Grenzen des Wachstums der Kasseler Weltkunstausstellung

Zum Finale der dOCUMENTA (13): Eine Einschätzung der HNA-Kulturredaktion

Die Massen strömen: Blick in die documenta-Halle auf Thomas Bayrles gigantische Darstellung eines Flugzeugs. Foto: Zucchi/dpa

Kassel. Am 16. September sind auch die 100 Tage der dreizehnten documenta vorüber. Die HNA-Kulturredaktion zieht bereits heute eine Bilanz: Wo sind die Erwartungen erfüllt, enttäuscht oder vielleicht übertroffen worden?

Teil I: Die Grenzen des Wachstums

Hoch konzentriert, tief versunken, mit großer Ausdauer lauschen unzählige Menschen der bewegenden Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller unter Bäumen in der Karlsaue. Lange Wartezeiten werden in Kauf genommen, um für den ebenso beeindruckenden „Video Walk“ des Künstlerduos im Kulturbahnhof iPods auszuleihen.

Zwei Beispiele - man könnte viele weitere nennen - für die Bereitschaft, sich mit phänomenaler Geduld auf die documenta 13 einzulassen. Und für das Bedürfnis, sich selbst ein Bild davon zu machen, was Künstler zu „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ - einem Motto der d13 - zu sagen haben. Wie sie sich mit Krisen und Krieg, mit Nachwehen der Geschichte, aber auch drängenden Problemen unserer Gegenwart auseinandersetzen.

Durchhaltevermögen, Kondition und manchmal auch Langmut wurden den Kasselern und ihren Gästen aus aller Welt abverlangt. Fast 200 Teilnehmer aus über 50 Staaten fächerten ein breites Spektrum auf: von Zerstörung und Hoffnungsfunken in Afghanistan über die Macht von Saatgut-Konzernen bis zum Verhältnis von Naturwissenschaften und Kunst. Von der kleinformatigen, klassisch museal präsentierten Malerei Etel Adnans bis zum Künstlerdorf Gareth Moores - in dem Kunst und Leben kaum zu trennen waren - gab es die unterschiedlichsten Haltungen und Medien.

Es erwies sich im Wortsinne als unmöglich, wirklich alles zu sehen. Mehr noch, genau das war das Ziel: Mit dieser Zumutung zurechtzukommen. Nanni Balestrinis mit Farbschlieren überzogene Filmaufnahmen dauerten 2400 Stunden. Sie liefen immerzu.

Gleichzeitig beharrte die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ganz konservativ und durchaus überzeugend auf der eigenen Anschauung mit allen Sinnen (und nicht nur mit dem Kopf), auf der eben nicht virtuellen Wahrnehmung, auf der Bedeutung realer Objekte.

Diese documenta war eine oft hoffnungsvoll stimmende, überwältigende Überforderung. Mitunter verzauberte sie. CCB bewies eine überaus glückliche Hand in der Bespielung der Standorte. Sie schuf magische Räume (Hugenottenhaus!). Aber an einigen Stellen enttäuschte die Schau: Wenn sich die langen Fußmärsche oder Radfahrten, zu denen die weitläufige Inszenierung zwang, nicht lohnten. Das galt für manche Hütte, für manche blasse, schwache, auch ärgerliche Künstler-Position. „CCBs“ Präferenz für „nichtmenschliche Spezies“ war ein Spleen, dem immerhin Kassels Hunde-besitzer einen Spielplatz verdankten. Auch die Offenheit, die ihre Rhetorik propagierte, lösten die Ausstellung und das Drumherum nicht immer ein.

Wenn sich der Blick auf die nächste documenta richtet, wird über Infrastruktur und Besucherzahlen neu zu sprechen sein. Noch mehr, noch größer - das scheint 2017 kaum vorstellbar. Es entbehrt nicht der Ironie, dass Christov-Bakargiev, die ihre d13 so kapitalismuskritisch angelegt hat, die Ausstellung an Grenzen des Wachstums geführt hat. (Von Mark-Christian von Busse)

Teil II: Orte oder Die Stadt als Kunstbühne

Die documenta setzte uns die Alltagsbrille ab. Sobald wir sie aus Kunst-Sicht betrachteten, verwandelte sich die Stadt Kassel. Besonders für die Einheimischen, die Kassel seit eh und je kennen - aber auch für die Kunstbesucher aus der ganzen Welt. Wie keine Schau vor ihr band die documenta 13 die Stadt in ihr Konzept ein.

