Mein Lieblingskunstwerk: Künstler Gareth Moore lebt in Dorf in der Karlsaue

Einblick nur von außen: Gareth Moore erlaubt in seinem Künstlerdorf keine Kameras oder Fotohandys. Unser Bild ist vom Eingang aus entstanden, von wo aus man einen ungefähren Einblick bekommen kann. Foto:  Malmus

Lediglich ein Briefkasten und unscheinbare Schilder weisen mich am Rand der Karlsaue auf den documenta-Beitrag des Kanadiers Gareth Moore hin. Gemeinsam mit einem Freund lebt der Künstler auf einem Grundstück neben dem Bauhof, einigermaßen abgeschottet vom Trubel der Ausstellung.

Den kleinen Pfad zu dem versteckten Ort habe ich lange übersehen.

Bereits seit 2010 baut Moore aus aufgelesenen oder zugekauften, jedoch durchweg ausrangierten Materialien an seinem skurrilen Mikrokosmos. Inzwischen stehen in dem Wohngarten neben dem Haus des Künstlers eine Pension, ein weiteres Wohnhaus, eine Werkstatt, eine Art Waschküche, ein Altar und ein Museum.

Die Wege sind so eng gehalten, dass zwei Menschen nicht aneinander vorbeigehen können. Der Künstler hat extra kleine Ausweichbuchten geschaffen. Handys und Fotoapparate sind auf dem Gelände nicht erlaubt, lediglich von außen kann die Kamera einen Blick erhaschen. Die Privatsphäre möchte der 36-Jährige in seinem Heim respektiert wissen. Maximal 33 Gäste lässt Moore gleichzeitig auf seinem Grundstück zu. Zwei Besuchern pro Nacht gewährt er Unterkunft in einer kleinen Pension.

Begreift man den Weg durch Gareth Moores Heim als Rundweg, beantwortet erst ganz am Ende ein unscheinbares Schild einige der aufgeworfenen Fragen. Und die stellen sich mir beim Durchwandern der Anlage fortwährend. Die künstlerische Performance und das alltägliche Leben verschwimmen. Atelier und Werk sind eins.

Schnell ertappe ich mich beim Rundgang als Voyeur. Bin ich hier noch Kunstliebhaber oder zu Besuch in den privaten Räumen eines Fremden? Ohne schlechtes Gewissen kann jeder Gast beäugen, was Moore selbst als das Heiligste gilt. Es ist nicht nur gestattet, an diesem Ort herumzuschnüffeln, es ist erwünscht. Die meisten Gäste werfen sogar in das spartanische Klohäuschen einen Blick.

Bei meinen Besuchen werde ich den Gedanken nicht los, dass es sich bei dem Kunstwerk um eine Täuschung handelt. Lebt der Künstler wirklich hier? Auf einem Schild heißt es, dass er das Lager zum Pilzesammeln verlassen habe. Auf Nachfrage wird man stets vertröstet. Mit jedem Rundgang verstärkt sich mein Gefühl, eine Scheinwelt betreten zu haben. Auch wenn immer wieder versichert wird, dass hier alles echt und in Gebrauch sei, fehlt es an Leben an diesem Ort. Ständig ertappe ich mich aufs Neue, bei der Suche nach Beweisen für die Existenz eines Bewohners.

Mir drängt sich ein Wunsch auf: Einmal, wenigstens einmal, will ich den Künstler beim Wohnen beobachten. Und genauso hoffe ich, dass eben dies nicht passiert. Die Schwebe zwischen Wirklichkeit und Täuschung macht den Reiz dieses Kunstwerks aus.

Von Lasse Deppe

Quelle: mydocumenta

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