Plastik wurde an den Parthenon gerückt

Der Gefesselte: Kasseler Plastik ist jetzt documenta-Kunst 

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Neuer Platz: Sidur-Plastik ist an den Parthenon herangerückt worden.

Kassel. Zu der Zeit, als im Oktober 1974 in der Kasseler Innenstadt die wuchtige Plastik „Die Gefesselten“ aufgestellt wurde, war sein Urheber, der sowjetische Bildhauer Vadim Sidur (1924 – 1986) in seiner Heimat verleugnet und verfemt.

Erst nach seinem Tod wurde er unter Gorbatschow als „Künstler des Volkes“ rehabilitiert. Posthum wurde die Arbeit jetzt außerdem zum documenta 14-Kunstwerk geadelt.

Als ausdrucksstarkes „Monument für die Opfer der Gewalt“ passt Sidurs Arbeit gut in das politische Spektrum der documenta-Kunst. Und so hat es d14-Leiter Adam Szymczyk kurzerhand zum documenta-Kunstwerk erklärt. Für die 100 Tage Kunstschau rückt er die Metallplastik neu ins Licht. Hierfür hat er sie von ihrem ursprünglichen Standort neben dem Café Alex an der Oberen Königsstraße höchst attraktiv an einem temporären Standort auf der Westseite des Parthenon aufstellen lassen.

Zur gefälligen Stadtmöblierung geworden: In den 80er-Jahren umrankten Blumen den „Gefesselten“. Bänke luden zum gemütlichen Verweilen ein.

An einem regnerischen Herbstag im Oktober 1974 war das Kunstwerk eingeweiht worden. Der Kasseler Arzt und Kunstförderer Gottfried Büttner (1926-2002) hatte die Arbeit seines ukrainischen Freundes nach Kassel geholt. Als sie aufgestellt wurde, gab es Grußadressen unter anderem von Joseph Beuys und von Samuel Beckett, Künstlern, mit denen Büttner ebenfalls befreundet war. Der in Moskau lebende Sidur hatte auf sein Honorar verzichtet. Um die Plastik in Kassel gießen und aufstellen zu lassen, hatte Büttner eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Die letzte fehlende Summe in Höhe von circa 2500 Euro hatte der seinerzeit prominente sowjetische Regimekritiker Wladimir Maxinow beglichen.

Das Denkmal „Der Gefesselte“ von Vadim Sidur wurde im Oktober 1974 an der Oberen Königsstraße/Friedrichsplatz aufgestellt: Das Foto zeigt Dr. Gottfried Büttner, den Initiator (Mitte, mit Hut in der Hand) sowie (ganz links) Professor Herzog, den damaligen Direktor der Staatlichen Kunstsammlung und daneben Stadtbaurat Carsten Coordes. 3 Archivfotos: Seringhaus/nh

Der irische Schriftsteller Samuel Beckett (1906-1989) hatte die Initiative von Anfang an unterstützt. Die Skulptur bezeichnete er als „A visual memorial to the freedom of the spirit everywhere on earth“ (Ein Mahnmal für die Freiheit des Geistes, wo auch immer auf der Welt). Die Wertschätzung seiner Plastik in Kassel, so hatte Sidur Büttner geschrieben, sei eines der wichtigsten Ereignisse seines Leben“.

Von Sidur wird auf der d 14 eine weitere Arbeit präsentiert: In der Neuen Galerie kann man sein Video von 1973, „Monument to the Modern Condition“, sehen.

Grüner Hingucker: Die Arbeit der documenta-Künstlerin Georgia Sagri steht am ehemaligen Standort des „Gefesselten“.  

Etwas rätselhaft steht am ehemaligen Sidur-Standort für 100 Tage die schreiend grüne Plastik der griechischen documenta-Künstlerin Georgia Sagri mit dem Titel „Soma in orgasm as sex“ in Form eines überdimensionalen Penis’.

Auch d 13-Leiterin Carolyn Christov-Barkagiev hatte ein bereits in Kassel existierendes Kunstwerk nachträglich zum documenta-Beitrag erhoben: den Aschrott-Brunnen des Kasseler Künstlers Horst Hoheisel vor dem Kasseler Rathaus.

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