Das Hugenottenhaus war vor der dOCUMENTA (13) aus dem Bewusstsein der Stadt ausradiert

Kassel passte zum Ausstellungsmotto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ perfekt. Die kriegsverwundete Stadt ist nie umfassend aufgehübscht worden, an vielen Stellen sind noch die Wunden der Bombardierung sichtbar - während es zugleich fast vergessene architektonische Juwelen der 50er-Jahre gibt - Ballsaal, Kino, Hotel - einzigartige Orte, die den Neustart der Stadt nach dem Krieg feierten. Das passt zum künstlerischen Neubeginn in Deutschland, den 1955 die erste documenta einläutete.

d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev schickte die documenta-Besucher auf eine Entdeckungsreise zu vergessenen Orten. Weckte diese aus dem Dornröschenschlaf, ließ staunen, wie sich Ruinen verwandeln können, wenn die Kunst einzieht. Ein äußerst gelungener Ansatz der Ausstellung. So wurde das Hugenottenhaus zum Herz der Ausstellung. Eine leer stehende Fast-Ruine, die aus dem Bewusstsein der Stadt ausradiert war. Der Chicagoer Künstler Theaster Gates und seine kreative Bautruppe wurden dort Hausherren, werkelten, machten Musik und erfüllten den Ort mit optimistischer Energie.

Zu entdecken gab es neben vielen weiteren Gebäuden in der Stadt dann vor allem den Nordflügel des Kulturbahnhofs. Ebenfalls unbekanntes Terrain, Niemandsland, seit Gewerbe und Logistik ausgezogen sind. CCB setzte die riesigen Hallen für spektakuläre Arbeiten in Szene, ermöglichte große künstlerische Gesten wie von Haegue Yang, die eine Jalousieninstallation über Bahnsteig und Gleis baute.

Ein Verdienst der Ausstellung war auch, vergessene Orte langfristig für die Bevölkerung zugänglich zu machen, so konnten mithilfe privater Sponsoren die Weinbergterrassen saniert werden.

Und dann die Aue. Wie durch eine Künstlerkolonie wandelten Besucher zwischen Bäumen und Teichen zu über 30 Hütten mit (allerdings oft schwächeren) künstlerischen Arbeiten. Die eigens gebauten Holzhäuschen boten den Kontrast zu den historischen, leicht abgerockten Innenstadt-Orten. Und die Natur ließ beim Kunstkonsum genug Raum zum Luftschnappen.
(Von Bettina Fraschke)

Teil III: Ideen-Überbau: Bombastische Texte und Theorien

Die Klau-Mich-Show, das Talk-Format im Ständehaus, hier mit Astrid Proll und Klaus Stern

Der Leitsatz zeigte schon das ganze Dilemma: „Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingelnd, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit.“ So betitelte Carolyn Christov-Bakargiev ihre Ausstellung. Sie erklärte dazu, dass das Bild des Tanzes die Idee der Schau deutlich machen könne: Es handele sich dabei um eine Abfolge von Bewegungen und Haltungen - jenseits von Theorien, sehr geerdet und konkret im Raum erlebbar. Der Gedanke ist durchaus nachvollziehbar, verständlich wird er aber erst nach umfänglicher Hintergrundlektüre. Deshalb funktioniert der Titel nicht. Und so geht es der documenta viel zu oft.

