Co-Standorte, Politiker in Aufsichtsräten und Geld für die Kunst

Ehemaliger documenta-Chef Roman Soukup in HNA-Interview: "documenta gehört allein zu Kassel"

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Schön anzusehen, aber Kunst? Roman Soukup bezweifelt, dass der Parthenon auf dem Friedrichsplatz große Kunst war.

Kassel. Mitte der 1990er-Jahre stand Roman Soukup als documenta-Chef im Mittelpunkt der Kasseler Kunstwelt. An Ende stand eine fristlose Kündigung und ein Vergleich vor Gericht. Danach wurde es stiller um ihn. Im HNA-Interview spricht er über einen möglichen Co-Standort für die nächste Ausstellung.

Roman Soukup lebt mittlerweile auf der Insel Lindau im Bodensee – als einer von 3000 Einwohnern. Er verkauft dort auf dem Markt Brot und Honig, ansonsten arbeitet er als Fotograf und Künstler.

Früher stand der heute 62-Jährige mehr im Mittelpunkt: Mitte der 90er-Jahre zum Beispiel wurde ihm als documenta-Geschäftsführer die Aufmerksamkeit der Kunstwelt zuteil, zumal sein Ende mit fristloser Kündigung und späterem Vergleich nur einen Tag vor der Gerichtsverhandlung spektakulär war. Nach weiteren Engagements in der Kunstszene wurde es stiller um Soukup. Jetzt aber ließ er wieder aufhorchen mit einem überaus beachteten Interview im Deutschlandfunk zur documenta. Im Gespräch mit unserer Zeitung nimmt er auch Stellung zu einem möglichen Co-Standort.

Herr Soukup, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle hat jüngst bekräftigt, dass auch in Zukunft ein Co-Standort zur documenta möglich sei. Halten Sie das für richtig?

Roman Soukup: Absolut nicht, weil die documenta allein zu Kassel gehört. Jeder, der sich nicht daran hält, verbrennt sich die Finger.

Womit begründen Sie diese Position?

Soukup: Es lässt sich schwer erklären außer mit einer gewissen Intuition. Aber ich will es mal versuchen mit Bezug auf das documenta-Kunstwerk von Walter De Maria: auf den vertikalen Erdkilometer. Er ist mit Kassel unwiderruflich verbunden, er gehört zu Kassel – und genauso verhält es sich mit der gesamten documenta und Kassel. Nirgends kann sich die Kunst so entfalten wie dort, was auch historisch gewachsen ist. Wieder auf einen Co-Standort zu setzen, wäre deshalb kontraproduktiv. Man hat das ja auch an Adam Szymczyks Idee mit Athen gesehen. Die Verwirklichung wirkte wie ein Fremdkörper für Kassel.

So stand es im Juli 1995 in der HNA: Das Bild zeigt dabei Catherine David, die künstlerische Leiterin der documenta X, und Roman Soukup.

Christian Geselle spielte aber weniger auf Athen an, als vielmehr auf die Möglichkeit, andere Städte in kleinerem Rahmen miteinzubeziehen.

Soukup: Meiner Meinung nach ist er hier in eine Falle getappt, um zu zeigen, dass die Politik die künstlerische Freiheit wahrt. Aber das geht zu weit. Stellen wir uns doch mal vor, Berlin würde jetzt plötzlich Co-Standort. Und am Ende heißt es: Wenn die documenta schon mal da war, können wir sie auch irgendwann ganz dort machen. Das wäre das Ende. Nein: Die documenta gehört nach Kassel. Fertig. Sollen sie woanders doch etwas eigenes machen.

Aber muss die documenta nicht offen sein für Neues – also auch für einen neuen Co-Standort?

Soukup: Das ist der falsche Ansatzpunkt. Vielmehr muss man sich mal Gedanken machen, worin der Erfolg der documenta liegt. Er liegt darin, dass man die wichtigste zeitgenössische Kunst geballt an einem Ort zeigt. Es geht deshalb gerade nicht um eine Kuratoren-documenta – wie zuletzt immer. Ich kann daher auch keinen großen Erfolg in den vergangenen vier Weltkunstausstellungen erkennen. Ja, es waren jeweils viele Menschen in der Stadt, es haben viele ein gutes Geschäft gemacht, und die Politiker erstrahlten in einem Licht, das sie sonst nicht erreichen. Aber darum geht es nicht.

Ihnen widerstrebt die Hoffnung auf immer bessere Besucherzahlen.

