniale documenta gebaut worden. Joseph Beuys hätte sie gefallen. Nicht die Künstler stehen im Mittelpunkt, sondern soziale und gesellschaftliche Fragen. Werke entstehen aus gemeinsamen Handeln und landen nicht als Produkt auf dem Kunstmarkt.“ Insofern findet der Bildhauer es bedauernswert, dass die Antisemitismusdebatte alles andere überlagere. „Das haben die documenta und die Künstler nicht verdient.“

Bei der Arbeit im Stiftspark Bad Hersfeld 2020: Gernot Ehrsam schuf dort Holzfiguren. Archivfoto: Laura Hellwig
Bei der Arbeit im Stiftspark Bad Hersfeld 2020: Gernot Ehrsam schuf dort Holzfiguren. (Archivfoto) © Archivfoto: Laura Hellwig

Thüringer Künstler schmuggelt bei documenta Kassel Kunstwerk ein: Zeichen für mehr Diskurs

Er habe es zwar für richtig gehalten, dass das umstrittene Werk von Taring Padi abgebaut wurde – „bei den Karikaturen haben die in die Scheiße gegriffen“ – aber nun brauche es einen produktiven Impuls. „Es reicht nicht, plakativ da draufzuhauen. Wir brauchen einen Diskurs.“

Aus einem spontanen Impuls heraus hatte Ehrsam die Idee, ein Kunstwerk unweit des documenta-Kunstwerkes „Komposthaufen“ aufzustellen. Es hat den Titel „Johanniswunder“, der sich auf den Johannistag bezieht, der am Freitag gefeiert wurde. Der christliche Kontext des Titels verweise auf die Unterschiede zur indonesischen Kultur.

Zur Person

Gernot Ehrsam (55) hat Grafik und Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin studiert. Er stammt aus der thüringischen Rhön und lebt in Erfurt. Seit 1997 ist er freiberuflich als Bildhauer tätig. Unter anderem schuf er für die Opfer des Schulamoklaufs von Erfurt eine Sandsteinskulptur. Auch für den Stiftspark in Bad Hersfeld schuf er Figuren. 2000 bekam er ein Stipendium der Christoph Merian Stiftung in Basel. 2007 bis 2011 Gastdozent an der Universität Erfurt. 

Der Mittelteil des zehn Meter langen Bildes hatte der Bildhauer bereits vor einiger Zeit gemalt. Er zeigt die griechischen und die germanischen Götter, die an einem Tisch zusammensitzen. Genau das müsse nun auch geschehen: Die Menschen müssten zusammenrücken, um in die Diskussion zu gehen. Beispielsweise über die Vergangenheit Europas und Antisemitismus. Einen solchen Prozess solle sein Bild anstoßen. „Vielleicht ist meine Aktion auch ein Fehlgriff. Aber ich bin mutig genug, es zu versuchen.“

Thüringer Künstler schmuggelt Bild auf documenta: Verantwortliche äußern sich bisher nicht

Am gestrigen Montag war das auf Spanplatten gemalte Bild von Ehrsam noch zu sehen. Es steht etwas versteckt unter einer alten Buche zwischen dem Kunstwerk „Komposthaufen“ und Aueteich (Großes Bassin). Der Thüringer Künstler will nun warten, ob die documenta auf seine Initiative reagiert.

Die documenta äußerte sich gestern auf HNA-Anfrage nicht zum weiteren Umgang mit dem illegal aufgestellten Kunstwerk. (Bastian Ludwig)

Sein Kunstwerk auf der documenta Kassel gehört zu den Bildern, die frei zugänglich sind und keinen Eintritt kosten, anders als bei Museen.

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