„Ich bin ein Außenseiter“

Er baut magische Orte: Kasseler Lehmbauer Gernot Minke ist documenta 14-Künstler

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Gernot Minke, der Vater der Lehm- und Ökobauten an der Kasseler Hochschule, hat seinen Rundbau mit eigenen Meditationsbildern ausgeschmückt. Zu hören ist Musik von Diego Jascalevich. 

Kassel. Es ist ein verwunschener, ein magischer Ort, der seine Besucher sofort in den Bann zieh: Ungewöhnliche Bauten aus Lehm und Stroh, ein Rundbau, ein Turm, ein Haus mit struppigem Gründach.

Sie präsentieren sich auf einem von Wildkräutern bewachsenen und Wildbienen bewohnten Gelände an der Menzelstraße, direkt neben der Kunsthochschule. „Erde – Raum – Klang“, Kuppel (1992) und Turm (2017) aus Lehm lauten die Titel der Arbeiten von Gernot Minke.

Für seine Bauwerke mit den frappierenden akustischen Eigenschaften hat Gernot Minke bei dem Kasseler Musiker Diego Jascalevich Kompositionen in Auftrag gegeben. Ihnen kann man im Innern lauschen. Außerdem stellt Minke sechs farbige Meditationsbilder, sogenannte Yantras, aus.

Naturnah: Gernot Minke inmitten seines Forschungslabors für Experimentelles Bauen, das er 1975 gegründet hat.

Die Oase um die Bauten herum hat der Lehmbauer Nico von Borstel gestaltet. Viele der d 14-Besucher, die den Weg in die Menzelstraße antreten, sind berührt von diesem Gesamtkunstwerk. Wie Stefanie und Johannes von Thun aus München, die erst nach einer Stunde das Gelände verlassen: „Es war so intensiv“, sagt Stefanie von Thun.

Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2011 war Minke Professor an der Gesamthochschule Kassel und heutigen Universität. Hier gründete er 1975 das „Forschungslabor für Experimentelles Bauen“. Das auf einem Holzschild am Eingang ausgewiesene „Versuchsgelände“ hat die documenta von der Hochschule angemietet.

Überzeugend: Gernot Minke wohnt in Kassel selbst im Rundbau. Unser Archivfoto zeigt ihn im Jahr 2001.  

Es handelt sich um die Essenz des Lebenswerks des Architekten für umweltbewusstes Bauen. Jetzt ist er zu einem von vier deutschen d 14-Künstlern geadelt worden, neben dem 2003 verstorbenen Lucius Burckhardt, mit dem er befreundet war, als einziger Kasseler. „Ich konnte es anfangs gar nicht glauben“, sagt Minke: „Ich bin ja ein Außenseiter.“ Er wurde 1937 in Rostock geboren. Nach dem Studium der Architektur in Berlin und Hannover arbeitete er als Assistent des legendären Frei Otto am Institut für Leichte Flächentragwerke der Uni Stuttgart.

Labor: Viele d 14-Besucher fühlen sich wohl auf dem parkähnlichen Gelände, hier der Turm (links) und die Kuppel aus Lehm.

Physikalische Gesetze und der Pragmatismus, erdbebensichere Häuser zu bauen, liegen auch den futuristisch anmutenden und durch und durch nachhaltigen Lehmbauten Minkes zugrunde. Low cost, also preisgünstig, sollten die Häuser sein, die er in vielen lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern gebaut hat. „Die Kuppel wird ohne Schalung gebaut“, erklärt er mit leuchtenden Augen, sie hat eine besondere Kurve, alle Druckkräfte werden abgeleitet.“ Über sich und seinen neuen Status als documenta-Künstler sagt er bescheiden: „Ich komme vom Konstruktiven und ich male viel.“

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