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Geflüchteter lebt im Sandershaus und berichtet über seine documenta-Eindrücke

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Von: Amir Selim

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Direkt vor der Haustür: Mohammad Dabbur im Zukunftsdorf, dass vor der alten Haferkakaofabrik liegt.
Direkt vor der Haustür: Mohammad Dabbur im Zukunftsdorf, dass vor der alten Haferkakaofabrik liegt. © Amir Selim

Es ist Halbzeit bei der documenta. Einige Kunstwerke sind bekannt, andere gilt es noch zu entdecken. Doch wie nehmen Leute die d15 wahr, die neben den Ausstellungsorten leben?

Kassel – Zum Beispiel Mohammad Dabbur. Er ist Geflüchteter aus Syrien und lebt im Hostel Sandershaus. Dieses liegt an der Sandershäuser Straße und ist documenta-Standort. Dazu gehört auch das Zukunftsdorf.

„Gut und laut“, sagt er über die documenta. Dass es laut ist, findet er gar nicht schlecht: „Das ist wie bei uns in der Heimat“, sagt er auf Arabisch und lacht. In Syrien ist es üblicher als in Deutschland, dass es bis spät in der Nacht laut bleibt, auch unter der Woche. Ohnehin sind die Menschen im Sandershaus durch Konzerte, die abends im Hostel stattfinden, an Musik gewöhnt.

Dabbur ist in Syrien aufgewachsen, hat in Damaskus gelebt und gehört zur palästinensischen Minderheit des Landes. Diese haben keine syrische Staatsbürgerschaft, sondern eine spezielle Aufenthaltserlaubnis für Syrien.

Seit März 2021 ist er in Deutschland. Seine damalige Frau in zweiter Ehe habe ihn hergeholt, berichtet er. Mittlerweile lebt er im Sandershaus. Von seiner Frau ist er geschieden. Derzeit absolviert er einen B1-Sprachkurs. Mit den gewonnen Sprachkenntnisse hofft er, in seinem gelernten Beruf als Florist arbeiten zu können.

Schwierige Wohnnungssuche in Kassel

Sorgen bereitet ihm die Wohnungssuche. Seit Mai 2022 leben sein Sohn Zakaria (15) und seine Tochter Sadil (13) aus seiner ersten Ehe bei ihm in Deutschland. Die Mutter der Kinder habe in der Heimat eine neue Familie gegründet. Zudem sei es in Deutschland sicherer. Seine Tochter Sadil sei in Syrien einmal von einer Patrone am Ohr verletzt worden, erklärt ihr Vater. Jetzt lebt die Familie auf sechs Quadratmetern im Sandershaus, direkt bei der documenta. Doch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig: Wegen der documenta und den Geflüchteten aus der Ukraine sei es zurzeit nicht so einfach, etwas zu finden, berichtet er.

Wenn Dabbur Zeit hat, versucht er, mit Besuchern des Sandershaus und der documenta ins Gespräch zu kommen. So verbessere er seine Sprachkenntnisse und lerne Neues über die Welt. Deshalb sei die Kunstausstellung eine Bereicherung. Er freue sich, dass durch die documenta viele internationale Menschen in Kassel sind. So habe er sich zum Beispiel mit den Künstlern von „Serigrafistas queer“ aus Argentinien unterhalten. Diese haben am Sandershaus ihre Kunst ausgestellt.

Dabbur ist dankbar, in Deutschland zu sein

Generell gefällt ihm an Deutschland, wie weltoffen die Menschen sind: „Man lernt hier ganz unterschiedliche Kulturen kennen“, sagt Dabbur. Grundsätzlich ist er dankbar, in Deutschland zu sein. Mit den Kindern spielt Dabbur in seiner Freizeit gerne Volleyball. Außerdem verbringen sie viel Zeit an der nahe gelegenen Losse.

Zakaria und Cadil besuchen die Offene Schule Waldau. Dort haben sie schon ein paar Freunde gefunden. Darunter Kinder aus Afghanistan und der Ukraine, die auch die Sprache lernen.

Wo es langfristig für die Familie hingeht, weiß er noch nicht. Sicher ist: In die frühere Heimat Syrien will er nicht zurück. Dort fühlt er sich als Palästinenser nicht gleichberechtigt. In Deutschland fühlt er sich wohl. Seinen Kindern geht es ebenso. Eine weitere Option wäre Dänemark. Dort leben drei Schwestern von Dabbur.

Bis dahin wird er weiter den Austausch mit documenta-Besuchern und Künstlern suchen. Auf Deutsch, Englisch oder Arabisch. Im Zweifel auch mit „Hand und Fuß“. (Amir Selim)

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