Soukup: Absolut. Das ist das Denken des politisch besetzten Aufsichtsrates. Das Streben, die Millionengrenze beim Publikum zu erreichen, ist schädlich für die documenta. Ich glaube nämlich nicht, dass man das Interesse eines breiten Publikums gewinnt, indem man genau darauf setzt. Die Leute werden mittlerweile darauf getrimmt, in erster Linie sich mit der Kunst auseinanderzusetzen. Man darf die Neugier der Menschen jedoch nicht unterschätzen, die Künstler um die Kunst herum, die ganzen Exoten, sehen und beobachten zu wollen.

Und diese Neugier wird nicht bedient?

Soukup: Nicht wirklich. Das passiert, weil die documenta mittlerweile komplett auf einen künstlerischen Leiter zugeschnitten ist. Mich interessiert aber nicht in erster Linie der Kurator im Vordergrund, der auf die Künstler setzt, die zu ihm und seiner Konzeption passen. Ich komme wegen der Vielfalt an Künstlern. Wenn der Kurator soundsoviele Millionen Euro in die Hand nimmt, will ich wissen, wen er gefunden hat, durch welche Löcher er auf der ganzen Welt gekrochen ist und was er entdeckt hat. Es geht da nicht um das Passende, sondern um das Neue.

Was wäre die Lösung, nachdem Sie an anderer Stelle ja schon den Rücktritt des Aufsichtsrats gefordert haben?

Soukup: Eine Stiftung. Die Basis wäre, dass die Stadt, das Land und womöglich der Bund das Geld einmalig in eine Stiftung stecken, das sie sonst in die documenta investieren würden. Damit könnte die Stiftung gegründet werden. Und dann muss eine integre Person an der Spitze der Stiftung stehen, die das Vertrauen der Künstler und der Politiker hat. In dem Zusammenhang ist auch meine Meinung zu sehen, dass der Aufsichtsrat zurücktreten sollte. Ich meine das konstruktiv. Man erspart den Politikern schlichtweg eine Menge Ärger.

Und dann soll ein Budget von fünf Millionen Euro ausreichen, um eine documenta zu stemmen?

Soukup: Die wirklich interessante Kunst entsteht nicht, indem man sie mit Millionen füttert, im Gegenteil. Gute Kunst war noch nie vom Geld abhängig. Die Unabhängigkeit vom Geld, Kunstmarkt und der Politik ist das Wichtigste. Sorry, die d14 war stolz auf diesen Tempel auf dem Friedrichsplatz. Aber glauben Sie, dass das Kunst ist? Gut, dass sie ihn wieder abgebaut haben. Das werfe ich Adam Szymczyk eben auch vor: Die d14 war eine reine Illustration seiner Kuratorenschaft. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es ihm tatsächlich gelungen wäre, den Gurlitt-Nachlass nach Kassel zu holen.

Zur Person: Roman Soukup

Selbstportrait von Roman Soukup auf dem Lindauer Inselwochenmarkt beim Verkauf von Brot & Alpenhonig,im Sommer 2017

Roman Soukup (62) ist in Decin (Tschechien) geboren. Er studierte Theaterwissenschaften, machte ein Volontariat in Frankfurt und arbeitete als Fotograf. 1994 wurde er documenta-Geschäftsführer (siehe Hintergrund). Anschließend war er als Kulturmanager tätig. Er hat fünf Kinder, drei davon erzieht er nun allein auf der Insel Linau (Bodensee). Er arbeitet dort als Fotograf und Künstler und plant das „Artwork International“, eine neue Kunstzeitschrift.

Hintergrund: Soukups kurze Zeit in Kassel

Roman Soukup wurde im Frühjahr 1994 vom documenta-Aufsichtsrat für fünf Jahre zum documenta-Geschäftsführer berufen. Drei Jahre später stand die documenta X mit der künstlerischen Leiterin Catherine David an. 1997 war Soukup aber schon längst nicht mehr im Amt. Im Juli 1995 wurde er nämlich fristlos entlassen – mit der vom Aufsichtsrat vorgeschobenen Begründung, das Vertrauensverhältnis zwischen Soukup und David sei gestört. 

Es kam zu einem Rechtsstreit. Einen Tag vor der Gerichtsverhandlung einigten sich die Parteien. Soukup bekam eine Abfindung von mehreren hunderttausend Mark – und eine öffentliche Rehabilitation: Die documenta GmbH bestätigte, was sie lange Zeit bestritten hatte: dass die Vorwürfe gegen Soukups Geschäftsführertätigkeit nicht bestehen. Warum aber musste er dann gehen? Soukup sagt dazu bisher nur: „Ich sage nichts, um der documenta nicht zu schaden.“ Es gab auch damals wohl schon Streit mit dem politisch besetzten Aufsichtsrat – und um Sponsorenkonzepte.

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