1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

Leichte Sprache soll die documenta verständlicher machen

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Auch hier führt er Besucher über die documenta: Thomas Helmstetter arbeitet nicht nur auf dem Ahoi-Gelände an der Fulda als Besucher-Guide (Sobat).
Auch hier führt er Besucher über die documenta: Thomas Helmstetter arbeitet nicht nur auf dem Ahoi-Gelände an der Fulda als Besucher-Guide (Sobat). © Matthias Lohr

Die Sprache der Kunstwelt ist oft kompliziert. Darum setzt die documenta auch auf Leichte Sprache. Einer der Besucher-Guides ist ein Fachmann dafür und arbeitet zudem mit Menschen mit Behinderung.

Kassel – Es ist nicht ganz klar, wie man die Menschen bezeichnen soll, mit denen Thomas Helmstetter auf der documenta arbeitet. Früher sagte man zu ihnen „Behinderte“, später „Menschen mit Handicap“, aber auch das trifft es nicht richtig, wie Helmstetter findet, da „wir alle ein Handicap haben“. Die documenta fifteen, die gern auf Wortneuschöpfungen setzt, verwendet den Begriff „neurodivers“. Damit sind jedoch eigentlich Menschen mit neurologischen Abweichungen wie Autismus gemeint. Zudem kann mit diesem Wort kaum jemand etwas anfangen.

Darum werden die Menschen, mit denen Helmstetter arbeitet, in diesem Text „Menschen mit Behinderung“ genannt. Mit drei von ihnen hat der 58-Jährige für das Freie Radio Kassel Beiträge über die documenta erarbeitet. Chris Stein, Yvonne Hasse und Kristin Strobl besuchen die Baunataler Diakonie Kassel (BDKS) und schildern in kurzen Beiträgen ihre Eindrücke. Zudem trafen sie den ehemaligen Bundesfinanzminister Hans Eichel und haben ihn gefragt, wie er die documenta findet.

Die Beiträge sind Teil des Lumbung-Radios der Kunstschau, zu dem auch das Freie Radio gehört. Für dessen Mitarbeiter Frank Weißenborn ist Helmstetters Projekt eine „willkommene Bereicherung“. Es sei „spannend, Kunstwerke aus dieser Perspektive kennenzulernen“.

Für Helmstetter ist diese Perspektive nicht neu. Der aus dem Spessart stammende Ökonom arbeitete lange als Pressesprecher der BDKS. Er sagt: „Ich habe in Nordhessen quasi die Leichte Sprache eingeführt. Die gab es bis dahin in den sozialen Einrichtungen nicht.“ Mittlerweile ist Helmstetter selbstständiger Marketing-Berater und in diesem Sommer auch Besucher-Guide bei der documenta. Als Sobat führt der Familienvater Gruppen über die Kunstschau. Zudem arbeitet er in der Projektgruppe für Leichte Sprache.

Einfache Sprache, die auch in seinen Radiobeiträgen verwendet wird, soll Menschen mit geringeren Kompetenzen ermöglichen, Texte zu verstehen. Die wichtigsten Regeln laut Helmstetter: „keine Fremdworte, kurze Sätze. Ein bisschen wie bei der Bild-Zeitung.“ Helmstetter selbst sagt statt Leichter Sprache lieber einfache Sprache. Die ist etwas variantenreicher. Es existiert auch kein Regelwerk.

Es gibt Erwachsene, die regelmäßig die „logo“-Nachrichten im Kika schauen, weil die „Tagesschau“ oft zu kompliziert ist. Auch in der Kunstwelt, in der viele Fachbegriffe verwendet werden, kann Leichte Sprache eine Hilfe sein.

Darum gibt es bei dieser documenta ein kostenloses Info-Buch in Leichter Sprache. Darin heißt es etwa über den Zeichner Nino Bulling, dessen Werke in der Hafenstraße zu sehen sind: „Nino Bulling hat schon viele Comics gemacht. Darin stehen Geschichten zu vielen verschiedenen Themen. Es sind auch Geschichten dabei, die wirklich passiert sind.“ Das versteht jeder.

Schon bei der documenta 13 hat Helmstetter versucht, ein Projekt für Menschen mit Behinderung zu realisieren. Damals habe die Künstlerische Leitung kein Interesse gehabt. Diesmal war es anders: „Für Ruangrupa ist das eine Selbstverständlichkeit.“

Seine Führungen hält Helmstetter nicht in Leichter Sprache ab. Aber auch so kommen sie gut an. Zuletzt führte er eine Gruppe von Unternehmern über die Kunstschau. Die waren so angetan von ihrem Sobat, dass sie ihn gleich weiterempfahlen, bei einem Wirtschaftstreffen einen kunstgeschichtlichen Vortrag über Kassel zu halten.

documenta-Besucher sind positiv überrascht

Als Besucher-Guide spricht Thomas Helmstetter mit documenta-Gästen auch über die Antisemitismusdebatte. Dabei hat er festgestellt: „Viele sind überrascht, dass sie auf der documenta etwas anderes sehen als das, was in den überregionalen Medien berichtet wird.“ Kunstvereine, die nach Kassel kommen, berichten von einzelnen Mitgliedern, die wegen der Antisemitismus-Vorwürfe nicht nach Kassel reisen. Diejenigen, die hier sind, sehen laut Helmstetter, „dass Antisemitismus auf der documenta kaum eine Rolle spielt“. 

Die Beiträge laufen im Freien Radio freitags zwischen 18 und 20 Uhr im Format „Zwischenzeitlich documenta“ und sind hier abzurufen: freies-radio-kassel.de

Auch interessant

Kommentare