1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

„Eindeutig nicht antisemitisch“: Ruangrupa nimmt zur umstrittenen Broschüre Stellung

Erstellt:

Kommentare

Kritisiert: Publikation „Présence de femmes“.
Kritisiert: Publikation „Présence de femmes“. © Leonie Krzistetzko.

Die künstlerische Leitung der documenta fifteen, Ruangrupa, hat sich gegen die jüngsten Antisemitismus-Vorwürfe verwahrt.

Kassel – Das indonesische Kollektiv spricht in der Debatte um die 1988 in Algier erschienene, als antisemitisch kritisierte Broschüre „Présence de Femmes“ von einer „Fehlinterpretation“, mit der es „überhaupt nicht einverstanden“ sei.

„Die Bilder in der Broschüre sind eindeutig nicht antisemitisch“, heißt es in der Stellungnahme von Ruangrupa: „Alle Karikaturen haben eine bestimmte Geschichte, sie repräsentieren die Propagandakunst der damaligen Zeit und den Standpunkt der Palästinenser*innen gegenüber der militärischen Besatzung.“ Auf keinem der Bilder würden Menschen jüdischen Glaubens abstrakt dargestellt. Es handele sich um Darstellungen israelischer Soldaten mit eindeutigem Bezug zur Flagge: „Der Davidstern auf den Helmen von Soldaten ist das Symbol des israelischen Staates und der israelischen Armee, hier gibt es keine Zweideutigkeit.“

Die Broschüre wird im Fridericianum vom Archives des luttes des femmes en Algérie gezeigt, das laut Ruangrupa Wissen vermittele zwischen einer älteren Generation der algerischen Frauenbewegung und heutigen Bewegungen, so deren Kämpfe belebe und Kunst zum „Ort des Wandels“ mache. Die kritisierten Zeichnungen stammten von zwei Karikaturisten: dem Syrer Burhan Karkutli, der von den 1970er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2003 in Deutschland lebte, und dem Palästinenser Naji al-Ali (1938-1987). Ihre stilisierten Zeichnungen hätten unterschiedliche Entstehungsorte.

Jene von Karkutli seien 1969 im Kinderbuch des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani (1936-1972) „Die Kinder von Ghasan Kanafani“ veröffentlicht worden. Eine Geschichte aus der Zeit vor 1948 erzähle, wie zionistische Milizen eine Gruppe von Palästinensern töten, während sie ein Kind zwingen, dies mit anzusehen. Ähnliche Vorfälle seien von Historikern dokumentiert worden. Die andere Zeichnung sei eine Auftragsarbeit für eine Geschichte, die während der Nakba spiele, also der Flucht und Vertreibung von Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet.

Die Karikatur von Naji al-Ali – der auch korrupte arabische Regimes und die PLO kritisiert habe – stelle die palästinensischen Volksaufstände dar, die zur ersten Intifada von 1987 führten. Die Karikatur veranschauliche die Komplizenschaft der arabischen Regime mit dem israelischen Staat, aber auch die Widerstandsfähigkeit und Stärke von Frauen. Deshalb sei sie in der Zeitschrift über die Solidarität zwischen der algerischen Frauenbewegung und dem Kampf für die Befreiung Palästinas abgedruckt worden.

In der Ausstellung selbst fehlt diese Kontextualisierung bislang. Das algerische Archiv bedauert auf einer Tafel, dass die Exponate für einige Besucher nicht verständlich seien und kündigt in Kürze zusätzliche Informationen an, um die Materialien besser einordnen zu können.

Auch interessant

Kommentare