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documenta: Kuratoren und Künstler haben Angst vor Zensur

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Von: Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse

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Sie und viele Künstler haben Angst vor Zensur: Die künstlerischen Leiter Ruangrupa mit (hinten von links) Iswanto Hartono, Reza Afisina, Farid Rakun, Ade Darmawan, Mirwan Andan (sowie vorn von links) Ajeng Nurul Aini, Indra Ameng, Daniella Fitria Praptono und Julia Sarisetiati.
Sie und viele Künstler haben Angst vor Zensur: Die künstlerischen Leiter Ruangrupa mit (hinten von links) Iswanto Hartono, Reza Afisina, Farid Rakun, Ade Darmawan, Mirwan Andan (sowie vorn von links) Ajeng Nurul Aini, Indra Ameng, Daniella Fitria Praptono und Julia Sarisetiati. © Nicolas Wefers

Ein Brief von Kuratoren und Künstlern zeigt, wie angespannt die Lage um die documenta ist. Die Autoren fürchten Zensur. Zudem klagen sie über Rassismus. Was sagt der Aufsichtsrat dazu?

Kassel – Angst vor Zensur, Rassismusvorwürfe und schlechte Arbeitsbedingungen – in einem Brief an den documenta-Aufsichtsrat haben die Kuratoren von Ruangrupa, Künstler und das Artistic Team nicht nur ihrem Unmut über das externe Expertengremium Luft gemacht, das Kunstwerke auf antisemitische Inhalte überprüfen soll. In Auszügen kursierte das Schreiben vom 18. Juli bereits im Netz. Nun haben es die Autoren in voller Länge auf der Plattform E-Flux veröffentlicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem brisanten Brief.

Um was geht es in dem Brief?

Im Mittelpunkt der Kritik steht das externe Beratergremium, das vom Aufsichtsrat vor zwei Wochen beschlossen wurde. Nach dem Antisemitismus-Eklat sollen Fachleute kritische Kunstwerke unter die Lupe nehmen. Die Autoren befürchten, dass das Gremium ein Zensurausschuss wird. Dies „wäre das Ende eines Zeitalters der Kunst, wie wir es bislang kennen“. Die Kuratoren und Künstler verweisen auf ihre Heimatländer, wo sie oftmals Zensur und Unterdrückung ausgesetzt seien. Zudem kritisieren sie, dass einzelne Standorte wie das WH22 und das Hübner-Gelände ohne ihr Wissen zwischenzeitlich geschlossen wurden, um Kunstwerke zu begutachten.

Welche weiteren Vorwürfe machen die Autoren?

Kuratoren und Künstler sind „tief enttäuscht“, dass der Aufsichtsrat den Rassismus und die Gewalt ignoriert habe, dem sie sich seit acht Monaten ausgesetzt sehen. Unter anderem wird der Einbruch in das Gebäude in der Werner-Hilpert-Straße 22 erwähnt, in dem das palästinensische Kollektiv The Question of Funding ausstellt. Der Ton des Briefs ist verbittert. Künstler hätten für viele Monate und zum Teil Jahre ihre Familien verlassen, um Kreativität und Liebe in die documenta zu stecken. Dies sei von Politkern und Medien nicht gewürdigt worden. Kritisiert wird zudem, dass viele nur befristete Visa hätten. Noch einmal betonen Ruangrupa und alle anderen Autoren ihre klar ablehnende Haltung zu allen Formen der Diskriminierung, auch Antisemitismus.

Wie reagieren die Gesellschafter Stadt und Land auf die Vorwürfe?

Offiziell gibt es weder vom Aufsichtsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Cristian Geselle (SPD), noch von Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) eine Antwort. In einem Brief des Aufsichtsrats an die Autoren vom 21. Juli, der der HNA vorliegt, heißt es jedoch, dass man deren Sorgen ernst nehme. Die externe Beratergruppe, die derzeit zusammengestellt wird, werde einen Bericht erstellen, auf dessen Grundlage die Kuratoren Entscheidungen treffen könnten: „Die kuratorische Verantwortlichkeit bleibt in Ihren Händen.“ Mit anderen Worten: Gegen den Willen von Ruangrupa wird zum Beispiel keine Kunst abgebaut. Auch Rassismus und andere Formen der Diskriminierung, denen sich die Künstler nach eigenen Angaben ausgesetzt sehen, würden ebenfalls ernst genommen – und sie seien mehrmals verurteilt worden.

