Mein Lieblingskunstwerk: Julie Mehretus abstrakte Gemälde

Vielschichtige Sichtweisen: Die vier großformatigen Bilder der amerikanischen Künstlerin Julie Mehretu lassen auf Entdeckungsreisen gehen, bei denen jeder Betrachter neue Orte entdecken dürfte.

Erst sind sie einfach nur riesig – die vier Gemälde der Amerikanerin Julie Mehretu (42). Weiß-graue Töne, vereinzelte spärliche Kolorationen in Pastell, abstrakte Linien und Farben, die sich zu grafisch dichten Kompositionen verweben.

Schnittmuster, Stadtpläne, Flugrouten, Bahnstrecken, Autobahnen, Telefonkritzeleien, aus der Ferne wirken die Bilder wie ein hektisches Wirrwarr an Strichen. Acrylfarbe schiebt sich über Blei- und Filzstift, Tinte und dicke Farbkleckse überlagern sich, bis die Oberflächen wachsartig glänzen und Tiefe entsteht. Doch mit jedem Schritt, mit dem man diesen Bildern näher kommt, entwirren sich die Muster und geben den Blick in Fantasie-Welten frei.

Es ist, als ob man auf einen Stadtplan schaut, zunächst nur Strukturen erkennt, um Schritt für Schritt die Viertel der Stadt zu entdecken.

In den einzelnen Schichten der Bilder werden Architekturfragmente sichtbar, Bruchstücke von Fassaden.

Mit Blicken schweift man über Elemente des Tahrir-Platzes in Kairo, durchmisst in Gedanken den Zuccotti-Park im Finanzdistrikt von New York – Orte, an denen im vergangenen Jahr protestiert wurde: für Demokratie in Ägypten, gegen die Macht der Banken in den USA.

Struktur löst sich auf

Mehretu, die in Äthiopien geboren wurde, ist kein Newcomer, sondern bereits in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York vertreten. Seit 2000 ist sie weltweit mit Ausstellungen in den großen Museen zu sehen.

Sie trägt die einzelnen Elemente der Bilder in Schichten auf, verwischt und löscht sie wieder. Dadurch scheinen sich die Strukturen, die man eben noch erkannt hat, die Vertrautes hervorgerufen haben, auf der Leinwand wieder auszulöschen wie sich verblassende Erinnerungen.

Das fasziniert, denn die Bilder kann man täglich anders sehen. Somit lassen alle Gemälde einen unendlichen, aber durch die vielfältigen Schichten auch recht privaten Blick zu. Bei dem es einem schwindelig werden kann, wenn Mehretu über die präzisen Linien einen frenetischen Wirbel von Pinselstrichen hinwegfegen lässt.

An diesen Bildern kann man sich nicht sattsehen. Wer sich darauf einlässt, begibt sich zwangsläufig auf eine Zeitreise: durch Zeitgeschichte, durch Architekturgeschichte, durch Geschichten der Stadtentwicklung, durch Raum und Zeit.

Von Martina Wewetzer

Quelle: mydocumenta

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