60 Gründe, warum wir die documenta lieben

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Kunst im Zeitalter einer Bilderflut: 2012 zeigte der Chinese Yan Lei in der documenta-Halle Gemälde, die aufgrund von Internet-Funden entstanden waren. Jeden Tag wurde ein Bild in der Lackiererei des VW-Werks in Baunatal durch die Auszubildenden einfarbig übersprüht.

60 Jahre documenta - die HNA-Kulturredaktion hat in 60 Gründen zusammengefasst, warum die Weltkunstausstellung für Kassel unverzichtbar ist.

• weil hier alle fünf Jahre neu ausgehandelt wird, was Kunst ist und was sie zu sagen hat.

• weil die documenta nicht dem Markt hinterherläuft.

• weil man nirgends sonst so oft den Satz hört: Das könnte mein Enkel auch.

• weil sie Kassel immer wieder dazu bringt, sich seiner Geschichte zu vergewissern.

• weil sie auch entlegene Standorte für Kunst entdeckt – wie mit Thomas Hirschhorn die Kasseler Nordstadt.

• weil sie sowohl Laien anspricht als auch Spezialisten.

• weil sie uns alte Kunst neu erleben lässt - wie 2007 im Museum Schloss Wilhelmshöhe.

• weil sie ganz neue Orte in der Stadt erobert - ob den Kulturbahnhof, die Binding-Brauerei oder zuletzt den Nordflügel und das Hugenottenhaus.

• weil man dann in der Karlsaue Fahrrad fahren darf.

• weil sie die Kasseler Parkhäuser füllt.

 • weil sie Jobs für Kasseler Studenten und Schüler schafft.

• weil man nie die Beglückung durch einzelne Kunstwerke vergisst - wie auf der d 8 durch den Film „Der Lauf der Dinge“ von Fischli/Weiss mit seinen spektakulären Kettenreaktionen.

• weil man nie die Beklemmung durch einzelne Kunstwerke vergisst - wie Bruce Naumans Video mit dem rotierenden, schreienden Kopf zur dIX und Tania Brugueras Schuss-Installation zur D11.

• weil sie unseren Blick weitet

• weil der Kurator so frei von politischer Einflussnahme ist wie irgend möglich.

• weil auf der documenta auch Erdbeeren Wahlrecht haben.

• wegen der Erkenntnis, dass man nicht alle Kunstwerke verstehen muss: Kunst ist dazu da, um zu verwirren.

• weil man alle fünf Jahre nicht die Welt bereisen muss: Die Welt kommt dann nach Kassel.

• weil es danach auch wieder schön ist, Provinz zu sein.

• wegen Ai Weiwei.

• weil die Kunst die documenta braucht, um sich ihrer selbst zu vergewissern.

• weil die Kunst auch im digitalen Zeitalter reale Orte braucht.

• weil die Kunst im digitalen Zeitalter überall sein kann, nicht nur in den Metropolen.

• wegen Joseph Beuys.

• weil die documenta-Halle ohne documenta ihren Sinn verlieren würde.

• weil man höchstwahrscheinlich einem Werk von Gerhard Richter begegnet.

• weil auch experimentelle Kunst eine Tradition braucht.

• weil es hier alle fünf Jahre allein um Kunst geht.

• weil von dieser Haltung auch Hotellerie und Gastronomie profitieren.

• weil Kunstwerke Orte der Kommunikation sein können - wie Mo Edogas „Signalturm der Hoffnung“ auf dem Friedrichsplatz bei der dIX.

• weil die Kasseler die documenta inzwischen lieben.

• weil einige die documenta immer noch hassen.

• weil wegen der documenta Menschen weltweit Kassel kennen.

Spektakuläre Anordnung: Für die documenta 3 im Jahr 1964 wurden drei Bilder des Kölner Malers Ernst Wilhelm Nay unter die Decke gehängt. Ein frühes Beispiel für das später übliche Vorgehen, Werke gezielt bei Künstlern zu bestellen und sie in Wechselwirkung mit dem Raum zu inszenieren.

• weil die documenta in der Kunstwelt Autorität besitzt, ohne autoritär zu sein (außer, in einem Kirchturm taucht die Skulptur eines Mannes mit ausgebreiteten Armen auf ...).

• weil wir bei jedem blühenden Mohnfeld an Sanja Ivekovic denken müssen.

• weil man mit jedem Blick auf den Himmelsstürmer oder den Bronzebaum in der Aue Sehnsucht nach der nächsten documenta bekommt.

• weil man immer irgendwann raushat, wann die Schlangen vor den Eingängen nicht so lang sind.

• weil wir immer schon mal nach Athen wollten.

• weil die documenta alle fünf Jahre stattfindet und reflektierter ist als die kurzatmigen Biennalen.

• weil ein Sommer in Kassel nicht so heiß ist wie auf der Venedig-Biennale.

• weil man während jeder documenta merkt, dass man in den Jahren dazwischen viel zu selten im Fridericianum war.

• weil es immer mehr Kunst gibt, die man nicht in ein Museum packen kann - in Kassel ist Platz dafür.

• weil eine große deutsche Künstlergeneration - Polke, Baselitz, Lüpertz, Uecker - mit der documenta eng verbunden ist.

• weil sie die Wirklichkeit verändert wie beim „Video Walk“ im Kulturbahnhof.

• weil hier auch Tiere zu Kunst werden können - wie Rosemarie Trockels und Carsten Höllers Schweine (dX) und Pierre Huyghes scheue Windhunde Human und Senor (d13).

• weil bei einer documenta sogar Motoren beten wie 2012 bei Thomas Bayrle in der documenta-Halle.

• weil sie den Friedrichsplatz auf faszinierende Weise verwandelt.

• weil die Exponate so sorgfältig gepflegt werden - es funktionieren wirklich immer alle Videos, und verschmutzte Wände werden schnell nachgestrichen.

• weil aber auch mal etwas schiefgehen kann - wie der Anbau von Reis vor dem Schloss Wilhelmshöhe.

• weil man Kassel nach jeder documenta mit anderen Augen sieht.

• weil auf der documenta selbst Leitungswasser-Eis schmeckt - wie das „Disappea-ring Element“ von Cildo Meireles auf der D11.

• weil die documenta auch Kochen zur Kunst macht wie mit Ferran Adrià bei der d12.

• weil sie die Geduld auf die Probe stellt - wie im Film von James Coleman mit Harvey Keitel auf der d 12 und manch anderer zähen Videoarbeit -, aber weil diese Geduld sich oft auch wirklich lohnt.

• weil in Kassel noch Platz ist für weitere documenta-Kunstwerke.

• weil Kunst hier aber auch verschwinden darf - wie die Bilder von Yan Leis „Limited Art Project“ auf der d13, die nach und nach übersprüht wurden.

• weil sie Brad Pitt in die Stadt bringt.

• weil sie politische Brennpunkte bearbeitet.

• weil so viele tolle Selfie-Motive schafft.

• weil nur die Kunst endlich für Betrieb auf dem Flughafen in Calden sorgen kann.

• weil die documenta zu Kassel gehört wie der Herkules.

Zusammengestellt von Mark-Christian von Busse, Johanna Daher, Bettina Fraschke, Werner Fritsch, Matthias Lohr und Rebecca Rohrbach.

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