Erinnerung an zerstörte Kunst: documenta-Skulptur von Per Kirkeby abgerissen

Zwischen Orangerie und Hessenkampfbahn: Die Backsteinskulptur von Per Kirkeby wurde 1986 abgerissen. Archivfoto:  Baron

Viele Zeugnisse der Kasseler Geschichte lagern während des Umbaus der Museen im Depot. Zusammen mit der HNA präsentiert die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) einige davon als Objekt des Monats im Foyer von Schloss Wilhelmshöhe. Wir stellen sie vor.

Kassel. Als im Januar 1986 die Bagger hinter der Orangerie anrollten, bedeutete das das Ende eines Kunstwerks. Dreieinhalb Jahre nach dem Ende der documenta 7 wurde die Backstein-Skulptur des Dänen Per Kirkeby am Rande der Karlsaue abgerissen. Die Proteste im Vorfeld halfen nichts, durch die Kunstwelt ging ein Aufschrei. Die Zeitschriften „Stern“ und „Art“ druckten einen Nachruf auf Kirkebbys gemauertes Werk. Die Leiter der Kunsthallen Düsseldorf, Basel und Bern, die Kunstmuseen in Luzern und Genf, die Nationalgalerie in Berlin sowie der Frankfurter Kunstverein - sie alle kritisierten den Abriss. Von „provinzieller Arroganz“ war damals die Rede.

Begründet wurde der Abriss von der Stadt und der Verwaltung Schlösser und Gärten (heute Museumslandschaft Hessen Kassel). Die Karlsaue mit der Orangerie sei ein Kulturdenkmal, das nicht durch andere Bauten beeinträchtigt werden solle. Die Genehmigung für den Bau des Kunstwerks habe nur für die Dauer der documenta gegolten. Zudem müsse der Park frei für folgende documenta-Ausstellungen bleiben.

An den Streit und an das zerstörte Kunstwerk erinnert eine Bronzeskulptur, die als Objekt des Monats in Schloss Wilhelmshöhe gezeigt wird. Per Kirkeby hat sie als Modell für die große Backsteinskulptur angefertigt. Wenige Monate nach dem umstrittenen Abriss initiierte der frühere documenta-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Ziegler eine Spendenaktion. 21 Spender brachten 14 000 Mark (7160 Euro) auf, mit der das Bronzemodell von Kirkeby gekauft wurde.

Nicht geschadet

Dem mittlerweile 73-Jährigen hat die Auseinandersetzung um sein Werk nicht geschadet. Als documenta-Künstler bekam er im Anschluss an die d 7 Aufträge in Paris, Kiel und mehreren dänischen Orten für stattliche Honorare bis zu 150 000 Mark (77 000 Euro). Kirkeby wollte, dass seine Backstein-Skulptur in Kassel bleibt, er hat sie der Stadt kurz vor dem Abriss sogar geschenkt.

Allzu nachtragend war er nicht. Bei der documenta 9 im Jahr 1992 war Kirkeby erneut vertreten. Die 8,50 Meter hohe Backstein-Skulptur im Anschluss an die documenta-Halle wurde von Azubis des Berufsbildungszentrums in Waldau hochgezogen. Sie steht heute noch.

Das Bronze-Modell der ersten Skulptur ist im Foyer von Schloss Wilhelmshöhe zu sehen

Die graphische Sammlung im Schloss präsentiert noch bis zum 12. August Radierungen von Per Kirkeby.

Von Thomas Siemon

Quelle: mydocumenta

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