Fragen und Antworten: Wie ist der Stand der Dinge?

Heute in einem Jahr beginnt die documenta 14: Erste Künstler bald in Kassel

+
Symposium zu 60 Jahren documenta: der Künstlerische Leiter Adam Szymczyk (links), Carmen Amor und d14-Teilnehmer Hiwa K.

Kassel. Noch 365 Tage, dann öffnet die documenta 14 in Athen. Vom 8. April bis 16. Juli 2017 findet die Kunstschau in der griechischen Hauptstadt statt. Am 10. Juni 2017 folgt die Kasseler Eröffnung.

Einen Monat läuft die Ausstellung parallel. Nach 100 Tagen endet sie in Kassel am 17. September 2017.

Drei Viertel aller documenta-Künstler seien inzwischen eingeladen, sagt Henriette Gallus, Leiterin der Kommunikation der documenta. Demnnächst, Mitte April bis Mitte Mai, würden alle feststehenden Teilnehmer nach Kassel kommen.

Sie alle reisten sowohl nach Athen als auch nach Kassel – in den meisten Fällen für einige Tage: „Sie werden eingeladen, aus ihren Erfahrungen der beiden Städte jeweils eine Arbeit für Kassel und eine Arbeit für Athen zu entwickeln. Wie genau die Künstler dieser Einladung folgen, ist völlig ihnen überlassen.“ Ziel sei, Kassel, die Geschichte der Stadt sowie der documenta kennenzulernen, Eindrücke zu sammeln, Ideen für die künstlerischen Arbeiten zu verfestigen sowie das inzwischen etwa 50-köpfige Team der documenta 2017 kennenzulernen.

Empfangen werden die Künstler im Palais Bellevue. Im ehemaligen Brüder-Grimm-Museum werden vorübergehend eine Bibliothek und ein Raum für Vorführungen und Diskussionen eingerichtet. Direktflüge von Kassel-Calden nach Athen mit Aegean Airlines sollen 2017 die documenta-Standorte verbinden.

Für ein solidarisches Denken

Die documenta 14 will Machtverhältnisse hinterfragen und Stimmen von Minderheiten Gehör verschaffen

Ein Jahr vor dem Start, wie ist der Stand der Dinge? 

Das hätten wir gern den Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk gefragt, der die Interviewanfrage abschlägig beschieden hat. Stattdessen hat Henriette Gallus, Leiterin der Kommunikation, Auskunft gegeben. HNA-Informationen, wonach sich die Organisation in Athen schwierig gestaltet – auch wegen ständig wechselnder Ansprechpartner – kommentiert sie: „Die Vorbereitung in Athen ist schon deshalb komplizierter, weil es keine geübte Praxis geben kann“ – während man in Kassel 60 Jahre Erfahrung habe. Die Organisation sei aber „mit so vielen involvierten Akteuren, Künstlern, Mitarbeitern und Partnern nie stringent oder sonderlich unkompliziert“. „Von Athen lernen“ heißt Szymczyks Konzept. Der 45-Jährige verweist darauf, dass die katastrophale Situation in Griechenland zur Improvisation zwinge. In diesem Sinn bekommt das Motto für die documenta selbst handfeste Bedeutung. Das hat eine gewisse Ironie.

Warum zieht die documenta überhaupt nach Athen? 

Die documenta soll nach 60 Jahren als „Gastgeber“ in Kassel die Perspektive wechseln und erstmals in die Rolle des Gastes schlüpfen. Gerade in Athen prallen nach Szymczyks Ansicht die Widersprüche der westlichen Welt hart aufeinander.

Ist die Ausstellung in Athen die gleiche wie in Kassel?

Natürlich nicht, schon weil sie an beiden Standorten einen Monat parallel läuft. Aber die Künstler arbeiten an beiden Orten. Was dabei herauskommt, ist offen. Die documenta selbst begreift beide Ausstellungen als gemeinsames „Projekt“ mit einem Gesamtetat von 30 Mio. Euro.

Muss man beide Standorte sehen? 

Dazu wird natürlich niemand gezwungen, und man muss es wohl auch nicht, um die Anliegen der documenta zu verstehen. Szymczyk nannte im Magazin „Art“ das menschliche Gesichtsfeld als Vergleich: „Wenn man ein Auge zuhält, kann man immer noch alles sehen, aber mit zwei Augen sieht man mehr, und es hat eine andere Dimension.“

Was weiß man denn bisher über die documenta 14? 

Einiges, in mancher Hinsicht ist Szymczyk sehr offen. Die ersten Künstler sind bekannt, etwa der aus dem Irak stammende Kurde Hiwa K, der beim documenta-Symposium 2015 als Flamenco-Gitarrist auftrat. Auf der Webseite gibt es Videos zum Krieg in Syrien, äußern sich Künstler wie der Pole Artur Zmijewski zur Lage in seinem Heimatland. Wenn demnächst, Mitte April, die ersten Künstler nach Kassel kommen, soll die Öffentlichkeit beteiligt werden, so Gallus: „In welcher Form, ist noch nicht klar.“

Um welche Themen wird es auf der d14 gehen? 

Szymczyk spricht gern von „Zuständen von Entortung und Enteignung“. Das betrifft politische, ökonomische Probleme, wie sie mit den Flüchtlingsströmen sichtbar werden, aber auch das „Nicht-Dazugehören“ als wesentlicher Teil „des menschlichen Befindens, unserer Subjektivität“. Der „Basler Zeitung“ sagte Szymczyk, die d14 interessiere sich für scheinbar kleine, nebensächliche Geschichten, auch für Traditionen mündlicher Überlieferung: „Wir möchten einen Ort schaffen, an dem die Stimmen von Minderheiten und all jenen, die zum Schweigen gebracht wurden, gehört werden können.“

Was heißt das für die Ausstellung?

Szymczyk will eine Ausstellung machen, die Machtverhältnisse hinterfragt, die zur Änderung des Standpunkts zwingt, der bisher auf den „Westen“ und „Norden“ ausgerichtet sei. Szymczyk setzt, wie er der „Basler Zeitung“ sagte, auf eine Welt, „in der das Teilen von Wissen und Ressourcen eine offene existenzielle Notwendigkeit ist, während globaler Kapitalismus und Lokalpolitik, konzentriert auf nationale Identitäten, jeden Tag scheitern“. Nach den Orbáns, Kaczynskis und Seehofers dieser Welt klingt das so gar nicht. Die documenta will stattdessen (so steht es im „South“-Vorwort) „über abgegriffene Ideen des Territoriums, des Staates und der Identität hinausgehen“ und ein „solidarisches Denken“ in Richtung gesellschaftlicher Gerechtigkeit befördern.

Und was bedeutet das für die Kunst?

Auch teuer gehandelte Gegenwartskunst sieht Szymczyk als Repräsentation von Macht und westlicher Hegemonie, Finanzkapitalismus und Establishment. Europa und die USA dominieren den Kunstbetrieb. Szymczyk setzt auf das „emanzipatorische Potenzial“ der documenta: Er sucht Künstler außerhalb der etablierten „Kunstwelt“.

Die wichtigsten Infos zum Thema zum Nachhören in unserer Radio-HNA-Soundcloud:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.