Über organisatorische Strukturen müsse nachgedacht werden

Geselle zur documenta: "Der Aufsichtsrat war handlungsunfähig"

Kassel. Die Personalie der Generaldirektorin ist geklärt - für Kassels OB Christian Geselle geht die Neuaufstellung der documenta weiter. Vielleicht mit weniger Macht für den Aufsichtsrat?

Als Generaldirektorin hat Dr. Sabine Schormann für Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle künftig die "Schlüsselfunktion" inne, um die documenta neu aufzustellen. Jetzt müsse über organisatorische Strukturen und die Ausstattung der Weltkunstausstellung ganz neu nachgedacht werden, sagte der 42-Jährige im HNA-Gespräch. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Geselles Vorstellungen.

Das Wichtigste ist doch jetzt erstmal die Berufung eines künstlerischen Leiters, oder?

Eigentlich müsste er zum 1. Januar 2019 seine Aufgabe übernehmen. Carolyn Christov-Bakargiev war Anfang Dezember 2008 berufen worden, Adam Szymczyk wurde Ende November 2013 ernannt. Doch selbst wenn der Kurator der d15 im Januar oder Februar gekürt würde, „sind wir noch im Zeitplan“, sagt Geselle.

Die Einberufung der Findungskommission werde mit Hochdruck vorangetrieben. Es gebe eine Liste möglicher Mitglieder, die kontaktiert worden seien, erarbeitet von den Gesellschaftern, der bisherigen Geschäftsführerin Annette Kulenkampff und der Kulturstiftung des Bundes. „Die Liste war nicht konfliktträchtig, es bestand Einigkeit“, sagt Geselle. Im Übrigen sei die Besetzung der Geschäftsführung auch wichtig gewesen für die Zusammensetzung der Findungskommission, weil die Kandidaten wissen wollten, mit wem sie zusammenarbeiten.

Bisher ist der Aufsichtsrat jeweils dem Vorschlag der Experten gefolgt. Stellt Geselle auch dieses Prozedere in Frage?

Er weist zumindest darauf hin, dass die Findungskommission „nirgendwo festgeschrieben ist“. Wie die Findung eines künstlerischen Leiters erfolgt, sei nicht schriftlich fixiert. „Das ist eine Frage, die geklärt werden muss: Wollen wir das als Teil der künstlerischen Freiheit festschreiben?“

Wie erklärt sich Geselle, dass die Vertreter der Kulturstiftung des Bundes ihre Mandate im Aufsichtsrat niederlegen wollen?

„Das frage ich mich auch“, sagt Geselle, wenn man ihn nach dem Grund fragt, warum sich die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz zurückziehen. So einfach gehe das auch nicht: Laut Satzung müsse die Stiftung zwei Sitze einnehmen, über ihr Ausscheiden und mögliche Ersatzkandidaten müsse die Gesellschafterversammlung noch entscheiden. „Beide haben zugesagt, der documenta weiter verbunden zu bleiben und sie nach Kräften zu unterstützen“, betont Geselle.

Sollte nicht der Bund verstärkt ins Boot geholt werden – und wie passt das zur Entscheidung der Vertreter der Bundeskulturstiftung, aus dem Aufsichtsrat auszuscheiden?

Geselle nennt die Aufnahme des Bundes in den Kreis der Gesellschafter nur eine von mehreren Möglichkeiten: „Die Frage ist, ob das am Ende besser wäre.“ Wichtig sei „die finanzielle Beteiligung des Bundes“. „Wir haben auch schon einen Draht nach Berlin.“

Zeigt der Rückzug, dass der Aufsichtsrat zerrüttet ist?

So sagt es Geselle nicht, aber er räumt ein, dass „das Agieren einiger Mitglieder in der Krisenzeit des vergangenen Jahres nicht immer hilfreich gewesen ist. Es gab unterschiedliche Auffassungen von Krisenmanagement, und es war erschreckend, wie löchrig dieses Gremium gewesen ist.“ Der Aufsichtsrat müsse „sachorientiert vernünftig“ arbeiten: „Dazu war er aber leider nicht immer in der Lage. Manche Mitglieder haben nicht im Sinne des Unternehmens gehandelt, sondern eigene Motive verfolgt. In der Krisensituation hat er sich also selbst handlungsunfähig gemacht.“

Deshalb ist der Aufsichtsrat also „entmachtet“ worden?

Auf alle Fälle hat seit November „die Gesellschafterversammlung als höchstes Gremium wesentliche Kompetenzen an sich gezogen, das Verfahren gesteuert und alle wichtigen Entscheidungen getroffen“, sagt Geselle: die Rettung der Gesellschaft vor der Insolvenz, die einvernehmliche Trennung von Annette Kulenkampff und die jüngsten Personalentscheidungen. Also auch den Aufbau neuer Strukturen.

