Kunstwerke seien kostenintensiv

"Auf Dauer nicht tragfähig": Geschäftsführerin findet documenta unterfinanziert

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Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der documenta, äußerte sich zur Finanzierung der Weltkunstausstellung.

Kassel. Die documenta, die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, könne sich auf Dauer nicht zur Hälfte selbst finanzieren, ist Annette Kulenkampff überzeugt.

Das bedeute nicht, dass bereits jetzt abzusehen sei, dass die d14 teurer werde als erwartet und ein Minus verursachen werde, ergänzte die documenta-Geschäftsführerin.

Die documenta-Pressestelle schlüsselte den Etat für die d14 jetzt auf HNA-Anfrage noch einmal auf: Der Wirtschaftsplan läuft über fünf Jahre. In dieser Zeit erhält die documenta und Museum Fridericianum gGmbH 14 Mio. Euro von den beiden Gesellschaftern Stadt Kassel und Land Hessen sowie 4,5 Mio. Euro von der Kulturstiftung des Bundes.

Den restlichen Finanzbedarf von 18,5 Mio. Euro, der für die Realisierung der Ausstellung notwendig ist – also die andere Hälfte –, muss die documenta selbst erwirtschaften: durch Verkaufserlöse aus Eintrittskarten, Katalogen und Merchandising sowie über Sponsoring. Zu den Sponsoren zählen die Sparkassenfinanzstiftung und VW. In Athen wird die documenta insbesondere durch das Auswärtige Amt sowie das Goethe-Institut unterstützt.

Tagestickets kosten in Kassel 22 Euro (für zwei Tage 38, Dauerkarte 100 Euro). In Athen, wo die documenta am 8. April beginnt, sind viele Ausstellungsorte frei zugänglich, die meisten Partnerinstitutionen erheben ihre regulären Eintrittspreise. Der Eintritt werde zur Kompensation der Kosten, die durch den Auftritt der documenta in den Institutionen entstehen, verwendet.

Zwar habe die documenta zuletzt wegen hoher Besucherzahlen stets einen Überschuss erzielt, sagte Kulenkampff im dpa-Interview: „Das ist aber immer eine Wette auf die Zukunft.“ Besonders im Verhältnis zur Finanzierung von Theatern sei die documenta durch die öffentliche Hand unterfinanziert. Die Festspiele in Bad Hersfeld erhielten etwa pro Jahr einen Zuschuss von rund sechs Millionen Euro, in fünf Jahren mit 30 Mio. Euro also deutlich mehr: „Wenn man an die internationale Strahlkraft der documenta denkt, stimmt hier das Verhältnis nicht.“

Vom Gesamtetat in Höhe von rund 6,8 Mio. Euro in diesem Jahr müssen die Festspiele aber ebenfalls mehr als die Hälfte durch Tickets und Sponsoring selbst generieren.

Die Kunstwerke seien meistens Neuproduktionen, so Kulenkampff, die Aufwendungen für Performance oder Film technisch und personell anspruchsvoll, die Umsetzung kostenintensiv. Das sei mit Theaterproduktionen vergleichbar. Die documenta komme für Personal, Infrastruktur, Transporte, Versicherungen, Architektur, Grafik, Publikationen und Reisen auf. 

Das sagt Minister Rhein

Annette Kulenkampff teilte mit, die Diskussion um die künftige documenta-Förderung sei im Kreis der Gesellschafter noch nicht geführt worden. Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst, hat ihre Kritik denn auch mit Erstaunen zur Kenntnis genommen – und fand sie „umso verblüffender, da Frau Kulenkampff dies bislang in den zuständigen Gremien nicht thematisiert hatte“. 

Das Land stelle für die d14 und den Ausstellungsbetrieb im Fridericianum 13,8 Mio. Euro bereit, 4,6 Mio. Euro mehr als vor fünf Jahren: „Damit ist die Landesförderung für die documenta höher als jemals zuvor.“ Es sei zudem falsch, Kulturangebote gegeneinander auszuspielen.

documenta: Athen nicht getrennt zu sehen

Zur Frage, wie sich im Etat der documenta 14 die Aufteilung zwischen Kassel und Athen gestalte, antwortete die Pressestelle, das Budget könne innerhalb dieser Doppelstruktur nicht voneinander getrennt betrachtet werden, sondern umfasse „beide Spielorte derselben Ausstellung als ein sowohl künstlerisches als auch finanzielles Projekt“: „Die künstlerischen Projekte und Konzeptionen für Athen und Kassel sind nicht ohne einander zu denken.“ Die gleichberechtigten Spielorte ergäben erst zusammen die d14. Die Künstler erarbeiteten Projekte, die sich aufeinander beziehen und in der gleichen Recherche- und Produktionszeit und mit gleichen Ressourcen entstehen. Selbstverständlich würde sich aus dem Standort Athen, aber auch zusätzlichen Spielorten in Kassel, zusätzlicher Förderbedarf ergeben, wie das bisher jedes Mal der Fall gewesen sei. 

Dafür sei zusätzlich Geld von internationalen Stiftungen, institutionellen, staatlichen und privaten Förderern weltweit eingeworben worden. Ursprünglich hatte die documenta die Kosten durchaus getrennt aufgeschlüsselt – anfangs hieß es, ein Zehntel des d14-Etats werde für Athen aufgewendet.

In unserem Spezial haben wir alle Artikel zur documenta 2017 für Sie zusammengefasst.

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