Nun war die Schau auch ohne Katalogwälzereien und Debattenbesuche gut benutzbar. Sie erschloss sich auf direkte und sinnliche Art. Gleichzeitig ächzte sie unter einem riesigen Theorieballast. 100 Notizbücher sollten zeigen, „wie Denken entsteht“, womöglich hätte man mit fertigen Ideen mehr anfangen können. Und die zahlreichen Diskussionen - stets mit schwülstig-kryptischen Titeln - blieben in vielen Fällen Insidertreffs der Veranstalter. 
(Von Bettina Fraschke)

Teil IV: Weltweite Standorte: Denken im Nationalpark

Brückenschlag: Verbrannte Bücher aus dem im Krieg zerstörten Fridericianum ließ Michael Rakowitz bei Steinmetz-Seminaren in Afghanistan in Stein nachbilden

Ein Merkmal der documenta war, dass es viel zu viel zu sehen gab. Doch auch das Gegenteil ist richtig: Ein Merkmal der documenta war, dass es eben nicht alles zu sehen gab.

Neben dem Kunst-Zentrum in Kassel fand die documenta auch an unerreichbaren Orten statt. Die Reise nach Kabul in Afghanistan, Kairo in Ägypten und Banff in Kanada blieb den allermeisten Besuchern verwehrt.

Dabei hat sich gezeigt, dass das Prinzip der maximalen Streuung der Standorte nur bedingt funktioniert. Die Steinbücher von Michael Rakowitz im Fridericianum zeigen eindrucksvoll, dass Kassel und Kabul keine Fremden, sondern versehrte Verwandte sind.

Das gemeinsame Schicksal der Städte von Zerstörung und Wiederaufbau taucht an mehreren Stellen der documenta auf. Und die Ausstellung in Kabul, an der auch afghanische Studenten beteiligt waren, erinnert durchaus wohltuend daran, dass auch in Krisengebieten Kunst entstehen kann.

Anders verhält es sich jedoch mit Kairo und Banff. Die Tagungen, die dort angesetzt waren, fanden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und hinterließen zumindest für den durchschnittlichen Besucher keine Spuren in Kassel.

Was die Delegation in Ägypten und Kanada besprochen hat, mag durchaus wichtig und relevant gewesen sein. Aber offenbar nicht relevant genug, um sich in der Ausstellung für alle nachvollziehbar widerzuspiegeln.

„Denken schadet nie“, konstatierte Chus Martinez, Leiterin der kuratorischen Abteilung, aus dem Rückzug im Banff-Nationalpark. Dagegen gibt es an sich nichts zu sagen. Aber zum zurückgezogenen Denken ist eine Weltkunstausstellung, die eigentlich etwas sagen will, vielleicht nicht der richtige Rahmen.
(Von Saskia Trebing)

Teil V: d (13)-Defizite: Eine analoge Idylle

Die documenta 13 war global ausgerichtet, vielleicht sogar kosmisch, wenn man die im Fridericianum gezeigten Meteoriten-Trümmer einbezieht. Doch wie wurde die Welt in den Blick genommen? Es dominierte die Perspektive euro-amerikanischer kritischer Intellektueller mit den von Carolyn Christov-Bakargiev formulierten Stichworten Ökofeminismus und Kapitalismuskritik.

Phänomene und Lebenswirklichkeiten, die in diesem Diskurs keine oder nur eine Nebenrolle spielen, waren auch künstlerisch auf der documenta 13 kaum repräsentiert. Beispielsweise die Tatsache, dass immer größere Teile der Weltbevölkerung - freiwillig oder unfreiwillig - in Megastädten leben. Doch Städtebau, bei früheren documenta-Ausstellungen durchaus ein wichtiges Thema, wurde von der d13 weitgehend ausgeklammert. Angesichts dessen wirkten die freundlichen Kunsthütten in der Karlsaue wie ein Rückzug in die Idylle.

Kritik am Fortschrittsbegriff wird aus der Sicht europäischer Intellektueller oft an der digitalen Revolution festgemacht. Auch Christov-Bakargiev hat kein Hehl aus ihrer Kritik am schnellen Google-Wissen und der Allgegenwart des Internets gemacht. Doch die d13 thematisierte die gravierenden Umwälzungen durch Social Networks und virtuelle Welten nur am Rande. Als spielerischer Versuch mag der Video-Walk im Kulturbahnhof gelten. Die gefloppte d13-App des Sponsors Sparkassenfinanzgruppe passt aber zu einer Ausstellung, die sich auf geradezu altmodische Weise analog präsentierte und eine Verweigerungs-Website auflegte.

