Mein Lieblingskunstwerk: Nedko Solakovs „Ritter (und andere Träume)“

Kunst-Märchen unter den Augen der Grimms: Im Erdgeschoss des Palais Bellevue bespielt Nedko Solakov eine ganze Suite von Räumen. 2 Fotos:  Fischer

Einmal ein edler Ritter sein – zu diesem Kindheitstraum wäre auch den Märchenbrüdern Grimm ganz sicher eine Geschichte eingefallen. Doch ferngesteuerte Modell-Helikopter oder Hardrock-Schlagzeuger gab es zu ihrer Zeit noch nicht.

Deshalb muss uns Nedko Solakov selbst erzählen, was es mit diesen Fantasien auf sich hat.

Im Grimm-Museum bespielt der bulgarische Künstler eine ganze Suite von Räumen mit dem bemerkenswerten Projekt, die fixen Ideen seiner frühen Jugend auszuloten und auszuleben – und zwar, wie Kinder es angehen würden, möglichst alles zugleich.

Hier stapft Solakov, der schon vor fünf Jahren bei der documenta dabei war, auf Fotos im Harnisch stolz über eine Spielwiese voller Freizeitritter, dort ist er im Stil mittelalterlicher Porträts samt Blechgewand, Schlagzeug und Kleinhubschrauber auf einem Ölschinken verewigt.

Auf Videos müht sich der Möchtegern-Ritter in 30 Kilo schwerer Rüstung ab, ein Flugmodell zu landen oder als schwerfälliger Schlagzeuger im „Sofia Live Club“ zwei Gogo-Girls in Glitzerbikinis die Minnesang-Töne beizubringen. Diese köstliche, etwas versteckt dargebotene Performance sollten Besucher im Palais Bellevue nicht verpassen.

Solakovs Arbeit ist ein Multimedia-Fest märchenhaft-spleeniger Fantasien, die der Künstler zwischen Fotos, Videos und allerlei Artefakten in ungezählten Erläuterungs-Kritzeleien ausbreitet. Für gewöhnlich mag ich es nicht, wenn einem ein Künstler über Idee und Sinn seiner Arbeit einen gewaltigen Texthaufen um die Ohren haut.

Bei dem manisch-sympathischen Märchenerzähler Solakov ist das anders. Vielleicht hat er mich mit seinen Modellhubschraubern herumgekriegt – auch ich habe vor kurzem meinen Spaß an ferngesteuertem Flugspielzeug entdeckt.

Wenn Solakov den Träumen in seinem Kopf auf den Grund geht, lernt und staunt auch das Publikum – zum Beispiel darüber, dass der Künstler einen Kasseler Bankdirektor aufgetrieben hat, der als Mitglied des 900 Jahre alten „Souveränen Malteserordens“ noch immer den ursprünglichen Idealen des Rittertums anhängt und Solakov im Interview Rede und Antwort steht.

Unter dem räumlichen Patronat der Grimms steht auch am Ende von Solakovs künstlerischem Märchen die Frage, wie das mit dem glücklichen und zufriedenen Leben bis ans Ende aller Tage nun wohl ausgeht. „Ich hätte sie in meinem Kopf lassen sollen, diese Träume“, bilanziert der 1957 geborene Künstler.

Irgendwann wird einem klar, dass ein großer Traum kein Traum mehr, sondern allenfalls noch Freizeitgestaltung ist. Solakov hat kaum etwas unversucht gelassen, um uns diesen Unterschied zu verdeutlichen.

Von Axel Schwarz

Quelle: mydocumenta

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