Verleihung in der documenta-Halle

Arnold-Bode-Preis für d13-Künstler Thomas Bayrle

Versammelt um einen seiner Motoren: Heiner Georgsdorf, E. R. Nele (Arnold-Bode-Stiftung), d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, Thomas Bayrle, Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Foto: Koch

Kassel. Festliche Preisverleihungen sind meist von dezenter Streichmusik umrahmt. Freitagabend in der documenta-Halle in Kassel röhrten und brummten die von einer Rosenkranz-Litanei begleiteten Flugzeug- und Automotoren, mit denen Thomas Bayrle bei der 13. Weltkunstausstellung für Furore gesorgt hatte.

Keinen besseren Ort hätte es geben können, da waren sich alle Redner einig, um den 74 Jahre alten dreimaligen documenta-Teilnehmer mit dem Arnold-Bode-Preis auszuzeichnen.

Bayrle sei es mit dem kraftvollen ästhetischen Akzent grandios geglückt, den Raum auszufüllen, die Besucher zu entschleunigen, zum meditativen Verweilen einzuladen, sagte Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen.

„Thomas Bayrle ist ein ehrenwerter Mann“, diesen Satz sagte Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der documenta 13, gleich zweimal, um dann ihre humorvoll gemeinten Bemerkung „Eine Laudatio muss so lang sein, dass man ihr Ende herbeisehnt“ in die Tat umzusetzen.

Christov-Bakargiev ging - auf Englisch, ohne Übersetzung - auf Bayrles Vorliebe für sich wiederholende Muster, Rhythmen, das Serielle ein, wie es in seinen documenta-Arbeiten zum Tragen kommt. Sie sprach von 4,3 Mio. kleinen Flugzeugen, die seine gigantische Flugzeug-Darstellung bilden, so wie eine einzelne Zelle sämtliche Informationen über den ganzen Organismus enthalte.

Monotonie, Individuum und Gesellschaft, Geschwindigkeit als Sinnbild kapitalistischer Produktion - Christov-Bakargiev schlug den Bogen von Ortega y Gasset („Der Aufstand der Massen“) und Chaplins „Moderne Zeiten“ über Musiker wie Stockhausen und Nono und Denker wie Horkheimer und Adorno bis zur Rasterfahndung der 70er-Jahre und sozialen Netzwerken heute.

Heiner Georgsdorf, Vorsitzender des Kuratoriums der Bode-Stiftung, hatte mit Blick auf das Riesen-Flugzeug schon Goethe zitiert: „Willst du dich am Ganzen erquicken, so musst du das Ganze im Kleinsten erblicken.“ Seinen Worten zufolge hätte sich documenta-Gründer Bode, der ein Faible für große Formate, einen Hang zum Monumentalen hatte, über Bayrles Raum und die Preisvergabe gefreut - in einer Reihe lauter starker, eigenwilliger Persönlichkeiten und künstlerischer Einzelgänger.

„Glücklich sein“

Bayrle machte es in seinen Dankesworten kurz: „Das ist schon ein Monument“, sagte er mit dem Blick auf seine Arbeiten und die Festgesellschaft. Er adressierte in seinem weichen Südhessisch Kassel: „Du bist ein wunderbares Gebilde“, ehe er ausrief: „Glücklich sein, fröhlich sein - alles Gute.“

Die Preisverleihung war auch ein inoffizieller Abschied von der d13. „CCB“ bedankte sich bei ihren zahlreich vertretenen Mitarbeitern, Hilgen dankte Kuratorin, Künstlern und dem Team: „Sie haben etwas Großes geleistet.“ Die documenta, die lange nachhalten werde, bedeute Offenheit und Magie: „Das macht uns stolz.“

Zur Person:

Der 74 Jahre alte in Berlin geborene, in Südhessen aufgewachsene Künstler Thomas Bayrle studierte nach einer Lehre zum Weber in der Werkkunstschule Offenbach. Zunächst beschäftigte er sich mit Gebrauchs- und Druckgrafik. Als Drucker und Verleger der Gulliver-Presse gab er Künstlerbücher heraus. Erste große Einzelausstellung 1968, Teilnahme an drei documenta-Ausstellungen (1964, 1977, 2012) und Biennalen etwa in Venedig, Sydney und Lyon. Retrospektive in Barcelona 2009. Bayrle war viele Jahre Professor an der Städelschule Frankfurt, wo er bis heute lebt. Zur Preisverleihung war er mit seiner Frau Helke gekommen. In Kassel hat Bayrle auch die Fassade des Einkaufszentrums City-Point am Königsplatz geschaffen.

Der mit 10 000 Euro dotierte Arnold-Bode-Preis wird seit 1980 alle zwei Jahre sowie in documenta-Jahren in Erinnerung an den Gründer der Ausstellung an herausragende Künstler verliehen. Dem Kuratorium der Arnold-Bode-Stiftung, die dem Magistrat der Stadt Kassel den jeweiligen Preisträger vorschlägt, gehören u. a. Bodes Tochter E.R. Nele und der Kunstkritiker Alfred Nemeczek an. Vorsitzender ist Heiner Georgsdorf, Ehrenvorsitzender Karl Oskar Blase. Zu den nun 24 Preisträgern zählen etwa Gerhard Richter, Rebecca Horn, Richard Hamilton, Maurizio Cattelan und zuletzt Urs Lüthi und Goshka Macuga.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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