Expeditionen ins Gedächtnis: Erinnerungen auf der documenta

Kollektive Erinnerung: Bilderwald von Geoffrey Farmer in der Neuen Galerie. Foto:  Fischer

Kassel. Schon möglich, dass sich Besucher hinterher wie John Menick fühlen. Ohne den Mann zu kennen. Der Künstler hat sich das Prinzip von Selbsthilfe-CDs zunutze gemacht, die unhörbare Botschaften an das Unterbewusste senden, während man esoterischer Klingklangmusik oder Naturgeräuschen lauscht.

Ein Millionenmarkt, sagt der Künstler, in den er subversiv eindringen will. Bei Amazon lassen sich seine genau so gemachten Arbeiten kaufen, auf der documenta sind sie im Erdgeschoss des Fridericianums zu hören. Nur: Menick will die Hörer nicht zu besseren Menschen machen - er versteckt unter dem Wellenrauschen Biografisches aus seiner Kindheit. Wie wird sich das auswirken?

An verschiedenen Stellen der Kasseler Ausstellung werden Erinnerungen künstlerisch bearbeitet, Expeditionen ins Gedächtnis unternommen. Mal ganz persönlich, mal aus dem Fundus einer Gesellschaft geschöpft.

Eine Schrotthütte als Selbstporträt: Der japanische Künstler Shinro Ohtake mit seinem bunten Häuschen in der Karlsaue. Foto: Malmus

Prägnanteste Bergwerkerin im Massiv der eigenen Vergangenheit ist Ida Applebroog. Im Fridericianum hat die 82-Jährige Berge von Notizzetteln aufgeschichtet - jahrzehntelang gesammelt. Für ihren großen Raum im Fridericianum hat sie die Skizzen und hingekritzelten Sätze reproduziert und Notizzettel und Faltblätter zum Mitnehmen daraus gemacht. Stapel-, kistenweise liegen ihre privaten Gedanken herum, sind an die Wand gehängt. Und je länger man sie sich ansieht, desto bedrückender und düsterer werden sie. Da geht es um Identität, Einsamkeit, Sexualität. So privat die Herkunft dieses Kunstwerks ist, die Mitnehm-Regale wie von Kostenlos-Zeitungen ermöglichen es, sich auf ein Schicksal einzulassen.

Den Bildervorrat der westlichen Gesellschaft zapft Geoffrey Farmer mit seiner spektakulären Rauminstallation „Leaves of Grass“ an, für die Zehntausende ausgeschnittene Bilder auf Stäbchen geklebt sind. Illustriertenfotos – unser kollektives Gedächtnis von Muhammad Ali bis Vietnam, von Fresswelle bis Weltraumflug. Ein visuelles Konzentrat des 20. Jahrhunderts, das Besucher unwillkürlich nach Vertrautem durchsuchen.

Zum Mitnehmen: Ida Applebroog hat persönliche Notizen zum Mitnehmen vervielfältigt. Foto: Fischer

Shinro Ohtake hat in der Karlsaue eine bunte Schrotthütte aus Fundmaterial aufgestellt, die eine enorm sympathische und leicht wehmütige Ausstrahlung bekommt, wenn man weiß, dass sie als Selbstporträt gedacht ist. Mario Garcia Torres will Erinnerungen wecken, wenn er in Kabul auf die Suche nach dem One Hotel geht - einem Kunstprojekt von Alighiero Boetti aus den 70ern. Torres belebt und untersucht die vorhandenen Erinnerungen an das Hotel, wenn er dort den Garten pflegt, Tee-Gäste empfängt und ausprobiert, wie sich das Projekt angefühlt hat.

Lebendig geht es auch bei Nedko Solakov zu: Der Bulgare hat im Brüder-Grimm-Museum sein Experiment ausgestellt, wie es ist, Kindheitsträume wahr werden zu lassen. Er hat in seiner Erinnerung gekramt (und auch Erinnerungen erfunden), und festgestellt: Er wollte Ritter werden, Helikopter fliegen und Schlagzeuger in einer Rockband sein. Wie er diese Erinnerungen verwirklicht, ist in Film, Bild und Notiz sehr amüsant und ironisch präsentiert.

Schließlich gewährt Marcos Lutyens in der Karlsaue den Besuchern seiner Hütte einen tiefen Zugang zu Erinnerung: Er hypnotisiert sie. Vielleicht entdecken sie dann ja doch den John Menick in sich.

Quelle: mydocumenta

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