Wie bewertet Interimsgeschäftsführer Alexander Farenholtz die Warnung der Künstler und Kuratoren vor Zensur?

Farenholtz will das Statement nicht allzu hoch hängen – es sei schon ein paar Tage alt und unmittelbar unter dem Eindruck des Aufsichtsratsbeschlusses verfasst worden. Deshalb artikuliere es Verunsicherung und Sorge vor Eingriffen in die Autonomie der Künstlerischen Leitung. Es gelte weiterhin, dass das, was auf der documenta fifteen zu sehen sei, allein in der Hand der Kuratoren liege. Es werde „keine Zensur, keinen Generalverdacht, kein Screening der gesamten Ausstellung“ geben. Die Vorwürfe, die Furcht von Künstlern vor rassistischen Angriffen sei nicht ernstgenommen worden, nennt Farenholtz ein komplexes Thema: „Bedrohung wird immer subjektiv erfahren. Man muss das ernstnehmen, wie immer sich einem der scheinbar objektive Sachverhalt darstellt.“

Zieht Farenholtz Konsequenzen aus der neuerlichen Antisemitismus-Debatte?

Farenholtz hat für den Umgang mit Beschwerden ein Procedere entwickelt, „das uns vor weiteren solchen Überraschungen schützt“. Die Besucherin, die auf den ihrer Ansicht nach problematischen Inhalt aufmerksam gemacht hatte, sei nicht über die juristische Klärung informiert worden, die algerische Broschüre sei ohne Einordnung erneut platziert worden. Daher hatte die Besucherin den falschen Eindruck: Meine Beschwerde hat nichts bewirkt – dann sei sie an die Öffentlichkeit gegangen.

Wird es die Kontextualisierung des Hefts geben?

„Daran wird in diesen Stunden gearbeitet“, sagte Farenholtz gestern Vormittag. Spätestens in den nächsten Tagen werde es eine Einordnung der Faksimiles geben. Seiner Darstellung zufolge hat die rechtliche Bewertung ergeben, dass es sich nicht um antisemitische Zeichnungen, sondern um historisches Material mit stark dokumentarischem Charakter handele – als eine Anklage der militärischen Aggression gegen die Bevölkerung.

Teilt Ruangrupa die Auffassung, dass eine Einordnung erforderlich sei?

Ja, sagt Farenholtz, und das sei tatsächlich ein Thema, „das originär bei der Künstlerischen Leitung liegt“. Es habe angesichts der apodiktischen Aufforderung der Gesellschafter – Stadt Kassel und Land Hessen – per Pressemitteilung, die Bilder vorübergehend aus der Ausstellung zu nehmen, bei Ruangrupa eine gewisse Verstörung gegeben. „Es besteht die Sorge vor einem Präzedenzfall – dass jedes Mal, wenn jemand den Finger hebt und strittige Werke ausmacht, diese entfernt werden oder auch ein Video abgeschaltet wird. Das kann nicht im Sinn einer kohärenten Ausstellung sein.“

Wie steht Ruangrupa zu dem Gremium, das das Antisemitismus-Thema aufarbeiten soll?

Auch da will sich Ruangrupa durch dieses „Beratungsangebot“, wie es Farenholtz formuliert, in die Ausstellung nicht hineinreden lassen. Er hofft, dass es möglichst schnell zu einer Begegnung von Ruangrupa mit diesem Gremium kommen kann: „Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Ruangrupa nicht mit großer Gastfreundschaft und Herzlichkeit auf diese Gruppe zugeht.“ Aber auch da müssten Gespräche erst in Gang kommen, Vertrauen müsse hergestellt werden. Er erhofft sich letztlich eine „Entlastung von den Auseinandersetzungen und von dem Druck, der auf der documenta lastet“.

Wie arbeitet Farenholtz mit Ruangrupa zusammen?

„Das ist ein vertrauensvolles Verhältnis“, sagt der Interimsgeschäftsführer. Man müsse bedenken, dass documenta-Leiter durch ihre jeweiligen Temperamente unterschiedlich kommunizierten. Der offene, den Medien zugewandte Jan Hoet 1992 und die zurückhaltende Catherine David 1997 seien extreme Beispiele. Bei Ruangrupa sei es ambivalent: „Die Mitglieder sind viel in der Ausstellung unterwegs und im direkten Kontakt mit dem Publikum.“ Interviews seien ihre Sache nicht: „Ihre Sprache ist die Ausstellung, der Dialog vor Ort, nicht die Pressemeldung. Damit müssen wir umzugehen lernen.“ (Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse)

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