Sehnsuchtsseufzer auf der Leinwand

Erinnerungen auf Zelluloid: Die Film-Collagen in den Bali-Kinos

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Erinnerungen auf Zelluloid gebannt: Jonas Mekas gilt als eine der einflussreichsten Filmemacher der Nachkriegs-Kunstszene in New York. Hier: Filmbilder aus seinen Aufnahmen von einer Reise in seine frühere Heimat Litauen (1972), die auch im Bali-Kino zu sehen sind.

In den Bali-Kinos laufen täglich drei der wegweisenden Film-Collagen des US-Regisseurs Jonas Mekas. Unter anderem zeigt er Aufnahmen seiner früheren Heimat Litauen aus den 1970er-Jahren.

Jonas Mekas sagt seinen Zuschauern gleich, was er nicht kann. „Niemand kann einer displaced person in den Kopf schauen“, sinniert er im Off-Kommentar zu seiner New-York-Collage „Lost Lost Lost“ von 1976, die die documenta täglich in den Bali-Kinos zeigt. Deshalb verlässt sich der heute 94-jährige US-Regisseur ganz auf die visuellen Eindrücke aus der Fremde, die er mit seiner Kamera einfangen kann.

Mekas war selbst eine „displaced person“, also eine Person, die nach dem Zweiten Weltkrieg heimatlos war. Nach einigen Monaten in Lagern in Wiesbaden und am Kasseler Mattenberg (Fotos davon hängen vor dem Bali-Vorführsaal), studierte der gebürtige Litauer zuerst Philosophie in Mainz und emigrierte 1949 mit seinem Bruder Adolfas nach New York.

Jonas Mekas (94)

Für seine Tagebuch-artigen Dokumentar-Werke „Reminiszenzen aus Deutschland“ (1971) und „Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“ (1972), die ebenfalls im Bali zu sehen sind, kehrt er später noch einmal nach Europa zurück. Seine filmische Heimat wird jedoch die Metropole New York, in der er noch heute lebt und praktisch jeden seiner Schritte auf 16 Millimeter-Film bannt.

Der Bezirk Williamsburg – inzwischen eine unbezahlbare Luxus-Hipster-Enklave – war bei Mekas’ Ankunft ein industriell geprägtes Auffangbecken für Einwanderer aus aller Welt. Mit seinen collagierten Schwarz-Weiß-Sequenzen aus den Jahren 1949 bis 1963, die nur ab und zu ins Farbige hüpfen, erschafft er ein geradezu hypnotisches Porträt einer Stadt, in der sich die litauische Exil-Gemeinschaft irgendwo zwischen der Sehnsucht nach dem Verlorenen und der Euphorie über das neu Gefundene bewegt.

Mekas mit Mitte 20

Jonas Mekas geht es dabei weniger um die einzelnen Geschichten, in die Köpfe der Protagonisten kann die Kamera nicht schauen und will es auch nicht, als um Bilder von Gemeinschaft und Einsamkeit. Auch seine Stimme, die seine Filme begleitet, spricht von dieser Ambivalenz: der Zauber des Neuen mit dem bitteren Geschmack des Vermissten.

Der Filmemacher findet für dieses Gefühl starke Bilder: das ewig glitzernde Manhattan, die verlorenen Gestalten darin und immer wieder die litauische Gruppe im verrußten Brooklyn, die sich durch Rituale und Feiern ein Zuhause-Gefühl schafft. Mit den körnigen Aufnahmen zwischen Dokumentation und Filmpoesie ist Jonas Mekas so etwas wie der Übervater des autobiografischen Films geworden. Er wurde einer der prägendsten Kritiker des Kulturmagazins „Village Voice“ und gründete 1970 das „Anthology Film Archive“, die New Yorker Schatzkammer des Avantgarde-Kinos.

Der documenta-Beitrag „Lost Lost Lost“ ist Mekas’ ganz eigenes Archiv und lässt die Zuschauer an diesem Werdegang teilhaben. Auf der (inzwischen digitalisierten) dritten Filmrolle zieht Mekas nach Manhattan und lernt das Kunstvolk der frühen 60er-Jahre kennen. In der Stammbesetzung der litauischen Gemeinde tauchen plötzlich Allen Ginsberg, Andy Warhol und andere Gestalten der kreativen Pop-Elite auf – für Mekas sind sie herumirrende Heimatlose auf ihre ganz eigene Art.

Filme:

Jonas Mekas in den Bali Kinos (täglich): 

10 Uhr: „Reminiszenzen aus Deutschland“, 25 Minuten. 

10.30 Uhr: „Reminiscences of a Journey to Lithuania“, 82 Minuten.

13.30 Uhr: „Lost Lost Lost“, 178 Minuten. Alle Filme englisch und deutsch mit deutschen und englischen Untertiteln.

Cinestar (täglich):

10, 12, 15 und 17 Uhr: Douglas Gordon: „I had nowhere to go“ (über Jonas Mekas), 97 Minuten, Englisch mit deutschen Untertiteln.

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