Weil die Kunstpräsentation der d13 so sehr vom herrschenden polit-theoretischen Diskurs bestimmt war, ergab sich das merkwürdige Phänomen, dass die Ausstellung mit Künstlern aus immerhin 55 Ländern dennoch eine eurozentristische Note behielt.
(Von Werner Fritsch)

Teil VI: Die Leiterin: "Lady Gaga" spielte den Ball noch ab

Als Carolyn Christov-Bakargiev vor einem Jahr bei der Kasseler Museumsnacht vor einer breiten Öffentlichkeit über die documenta 13 redete, waren viele Zuhörer ratlos. Im Eiltempo und ohne Konzept hatte die US-italienische Kuratorin über Kunsttheorie geredet sowie Bilder an die Wand geworfen, die sie mit Künstlern in Kabul, Schlittenhunden auf Spitzbergen und ihren Kindern in Italien zeigte.

Auch kurz vor Eröffnung der documenta 13 war Christov-Bakargiev allgegenwärtig. Sie posierte mit ihrer Hündin Darsi für die Fotografen, verschliss zwei Pressesprecher, legte sich mit der katholischen Kirche an, kam zu spät zu Terminen und philosophierte mit Journalisten über ein Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren. Spätestens da war die 54-Jährige die „Lady Gaga“ der Kunst.

Doch mit Beginn der documenta wurde es still um die Diva mit den wilden Locken und der markanten Brille. Anders als ihr Vorgänger Roger M. Buergel, der während der documenta 12 in der Stadt omnipräsent war, ließ Christov-Bakargiev allein die Kunst für sich sprechen und gab am Ende nicht einmal mehr Interviews.

Viel Kritik im Vorfeld, ein überwältigend positives Echo hinterher: Carolyn Christov-Bakargiev

Manche sind sich immer noch nicht einig, ob sie überhaupt ein Konzept hatte für die d 13. Und trotzdem gab es selten eine Kasseler Kunstschau, die solch ein überwältigend positives Echo erntete.

Max Hollein, Leiter des Städel-Museums und der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt, vergleicht Christov-Bakargiev darum mit dem ebenfalls umstrittenen aber erfolgreichen Fußball-Trainer José Mourinho (Real Madrid): Ihre „Taktik, im Vorfeld mit bewusst missverständlichen Interviews, minimaler Information, kurzen Provokationen und fragwürdigen Sprüchen, die Erwartungshaltung herunterzuschrauben und die negative Energie der Kritiker auf ihre Person und nicht auf die Künstler zu konzentrieren, ist vollumfänglich aufgegangen.“

Wer Christov-Bakargiev im September 2011 oder im Frühjahr 2012 reden hörte, konnte nur positiv überrascht werden. Aber auch der Besucherrekord, den es wohl geben wird, kann einige Konflikte nicht vergessen machen. Ihre Reaktion auf Stephan Balkenhols Mann im Turm in der Sankt-Elisabeth-Kirche, von dem sie sich „bedroht“ fühlte, halten viele für überzogen. Für andere ist es nur ein Skandälchen, den jede documenta braucht.

Wie wird man in fünf Jahren von Christov-Bakargiev reden? Wahrscheinlich wird man sie als Frau in Erinnerung behalten, die erfolgreich ihren Weg ging. Als Kind, sagte sie, habe sie Fußball gespielt: „Ich war ein Mittelstürmer.“ Als documenta-Leiterin mag sie viel allein gemacht und das eine oder andere taktische Foul begangen haben, aber im entscheidenden Moment spielte sie den Ball wie ein moderner Angreifer an die Kunst weiter. 1:0.

(Von Matthias Lohr)

Quelle: mydocumenta

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