„Aber natürlich wird der Aufsichtsrat weiter informiert“, betont der OB: „Wir unternehmen auch einiges, um mit allen Beteiligten ein vernünftiges Miteinander zu haben.“ Auf alle Fälle müsse der Aufsichtsrat im Sommer den Jahresabschluss 2017 feststellen – das sei rechtlich so vorgesehen.

Wer ist eigentlich die Gesellschafterversammlung?

Vertreten sind darin die beiden Gesellschafter Stadt Kassel und Land Hessen. „Das Land nimmt seine Interessen durch Staatssekretär Dr. Martin Worm vom Finanzministerium wahr“, erläutert Geselle: Kunst- und Wissenschaftsminister Boris Rhein sei aber „komplett involviert. Alles ist eng abgestimmt. Da gibt es überhaupt keinen Dissens. Wir arbeiten mit dem Kunst- und dem Finanzministerium eng und gut zusammen.“

Und weil das alles so gut läuft, soll der Aufsichtsrat künftig überflüssig sein?

Zumindest müsse auch im Hinblick auf die Gremien die Struktur der documenta überdacht werden. „Es muss geklärt werden, ob wir den Aufsichtsrat überhaupt noch brauchen.“ Ein Aufsichtsrat sei bei einer GmbH fakultativ. „Man kann Mitsprache auch anderweitig organisieren als über einen Aufsichtsrat“, etwa mit einem breiter aufgestellten Gremium mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur.

Geselle: „Wenn es ihn weiter geben sollte, kommt es auf die Besetzung und das Rollenverständnis seiner Mitglieder an. Ein documenta-Aufsichtsrat ist etwas anderes als der Kulturausschuss der Stadtverordnetenversammlung. In anderen Aufsichtsräten von Gesellschaften der Stadt läuft es besser.“

Wo sieht Geselle noch Anlass zu Veränderungen?

Optimierungsbedarf gebe es vom Controlling bis zur Software bei der Buchhaltung. Es müsse jemand rund um die Uhr für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich sein. „Wir müssen als Gesellschafter die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen: einen professionellen Rahmen und ein vernünftiges Budget“, unterstreicht Geselle. Dabei gehe es nicht darum, Freiheit und Flexibilität des künstlerischen Leiters zu beschneiden: „Darin liegt gerade der Reiz der documenta. Es geht um ein solides Fundament, damit er sich frei entfalten kann.“

Wie sieht es mit der Leitung des Fridericianums aus?

„Wir wollten die Besetzung der Direktion der MHK abwarten, denn wenn überhaupt, gibt es nur jetzt eine Chance, die Leitung des Fridericianums und der Neuen Galerie zu verknüpfen“, sagt Geselle. „Es kommt auf eine vernünftige Grundkonzeption und ein langfristig klares Konzept an. Diese Chance haben wir nur jetzt.“ Dr. Sabine Schormann und der neue MHK-Direktor Dr. Martin Eberle „kennen sich gut“, sagt Geselle. Auch für die Vakanz im Fridericianum gebe es schon Ideen.

Die beiden sollen es jetzt richten: Interimsgeschäftsführer Wolfgang Orthmayr (von links), Oberbürgermeister Christian Geselle und Dr. Sabine Schormann, die künftige Generaldirektorin der documenta, am Mittwoch bei der Pressekonferenz im Fridericianum.

Und was die Präsenz der documenta zwischen den Ausstellungen betrifft?

„Das ist eine wichtige Frage: Wie machen wir die Geschichte der documenta erlebbarer?“, sagt Geselle. „Da gibt es bereits inhaltliche Überlegungen für eine Dauerausstellung, die die Erlebbarkeit und den Wert der Marke documenta steigern kann.“ Möglich sei das nur im Zusammenwirken von mehreren Akteuren – „aber da denken zurzeit alle in dieselbe Richtung“. Wichtig ist Geselle: „Das documenta-Institut ist als Forschungseinrichtung wissenschaftlich ausgerichtet, aber auch der Normalbürger soll sich mit seinem Interesse an der documenta wiederfinden können.“

Und was sagt der OB zur anhaltenden Kritik gerade überregionaler Medien?

„Ich glaube, dass in der Stadtgesellschaft honoriert und anerkannt wird, dass wir in die richtige Richtung arbeiten“, sagt Geselle: „Wir können allerdings nicht immer alles gleich öffentlich kommunizieren und alles jederzeit transparent machen – was die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, auch vor dem Hintergrund eines anhängigen Strafverfahrens.“ Man müsse auch Nehmerqualitäten haben: „Einstecken gehört dazu. Wir treffen jetzt wichtige Entscheidungen, die zu einem späteren Zeitpunkt wirksam werden.“

Rubriklistenbild: © Malmus

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